Skiunfall : „Ab und zu gibt es einen Stich ins Herz“

Der gelähmte Schweizer Skirennfahrer Silvano Beltrametti über den Sturz, der 2001 sein Leben veränderte, die Rückkehr auf die Piste und die Paralympics

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Wieder unterwegs. Silvano Beltrametti war die größte Hoffnung des Schweizer Skirennsports. Am 8. Dezember 2001 überlebte er knapp...Foto: Robert Bösch

Herr Beltrametti, was denken Sie am Morgen, wenn Ihr Blick nach dem Aufwachen auf Ihren Rollstuhl fällt?

Es ist nicht so, dass ich jeden Tag an den Unfall denke. Aber im Dezember ist das Datum sehr präsent. Der 8. Dezember 2001 ist für mich ein zweiter Geburtstag. Dann ist es ganz klar, dass einen das emotional etwas aufweckt.

Welche Erinnerungen haben Sie an diesen Tag?

Ich weiß noch alle Details. Ich habe mich auf der Strecke sicher gefühlt und war gut unterwegs. Und dann kommt dieser Fahrfehler, der Sturz. Ich schneide mit den Kanten das Netz auf, spüre keinen Rückprall. Drei, vier Meter danach kam ein heftiger Aufprall, dann eine große Leere. Ein bis zwei Minuten war ich bewusstlos. Dann begann der große Kampf ums Überleben. Ich hatte brutale Rückenschmerzen und konnte mit dem vielen Blut, das in der Lunge war, kaum atmen. Das Rückenmark war ganz auseinander, der sechste und siebte Brustwirbel lagen nicht übereinander, sondern nebeneinander. Es war ein brutaler Moment, den ich kein zweites Mal erleben möchte.

Wie knapp sind Sie dem Tod entkommen?

Meine ganz persönliche Einschätzung ist: Wenn ich eingeschlafen wäre – und ich war danach sehr müde –, dann wäre es vorbei gewesen. Die Ärzte sagen, das Herz habe immer geschlagen. Deshalb können sie nicht sagen, dass die Situation messerscharf, hauchdünn war. Aber ich spürte, dass ich kämpfen muss. Für mich war klar, wenn ich die Augen zumache, dann ist es vorbei. Vielleicht hätten mich Maschinen am Leben gehalten, aber vom Gefühl her denke ich das nicht.

Hätte der Unfall vermieden werden können?

Jein. Sicherheitsmäßig ganz klar. Für mich ist die Antwort: Schicksal. Ich glaube, dass dieser 8. Dezember 2001 für mich als Schicksalstag bestimmt war. Ich bin davon überzeugt, wenn ich nicht diesen Unfall auf der Skipiste gehabt hätte, wäre bei der Heimfahrt auf der Autobahn irgendetwas passiert. Bei 1000 Abfahrten mache ich an dieser einfachen Stelle nur einmal einen Fahrfehler. Wenn ich nur ein wenig abgedreht ins Netz gekommen wäre, hätte ich es nicht aufgeschnitten. Ich fahre durch das Netz durch und pralle wohl gegen diesen Betonpfeiler. Das sind für mich alles so Puzzleteile, die mir sagen, dass es Schicksal ist.

Fällt es Ihnen heute schwer, Skirennen im Fernsehen zu sehen?

Nach sechs Jahren ist das kein Problem. Ich stehe wieder mit beiden Füßen im Leben. Ich habe beruflich wieder eine Aufgabe, eine Herausforderung, bin mittlerweile weit weg vom Spitzensport. Ich musste ja nach dem Unfall auch ziemlich schnell lernen, mich neu zu orientieren. Irgendwie loslassen, was gewesen war.

Was empfinden Sie bei Bildern wie jenen des Norwegers Svindal, der kürzlich schwer stürzte?

Das schmerzt. Das tut weh. In diesen Momenten kommt alles wieder hoch, was ich in den ersten Minuten gefühlt habe. Aber den Skisport nicht mehr anzuschauen und mich vor der Realität zu verstecken, wäre die falsche Lösung. Zwischendurch gibt es eben einen Stich ins Herz.

Wird für die Sicherheit im Skisport genug getan?

Genug wird nie getan. Das Problem sind die Finanzen. Die Pisten herzurichten, ist sehr, sehr aufwändig. Netze können immer noch durchschnitten werden. Als Fahrer würde ich natürlich sagen: Es muss sicherer und sicherer werden. Denn einen Unfall, wie er mir passiert ist, darf es in 15 Jahren nicht mehr geben. Im Moment würde er noch passieren.

Ein Jahr danach haben Sie die Unfallstelle noch einmal besucht. Haben Sie dabei Frieden geschlossen mit dem Berg?

Schon ein bisschen. Es war für mich wichtig. Irgendwo hatte ich einen Hass auf diesen Platz, auf diesen Berg. Deshalb wollte ich noch einmal dahin, wollte dort sitzen und gewisse Gespräche führen. Für mich. Und danach wollte ich sagen können: Für mich ist das jetzt abgehakt, jetzt schaue ich nur noch nach vorne. Vielleicht ist es zu vergleichen mit einem Weg ans Grab. Man nimmt Abschied.

Was bespricht man mit dem Berg, der sein Leben verändert hat?

