Skispringen : Toni Innauer: Vom Himmel gefallen

Toni Innauer war der weltbeste Skiflieger. Dann stürzte er ab, wurde vom Star zum sensiblen Menschen. Heute ist er Sportphilosoph und räumt in seiner Biografie mit den Mythen des Sports auf.

Gunter Gebauer
Sprung nach Liebe. Um sich endlich die Anerkennung seines Vaters zu erwerben, hüpfte Toni Innauer im Alter von 12 Jahren über das Dach des elterlichen Hauses.
Sprung nach Liebe. Um sich endlich die Anerkennung seines Vaters zu erwerben, hüpfte Toni Innauer im Alter von 12 Jahren über das...Foto: privat

Erst das: Olympiasieger, Weltcupgewinner, Weltrekordler, Idol einer Nation. Dann das: zertrümmerter Knöchel, Ende der Karriere. Die Niederlage seines Lebens erfährt der Skiflieger Toni Innauer im Alter von 22 Jahren, als er 1980 in St. Moritz abstürzt. „Ich lag zu Hause im Bett und wusste nicht, was ich vorhaben könnte“, schreibt er nun in seinem Buch „Am Puls des Erfolgs“. Es gibt keine Leitplanken für das, was kommen würde: Verlust der Rolle, „von der ich geglaubt hatte, dass sie mir ein ganzes Leben lang zusteht“, Entzugserscheinungen, Bedeutungslosigkeit. „Ich war Geschichte.“

Es gibt Momente beim Lesen dieses Buches, in denen man über Innauers Offenheit erschrickt. Etwa wenn er über seine Niederlagen spricht, wie er sich in eine Ecke verkriecht und heult. Oder wie er als geschlagener Olympiafavorit (in Innsbruck 1976) nur eine Silbermedaille errang, die er verfluchte. Seine autobiografische Schrift bildet ein Mosaik aus Reflexionen über den alarmierenden Zustand des Spitzensports heute. Mit großer Selbstgewissheit räumt hier ein Sportidol den Mythos seiner eigenen Person ab; jeden Mythos im Sport. Nicht auf ein Denkmal blickt der Leser, sondern in das Innere eines sensiblen, verletzlichen Menschen.

Ein ehemaliger Überflieger, dem als Junge alles gelang und der nach dem Scheitern ein neues Leben beginnt: mit einem Studium, das er mit einer Magisterarbeit über Sportphilosophie abschließt; als Trainer, als Sportdirektor. In der Niederlage erwirbt er zwei Eigenschaften, die er im Strom seiner Erfolge nicht kannte: Einfühlungsvermögen und Mitgefühl.

Anders als fast alle seiner Heldenkollegen glaubt Innauer nicht an den Heroismus des Athleten, der so tut, als sei er mit seinen Qualitäten vom Himmel gefallen. Aber wie kein anderer vermag er den Leser vom hohen Wert des Sports zu überzeugen, von der Ergriffenheit angesichts gewaltiger Leistungen. Diese Motive, von den Medien heute oft zu leeren Phrasen für ein gläubiges Publikum gemacht, erhalten hier Lebendigkeit und Glanz. Innauers Überzeugung von der Chance, die eine Niederlage verschafft, wenn man sie überwindet, ist nicht neu – bei ihm aber wird sie zur tiefen Einsicht: Mit dem Scheitern wird die Möglichkeit gegeben, den Sport und sich selbst anders zu sehen. Spitzensport ist nicht Himmelsstürmerei, sondern ein hoher Sprung, der nur gelingt, wenn man unter sich ein Netz aus Gedanken, Sensibilität und inneren Orientierungen geknüpft hat. Ein solches Sicherungsnetz stellt eine intellektuelle Leistung dar, ohne die der Athlet ausgeliefert ist – ausgeliefert an ein immer mehr verkommendes Sportsystem, an die Gier der Funktionäre, Veranstalter und der Öffentlichkeit, an die Verlockungen des Geldes und des Dopings.

Woran genau soll der Athlet glauben? Bestimmt nicht an das Bild, das andere von ihm gemacht haben. Es kommt darauf an, einen Zugang zu seinem unverstellten Leben zu erhalten, auf die Fähigkeit, sich darüber klar zu werden, was für ein Mensch man durch die Ausübung von Spitzensport geworden ist. Eine solche Haltung hat Toni Innauer die Fähigkeit gegeben, als Trainer und Sportdirektor für seine Skiflieger zu arbeiten. Keiner hat so viele Talente entdeckt, geformt, im Wettkampf begleitet wie er.

