Sport : Skispringen: Willinger Weltcup Wahnsinn

Jörg Allmeroth

Als Adam Malysz gestern trotz eines neuen Schanzenrekords (151,5 Meter) noch Platz eins vom schmächtigen Finnen Ville Kantee entrissen wurde, da waren Martin Schmitt und Sven Hannwald vor 50 000 Fans nur noch frustrierte Augenzeugen. Mit Platz 44 und 50 im ersten Durchgang qualifizierten sich Deutschlands Vorzeigespringer nicht einmal fürs Finale.

"Es läuft einfach nichts zusammen. Wir haben einen Aussetzer nach dem anderen", sagte Schmitt zu der Krise in der WM-Vorbereitungsphase: "Die Probleme sind unerklärlich", sagte Trainer Wolfgang Steiert, "die Jungs sind total verunsichert."

Gefeiert wird in Willingen trotzdem. Oder jetzt erst recht. Denn Sport ist nicht alles für die gewaltige Touristenkarawane. Längst hat sich um das Springen an der Mühlenkopfschanze eine Atmosphäre zwischen Love Parade, Ballermann und Oktoberfest herausgebildet, die Willingen für drei Tage in einen Vergnügungspark verwandelt. "Die Party, die hier abgeht, ist gigantisch", sagt Hannawald, der sich aber nicht zu nah an die Fans heranwagt: "Die würden uns glatt erdrücken vor Begeisterung, da müsste man sich schon verkleiden."

Willingen wirbt mit der höchsten Kneipendichte ganz Deutschlands - auf den kleinen Wintersport-Flecken kommen 450 offiziell registrierte Kneipen, Cafés und Restaurants. Besonders berüchtigt ist der "Sauerland-Stern", das nationale Hauptquartier für enthemmte Kegelbrüder und -schwestern. Doch an diesem Wochenende wird eher bei "Don Camillo" gefeiert, einer zur Wirtschaft umgebauten Kirche mitten im Ortskern, in der sich sogar Ex-Olympiasieger Jens Weißflog sehen läßt. Oder auf "Siggis Hütte", 835 Meter hoch auf dem Ettelsberg, einem legendären Treff, in dem Bilder prominenter Besucher wie Franz-Josef Strauß oder Hans-Hubert Vogts hängen. Ausgebucht ist nicht nur Siggi, sondern jedes Räumlein in der 8500-Seelen-Gemeinde - und das schon seit dem Herbst. Im Fremdenverkehrsbüro werden Last-Minute-Übernachtungswillige ins 80 Kilometer entfernte Kassel verwiesen, da in und um Willingen kein Zimmer mehr frei ist, nicht mal eine Besenkammer. Die Leute, erzählt Organisationsboss Christian Trögeler, "rennen uns die Bude ein." Manchmal frage er sich schon, "ob diese Entwicklung hier wahr ist - oder nicht", sagt Pressechef Thomas Behle, der wie viele Helfer noch die Zeit vor Augen hat, als auf dem "alten Holzbock" die Europacup-Springen stattfanden.

Vergessen und vorbei. Im Hier und Jetzt ist Willingen einer der strahlendsten Schauplätze der Formel 1 des Winters, ein Standort, der seine Mission einerseits mit Ehrgeiz und Eifer, dann aber auch wieder mit liebevollem Blick fürs Detail, mit Charme und Herz erfüllt. "Hier wird dir wird dir jeder Wunsch von den Lippen abgelesen", sagt Martin Schmitt, "hier herrscht die gemütlichste, aber auch professionellste Atmosphäre im ganzen Winter." Fast 500 Helfer hat der Ski-Club Willingen in die Organisation eingespannt, vom Schanzentrupp bis zum Fahrdienst.

Die 300 000 Mark Preisgeld kann der Klub inzwischen locker ausschütten. Ticketverkauf, Merchandising und die gewichtigen TV-Einnahmen sichern den teuren Spitzensport in der nordhessischen Provinz locker ab. "An keinem Ort des Weltcup-Zirkus", sagt÷Öffentlichkeitsarbeiter Behle stolz, sei mehr zu verdienen als beim "Megaevent im Mittelgebirge".

Die Internet-Formel vom World Wide Web (WWW) haben die Willinger kurzerhand umgedichtet. WWW steht bei ihnen für Willinger Weltcup Wahnsinn. Und der soll weitergehen - weit über die vertraglich garantierte Laufzeit bis 2003 hinaus. "Ich denke", sagt Skiclub-Vorsitzender Trögeler, "dass an uns kein Weg vorbei führt". Willingen und sein winterlicher Frohsinn haben sich unentbehrlich gemacht.

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