Skispringen : Severin Freund und seine Teamkollegen im Rampenlicht

Lange standen Severin Freund, Richard Freitag und Andreas Wellinger im Schatten ihrer großen Vorgänger. Doch das ändern sie nun.

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Hoch hinaus. Severin Freund bei der Arbeit.
Hoch hinaus. Severin Freund bei der Arbeit.Foto: dpa

Sie sind bereits in absoluter Ekstase, die Organisatoren der Vierschanzentournee. Mehr als drei Wochen vor dem wichtigsten Skisprung-Großereignis dieser Saison können sie eine Erfolgsmeldung nach der anderen verkünden. „Der Vorverkauf ist in allen Orten auf einem neuen Rekordniveau“, frohlockt Tournee-Präsident Michael Maurer. Es gebe einen „wahren Hype“. Sonst hieß es in den vergangenen Jahren zu diesem Zeitpunkt immer: Es gibt noch richtig viele Karten. 

Von grandiosen Zuschauerrekorden und einem Boom des Skispringens war in Deutschland zuletzt vor mehr als einem Jahrzehnt die Rede. Es war die Zeit von Sven Hannawald und Martin Schmitt. Beide feierten nicht nur bei der Tournee Erfolge, wurden Olympiasieger und Weltmeister, sie waren auch Medienhelden, die von Jugendlichen wie Popstars angehimmelt wurden.

Nachfolger solcher Überathleten haben immer Pech. Ständig werden sie an den bedeutenden Vorgängern gemessen – können dabei aber eigentlich nur verlieren. Auch Severin Freund, Richard Freitag und Andreas Wellinger mussten Vergleiche mit Hannawald und Schmitt über sich ergehen lassen, seitdem sie ihre ersten kleinen Erfolge im Weltcup errungen hatten. Doch wirklich heran kamen sie nicht an die Stars von damals. Zu außergewöhnlich waren Schmitt und Hannawald, bei den sportlichen Triumphen und ihrer medialen Strahlkraft. Diesem Vergleich konnten Freund, Freitag und Wellinger einfach nicht standhalten. Bisher zumindest.

Denn nun sieht es so aus, als könnten sich die drei deutschen Skispringer tatsächlich emanzipieren von ihren dominierenden Vorgängern. Selbst Martin Schmitt ist davon überzeugt. „Die drei können aus den großen Fußstapfen heraustreten und ihre eigenen Marken setzen“, sagt der 37-Jährige dem Tagesspiegel. „Vielmehr sind sie es nun, die die Maßstäbe für spätere Generationen bestimmen können.“ Das hat vielfältige Gründe – und nicht nur sportliche.

Natürlich ist das gestiegene Interesse an Freund, Freitag und Wellinger vor allem mit ihren Erfolgen an den Schanzen verknüpft. In den vergangenen beiden Jahren gewannen sie zahlreiche Titel: Freund und Wellinger gehörten 2014 zu der Mannschaft, die Gold bei den Olympischen Spielen in Sotschi holte, Freund und Freitag wurden im Februar mit dem Mixed-Team Weltmeister, Freund siegte bei der WM auch im Einzel und gewann obendrein noch den Gesamtweltcup.

Severin Freund gewann am Samstag den Weltcup in Lillehammer

In diesen Winter sind die drei stark gestartet. Beim Saisonauftakt in Klingenthal gewannen sie das Teamspringen, beim ersten Einzelwettkampf wurde Freund Dritter, Freitag Vierter und Wellinger Sechster. Noch besser lief es am Samstag, zumindest für Freund: Er gewann den Normalschanzen-Wettbewerb in Lillehammer, Freitag und Wellinger belegten die Plätze 16 und 20. An diesem Sonntag steht dort ein weiteres Springen an (14.45 Uhr/ZDF und Eurosport).

Der Vergleich mit Hannawald und Schmitt wog für die drei auch deshalb so schwer, weil ihnen ihre Vorgänger immer als die echten Typen und Charaktere vorgehalten wurden. Als Sportler, die wahre Ausstrahlung besaßen und die auch Menschen begeisterten, die sich zuvor gar nicht für das Skispringen interessiert hatten. Schließlich gaben Hannawald und Schmitt auch den Boulevardmedien und dem Privatfernsehen Anlass, über sie zu berichten. Mädchen hängten von ihnen „Bravo“-Poster an ihre Zimmerwände. Besonders Hannawald umwehte stets ein gewisser Glamourfaktor.