Es ging nicht nur darum, mit meinem Schicksal zu hadern. Es ging auch darum, danke zu sagen. Und nach oben zu schauen und sagen zu können: Hey, ich bin froh, heute hier sitzen zu können. Ich bin froh, noch am Leben zu sein. Ich bin froh, so brutal es ist, im Rollstuhl zu sitzen, heute immer noch ein reiches Leben führen zu können. Ich habe nach dem Unfall unheimlich viel gelernt und daraus viele positive Momente gezogen. Ich bin anders mit dem Leben umgegangen. Als Sportler hätte ich manche Dinge nie so gesehen, doch nun habe ich gelernt, die schönen Momente bewusst zu genießen. Ich weiß heute, dass nichts selbstverständlich ist. Dafür muss man auch dankbar sein. Ohne den Unfall hätte ich nie diese Einstellung bekommen.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie Ihre neue Situation vollkommen akzeptiert hatten?

Bis nach der Reha, als ich ein Ziel erreicht hatte, nämlich die Selbstständigkeit zurückzugewinnen. Am Morgen wieder alleine aufstehen zu können, trotz Rollstuhl Auto fahren zu können. Gewisse Sachen hatte ich schon nach zwei Wochen akzeptiert. Ein Auslöser war eine Begebenheit auf der Intensivstation. Direkt hinter mir lag ein 14-jähriges Mädchen, das vom fünften Halswirbel abwärts vollkommen gelähmt war. Das bedeutet, dass sie ihr ganzes Leben lang nie die Arme bewegen kann, ihr ganzes Leben lang nie mehr alleine essen kann. Glauben Sie mir, in solchen Momenten ist man dankbar für sein Schicksal. Man ist froh, dass es nicht schlimmer gekommen ist.

Aus heutiger Sicht: Hat Ihnen der Skisport mehr gegeben oder mehr genommen?

Er hat mir mehr gegeben – obwohl ich nicht mehr gehen kann. Der Sport war für mich eine Lebensschule. Ich lernte, knallhart ein Ziel zu verfolgen, und mit Niederlagen und Rückschlägen, mit Druck und Stress umzugehen. Ich behaupte, wenn ich eine ganz normale Schule gemacht hätte, dann würden mir diese Dinge fehlen, um mein Leben erfolgreich zu gestalten. Ich kann heute wieder Sport treiben; ich fahre Ski und im Sommer mit dem Handbike. Ich kann beruflich eine Herausforderung meistern. Insofern ist nicht so viel verloren gegangen.

Wenn Sie jetzt wieder sehr viel Sport treiben – sind die Paralympics Ihr Ziel?

Ganz klar: Nein. Dann muss ich mir mit 33, 34 wieder beruflich etwas aufbauen. Denn auch bei den Behinderten musst du viel trainieren, wenn du an die Spitze kommen willst. Das ist keine Lösung, weil mir dann der Unfall nicht passiert wäre. Dann hätte der liebe Gott ja gesagt: Den Beltrametti lassen wir noch zehn Jahre Ski fahren. Ich muss von da oben gesteuert worden sein. Man will mit mir noch etwas anderes erreichen als im Sport.

Vielleicht in der Politik? Sie sind ja schnell für die Partei CVP in den Gemeinderat eingestiegen.

Das habe ich drei Jahre gemacht – und gemerkt, dass ich null Talent als Politiker habe. Ich bin zu sehr Sportler und komme mit den langen Entscheidungswegen nicht zurecht. Bei mir muss alles schnell entschieden werden.

Sie haben sich selbst einmal als Siegertyp charakterisiert. Wo gewinnen Sie heute?

Im Beruf setze ich mir genauso Ziele und will erfolgreich sein. Ich habe zum Beispiel drei Jahre die „Nacht des Schweizer Schneesports“ in Davos organisiert, das war ein Großevent, mit einem Budget von 1,1 Millionen Franken – das sind Erfolge. Nach dem Unfall stand ich ja mit Null da und habe erstmal drei Jahre eine Ausbildung gemacht. Ich wollte keinen Job, weil ich Silvano Beltrametti bin, sondern weil ich Ahnung habe. Das gibt mir Sicherheit.

Ist der Ehrgeiz auch im Sport geblieben?

Ich kann heute nicht Monoski fahren ohne das Ziel, die Kurve besser zu fahren als beim letzten Mal oder im August mit dem Handbike schneller auf der Hütte anzukommen als im Mai. Ich will mich verbessern. Nicht mehr um Hundertstelsekunden, auf einer anderen Ebene.

Eine private Frage: Leben Sie in einer Partnerschaft?

Ich lebe seit dreieinhalb Jahren in einer Beziehung. Sie ist auch aus Lenzerheide. Ich bin glücklich und zufrieden.

Ihre beiden besten Freunde sorgten sich nach dem Unfall, ob Sie noch Kinder bekommen könnten.

Schon auf der Fahrt von Val d’Isere zur Intensivstation nach Grenoble haben sie sich diese Frage gestellt. Die Antwort ist: Ja, ich kann Kinder zeugen. Aber es gibt Einschränkungen. Wir brauchen dazu eine künstliche Befruchtung.

Haben Sie noch Kontakt zu Florian Eckert? Er war es ja, der Ihnen 2001 bei der WM in St. Anton noch die Bronzemedaille um elf Hundertstel weggeschnappt hat, als niemand mehr damit rechnete.

Nach dem Unfall hatten wir Kontakt, seit seinem Rücktritt habe ich nichts mehr gehört. Ganz ehrlich, heute wurmt es mich schon, dass er mir die Medaille weggeschnappt hat. Nach dem Rennen habe ich gesagt: Kein Problem, ich habe noch Zeit. Diese elf Hundertstel werde ich noch irgendwann aufholen. Heute muss ich sagen, dass es leider die einzige Chance war, eine Medaille zu gewinnen.

– Das Gespräch führte Jörg Köhle.

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