Toni Innauer zieht sich mehrmals ausgebrannt aus dem Sport zurück. Es gibt zu viele Kräfte, die hier nichts anderes als ein großes Geschäft sehen und nicht im Traum daran denken, Verbesserungsvorschläge eines Magister Innauer anzunehmen. Als sich Hinweise auf Doping mit Epo in den nordischen Skiwettbewerben häufen, fordert er 1998 die Einführung eines neu entwickelten Kontrollverfahrens – er erhält, obwohl Sportdirektor des österreichischen Verbands, nicht einmal eine Antwort. Angesichts des mangelnden Willens, gegen Drogen vorzugehen, schließt er für sich: „Dann will ich nicht Teil dieser Welt sein.“ Er zieht sich aus dem Langlauf zurück. Sein Nachfolger wird Walter Mayer. „Die Geschichte nahm ihren Lauf“ – sie kulminiert bei den Olympischen Spielen in Turin mit der skandalösen Entdeckung von Dopingutensilien im österreichischen Mannschaftsquartier.

Skiflieger sind sensible Menschen – sie müssen „die Luft für sich gewinnen“. Ihre Empfindsamkeit für Luftströmungen, Winde, für die Neigung der Schanze, die Geschwindigkeit des Anlaufs und den rechten Moment des Absprungs macht sie labil; sie haben Angst vor dem Scheitern. Andererseits stürzen sie sich in halsbrecherische Risiken wie Zirkusakrobaten. „Ein schwerer Sturz reißt furchterregende Löcher in ihr Sicherheitsnetz. Es muss Masche für Masche geflickt werden.“ Die Enttäuschung der gestürzten Favoriten muss in Hunger nach Erfolg umgespannt werden. Sprungfehler entstehen oft aus einer Fülle winziger Details; nur mit Intuition und Sachkenntnis lässt sich an ihnen feilen. Feinfühligkeit und Gelassenheit hat Toni Innauer im Umgang mit seiner Schwester, die das Downsyndrom hat, gelernt. „Sie lehrte mich Respekt vor Dingen, die mir so leichtfielen, dass ich sie nicht bemerkte, und die für sie so schwierig waren, dass sie einen persönlichen Weltrekord aufstellen musste, um sie zu bewältigen. Ich begriff, dass es Wichtigkeiten gibt, die keine Reihung vertragen.“

Vielleicht die wichtigste Aufgabe, der Innauer sich stellt, ist es, Anerkennung zu gewinnen. Mit diesem Thema stößt man auf den Kern des ganzen Buchs. Wieso ist Anerkennung für einen so erfolgsverwöhnten Menschen ein Problem? Ohne indiskret zu werden, spricht er von den familiären Beziehungen, die sein Leben grundieren: zu seinem Vater und zu seinem Sohn. Sein Vater hatte sich eine Tochter gewünscht; es wurde Sohn Toni geboren, an einem 1. April. In seinem Leben, das mit der Weigerung des Vaters begann, ihn anzusehen, ging es fortan darum, die väterliche Anerkennung zu erringen. Mit dem Vater geht er ins Holz, auf die Jagd, spielt er Schach. Der Vater ist das große Vorbild – er hat die rechte Technik des Holzschlagens, er ist ein verwegener Wilderer, er schlägt seinen Sohn beim Schachspielen. Könnte es sein, fragt er sich als Kind, dass ich einmal jemand sein werde, „bei dessen Anblick der Vater jubeln“ würde? Mit 12 Jahren springt Toni auf Skiern über das Dach des väterlichen Hauses hinweg.

In der nächsten Generation steht sein Sohn Mario: ein feingliedriger, schmaler Junge mit außergewöhnlichem Talent zum Skifliegen. Mit 16 Jahren gehört Mario schon zu den Besten der Welt, wie zuvor der Vater. Dann verkrampft er, rutscht ab und „wünscht sich, dass ich mich komplett aus seiner Betreuung zurückziehe“. Mit all seiner Kenntnis und Feinfühligkeit kommt der Vater nicht mehr an den Sohn heran. Es ist, als habe Toni das Buch insgeheim für Mario geschrieben, den er jetzt nur von Weitem beobachten kann.

Gunter Gebauer ist der bekannteste deutsche Sportphilosoph. Der Rezensent lehrt an der Freien Universität Berlin.


Toni Innauer:

Am Puls des Erfolgs. Christian Seiler Verlag, Fahndorf 2010. 366 Seiten. 24 Euro.

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