Bei Freund, Freitag und Wellinger hieß es oft, sie seien zu brav, zu normal. Außer Skispringen hätten sie nichts zu bieten. Das stimmte natürlich nicht, aber mittlerweile trauen sich die drei immer deutlicher zu betonen, dass sie mehr sind als junge Männer aus der bayerischen und sächsischen Provinz, die besonders gut von einer Schanze herunterkommen. Sie sind smarte Athleten, die alle auch ihre Rückzugspunkte haben. „Die drei sind total unterschiedliche, interessante Persönlichkeiten“, sagt Schmitt. „Und sie sind auf einem guten Weg, der Öffentlichkeit mehr über sich zu zeigen.“

So ist Freund ein Musikfreak. Ständig sucht der 27-Jährige nach neuen Songs. Und wenn er über seine Entdeckungen spricht, klingt der Bayer gar nicht mehr wie der stets abwägende, etwas reservierte Wintersportler. „Ohne Hip Hop würde es bei mir nicht gehen. Deswegen: Hört ,Strong As An Oak’ von Watsky. Extrem gewitzt, gute Beats und guter Vibe“, sagt Freund und empfiehlt gleich noch zwei deutsche Indie-Bands: „Annenmaykantereit“ und „Cosby“ machen Musik, die einfach immer funktioniere, sagt er.

Richard Freitags große Begeisterung gilt dem Motorsport. Bisher zwar nur als Zuschauer, im Sommer war der 24-Jährige bei Rennen am Sachsen- und Lausitzring sowie in Oschersleben. Bald wolle er selbst auch mal Rennen fahren, sagt er. „Der Adrenalinkick hat mich eben gepackt.“ Berichtet er von seinen Rennbesuchen, kommt seine lockere Art umso deutlicher zum Vorschein. Der Sachse setzt sein verschmitztes Grinsen auf und erzählt von Grimassen-Selfies mit Motorradweltmeister Marc Marquez: „Ich wollte auf keinen Fall ein steifes Foto.“ Freitag haut abseits der Wettkämpfe Sprüche raus wie sonst nur Thomas Müller von den Bayern. Doch während er früher zurückhaltend wirkte, traut er sich nun deutlich mehr zu. „Richard ist auf dem Weg, sich zu öffnen“, sagt Bundestrainer Werner Schuster. „Und ich merke, das kommt gut an.“

Freund und Freitag sind keine erbitterten Konkurrenten, sondern Zimmerkollegen

Wäre Andreas Wellinger nicht Skispringer, er würde wahrscheinlich von Strand zu Strand reisen. Seine zweite Leidenschaft ist das Surfen. „Wenn ich auf dem Brett stehe, kann ich von allem abschalten“, sagt der Ruhpoldinger. „Das ist extrem.“ Sobald Wellinger über das Surfen redet, zeigt sich ebenfalls schnell: Er ist schon deutlich reifer und reflektierter, als man von einem 20-Jährigen, der gerade sein Abitur gemacht hat, erwarten würde. „Andreas war immer schon etwas extrovertierter als die anderen beiden“, sagt Schuster. „Er muss stattdessen noch lernen, nicht jeden Tag der Sonnyboy zu sein und jedem alles recht machen zu wollen.“

So viele Facetten wie Freund, Freitag und Wellinger bieten, mittlerweile sind sie eigentlich spannender als Hannawald und Schmitt früher. Hinzu kommt, dass ihnen noch viele erfolgreiche Jahre bevorstehen. Denn Schuster ist überzeugt: „Es gibt bei allen noch Entwicklungspotenzial.“ Freund könne sich selbst auf seinem konstant hohen Niveau noch steigern, Freitag habe seine beste Zeit noch vor sich, und Wellinger besitze wirklich großes Talent, sagt der 46-Jährige. „Hinzu kommt, dass die drei menschlich auf einer Wellenlänge sind und sich gut verstehen. Sie wissen, wie man sich gegenseitig unterstützt und vorankommt.“

Begonnen habe diese „göttliche Fügung“, wie Schuster es nennt, mit Freund und Freitag. Die beiden Besten im Team sind keine erbitterten Konkurrenten, sondern Zimmerkollegen. „Nur gemeinsam konnten sie es schultern, mit den hohen Erwartungen umzugehen und die Verantwortung zu übernehmen“, sagt er. „Würden sie sich Grabenkämpfe liefern, ginge die entscheidende Energie verloren.“

So beschreibt der Bundestrainer das Miteinander seiner drei besten Athleten als überaus produktiv. Und dazu gehöre auch „eine gewisse Dynamik. Denn es gibt keine einbetonierte Rollenverteilung“. Schließlich existiert zwischen ihnen noch immer vor allem ein Wettkampf. „Andreas Wellinger wird sich nicht ewig mit dem Status als Nummer drei zufrieden geben“, sagt Schuster und ergänzt: Aber nur mit solch einem Antrieb könnten die drei dem deutschen Skispringen noch eine tolle Ära ermöglichen. Diesen Anspruch hat auch Martin Schmitt an seine Nachfolger: „Ich erwarte, dass diese Hochphase bis Olympia 2018 anhält, mindestens.“

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