Sport : Skispringen: Tempo stinkt

Benedikt Voigt

Kurz bevor man Peter Lange sieht, kann man ihn schon riechen. Nicht, dass er selber einen auffälligen Geruch ausdünsten würde, aber das, was er macht, hinterlässt eben Spuren in der Luft. Keine angenehmen allerdings, vielmehr stinkt es an seinem Arbeitsplatz, als brenne Kunststoff auf einer heißen Kochplatte an. Peter Lange sagt: "Manchmal vermisse ich diesen Geruch."

Der 55-Jährige steht neben dem Olympiastadion von Garmisch-Partenkirchen in einem Bretterverschlag und überzieht die Skier der deutschen Skisprung-Nationalmannschaft mit Wachs. Das stinkt. Wachser könnte man Lange nennen oder Schleifer, denn so hat er im Auftrag des Deutschen Skiverbands (DSV) die Skier bereits in seiner Werkstatt in Klais präpariert. Er selber bezeichnet sich als Skitechniker, und damit hat der Vogtländer bei der Vierschanzentournee eine wichtige Position inne. Von der richtigen Behandlung hängt die Anlaufgeschwindigkeit ab, die wiederum die Weite entscheidend beeinflussen kann. Schon ein Kilometer pro Stunde weniger verkürzt bei einer Weite von 120 Metern den Sprung um zehn bis zwölf Meter. So lastete vor der Vierschanzentournee ein großer Druck auf Lange, denn Martin Schmitt fuhr zu langsam an. Der Kotrainer Wolfgang Steiert musste seinen Skitechniker verteidigen: "Was früher richtig war, kann jetzt nicht plötzlich alles falsch sein."

Inzwischen aber zählen die deutschen Anfahrtsgeschwindigkeiten zu den besten. Georg Späth schoss beim Neujahrsspringen mit 90,3 km/h am schnellsten über den Schanzentisch, er ist mit 1,87 Metern allerdings auch der größte aller Skispringer. Martin Schmitt zählte mit 89,9 km/h zur Spitzengruppe. Schon in Oberstdorf hatte er seinen Skitechniker nach dem Sprung gelobt. "Speedy-Peter hat er mich genannt", erzählt Lange. Zu den Athleten pflegt er ein herzliches Verhältnis, immerhin verbringen sie einen Großteil des Jahres gemeinsam. "Peter Lange nimmt es persönlich, wenn man schlecht springt", sagt Alexander Herr. Und das nicht nur wegen der Anlaufgeschwindigkeiten.

Die Vierschanzentournee bringt ihm großen Stress. Ab sieben Uhr steht er in seinem Bretterverschlag, nach jedem Sprung kann er noch kleine Korrekturen anbringen und nach dem Wettbewerb müssen alle acht Paar Skier der A-Kaderathleten erneut gepflegt werden. "Das geht dann bis 22 Uhr", sagt Lange. Hinzu kommen noch Reisen zu den einzelnen Tourneeorten. Zu den jeweiligen Skitechnikern der anderen Länder hat er das gleiche Verhältnis wie die Athleten untereinander: "Wir sind Konkurrenten." Doch es würde nicht viel bringen, einen Blick zum Nebenmann zu werfen. "Wachsmäßig ist so ziemlich alles ausgereizt", sagt Peter Lange, "aber schliffmäßig gehe ich andere Wege - ob das der richtige ist, sei dahingestellt." Das passiert allerdings bereits in seiner heimatlichen Werkstatt.

Peter Lange nimmt zwei Rossignolbretter und träufelt heißes Wachs auf die Unterseite. Es sind die Skier der Nation, auf ihrer Vorderseite hat jemand mit Filzstift geschrieben: "Sven Hannawald, Germany, 01/02". Lange verteilt das Wachs, zieht es mit einer Klinge ab, und bürstet die Unterseite aus. Er weiß es noch nicht, aber am nächsten Tag werden diese beiden Bretter in Garmisch-Partenkirchen zum Sieg fliegen.

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