Sport : Skispringen: Müde Adler, schwere Flügel

Jörg Allmeroth

Mit Präzision und Leichtigkeit ist der kleine, große Adam Malysz auch bei den Willinger Skisprung-Festspielen der Konkurrenz auf und davon geflogen: 24 Stunden nach Platz zwei und einem sagenhaften Schanzenrekord von 151,5 Metern segelte der Weltcup-Spitzenreiter gestern vor 50 000 Zuschauern wieder wie ein Adler durch die Lüfte und landete bereits zum achten Mal in dieser Saison auf Rang Nummer eins. Mit zweimal 142,5 Metern sprang der nervenstarke Malysz in einer für alle Mitstreiter unerreichbaren Dimension, sicherte sich eine Wochenendprämie von knapp 60 000 Mark und baute seine Führung im Weltcup massiv aus. "Es ist wie im Märchen. Es scheint so, als ob ich nichts mehr falsch machen könnte", sagte Malysz, der von nahezu 1000 Landsleuten in Nordhessen frenetisch bejubelt wurde.

"Er dreht sein eigenes Ding - und wir schauen zu", sagte leicht betrübt Martin Schmitt, der sich gestern mit einem sechsten Platz für das Auftaktdesaster am Sonnabend wenigstens halbwegs rehabilitieren konnte. Sven Hannawald, wie Schmitt beim ersten Akt des Willinger Weltcup-Spektakels, nach einem völlig verkorksten Durchgang ausgeschieden, kam am Sonntag auf Platz acht, also wieder einmal unter die Top Ten. Die bescheidener gewordenen Deutschen waren später mit dem Platz in Halbdistanz zur absoluten Spitze zufrieden: "Es geht jetzt wieder von Sprung zu Sprung aufwärts", sagte Schmitt, "wir finden unsere Form langsam zurück." Hannawald sprach von einer "leichten Stabilisierung, die vielleicht das Selbstbewusstsein zurückbringt."

Schmitt und Hannwald hatten am Sonntag besonders im ersten Durchgang überzeugt. "Als sie dann im zweiten Sprung alles auf eine Karte gesetzt haben, war wieder eine leichte Verkrampfung zu spüren", sagte Heß, "aber ich bin nicht unzufrieden mit dem Abschneiden." Schon von vornherein hatte Heß dem Schielen nach Sieg oder Medaillenplätzen abgeschworen, sondern nur darauf gehofft, "daß die beiden endlich wieder zu sich selbst finden, sich gut konzentrieren und die Rückschläge der letzten Tage verdauen."

Schmitt hat gleichwohl eine stärkere, wenn auch nicht eine goldene Perspektive für die in 14 Tagen beginnenden Weltmeisterschaften in Lahti. "Bei ihm ist immer noch das Problem, dass er sich damit abzufinden hat, nicht mehr automatisch auf Platz eins zu springen", sagt Experte Dieter Thoma, "in dem Moment, wo er akzeptiert, dass er gleichwertige, sehr starke Konkurrenz hat, ist er auch wieder in der Spitze dabei." Noch wolle Schmitt "mit aller Gewalt" nach vorne, sagte Trainer Heß, "und dies in der Einschätzung, dass er da nun mal absolut hingehört." Erst wenn diese innere Blockade und Verkrampfung abgestellt sei und Schmitt sich auch noch mehr auf seine ureigensten Fähigkeiten besinne, so Heß, "wird er den Durchbruch schaffen."

Ob die Deutschen schon bei der WM wieder Qualitäten für Spitzenplätze entwickeln können, bleibt fraglich. Denn bei eigener Formkrise ist den DSV-Topstars nicht nur Malysz weit enteilt. Auch Österreicher und die Finnen haben sich in glänzende Ausgangspositionen für das WM-Championat gebracht. Einen Tag nach dem Triumph von Ville Kantee sprang Risto Jussilainen auf Platz zwei. Matti Hautomaeki wurde Dritter und bestätigte den Eindruck, dass die Finnen derzeit die stärkste Sprungfraktion bilden.

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