• Slowenien - Jugoslawien: Volltreffer in die Seele - 65 Minuten schweben Sloweniens Fußballer im Himmel

Sport : Slowenien - Jugoslawien: Volltreffer in die Seele - 65 Minuten schweben Sloweniens Fußballer im Himmel

Martin Hägele

Als Höflichkeitsfloskeln und Bruderküsse ausgetauscht waren zwischen Srecko Katanec und Vujadin Boskov, kamen mit der letzten Frage die Gefühle auf den Tisch. Ob es nicht sein könne, wurde der slowenische Trainer gefragt, dass er bald in seinem Garten sitze und den Abend von Charleroi verfluche, weil eine große Chance vergeben worden sei? Volltreffer: Schon während der Frage mahlten Katanecs Kiefer, und er nickte zu jedem zweiten Wort. "Wir werden noch sehr traurig sein über dieses Resultat", sagte Katanec. Er denke jetzt anders als vor Anpfiff: "Wäre mir da ein 3:3 angeboten worden, hätte ich es mit beiden Händen angenommen."

Es gibt Momente, in denen eine Mannschaft Geschichte schreiben kann. Die Seite war aufgeschlagen für die Fußballzwerge aus dem Flecken Land zwischen Alpen und Adria, im Dokument der Sensation standen die ersten Zeilen. 23. Minute: 0:1 durch Zlatko Zahovics Flugkopfball. 53. Minute: 0:2 durch Miran Pavlin, ebenfalls per Kopf. 57. Minute: 0:3, wieder Zahovic, der einen Abspielfehler von Mihajlovic ausnutzt. 59. Minute: Gelb-Rot für Mihajlovic, der Star von Lazio Rom hat seinen Frust an Gegenspieler Udovic abgelassen.

In diesem Augenblick bestand der Fußball-Himmel aus insgesamt 1 965 986 Slowenen, und auf der schönsten Wolke schwebten elf Helden: Tabellenführer. Nur noch einen Punkt aus den Spielen gegen Spanien und Norwegen. Und dann unter den letzten acht in Europa. Wann hat es so etwas zuletzt gegeben? 1966 bei der Weltmeisterschaft in England, als Nordkorea Italien geschlagen hatte.

Er müsse in den Köpfen seiner Leute fahnden, was dort passiert sei nach 65 Minuten guten Fußballs, sagte Katanec. Und weil er selbst noch für den Vielvölkerstaat Jugoslawien gespielt hat, kannte er das spielerische Potenzial seiner alten Kumpels Stojkovic, Mihailovic oder Jugovic. Und Katanec spürte die Gefahr: "Wenn wir ein Tor kriegen, wird es gefährlich." Und er sollte recht behalten. Milosevic (2) und Drulovic brauchten sieben Minuten, um aus dem 0:3 ein 3:3 zu machen.

So ein Unentschieden kann Emotionen beruhigen. Man konnte sehen, wie unproblematisch und fair Athleten aus Jugoslawien und Slowenien miteinander umgehen können. Vor dem Spiel standen die Spieler in gemischten Grüppchen zusammen, hinterher haben sie sich umarmt. Die politisch brisanteste Partie des Turniers ist unerwartet friedlich zu Ende gegangen.

In der Kabine sei es hinterher fünf Minuten totenstill gewesen, danach habe man eine Weile gestritten, aber letztlich hätten sich alle wieder vertragen, erzählt Miran Pavlin. Der Leihspieler vom Freiburger SC, mit dem KSC abgestiegen in die Regionalliga, hat keine Sorgen um seine Zukunft. "Ich werde beim Trainingsauftakt am 1. Juli in Freiburg antreten", sagt er. Allerdings: Noch ähnlich überzeugende Auftritte, und Pavlin kann sich vor Angeboten kaum retten.

"Am besten wird es sein, der Klub verkauft mich", hat auch Zlatko Zavovic gesagt. Der Star der Slowenen steht bei Olympiakos Piräus unter Vertrag. Weil er dort den Trainer nach einer Auswechslung beschimpft hatte und dafür suspendiert wurde, hat er keine Lust mehr. Für Profis vom Format der beiden slowenischen Torschützen kommt die EM als Jobbörse gerade richtig. Und einige, die in zweiten oder dritten Ligen ihr Geld verdienen, dürften nun in Serbien oder Kroatien nicht länger als "Skifahrer" verspottet werden.

Im Hotel der Jugoslawen ist es weniger gelassen zugegangen. "Wir müssen uns unbedingt zusammensetzen", hat Slobodan Komljenovic vom 1. FC Kaiserslautern gefordert, "denn die Leistung der ersten Halbzeit war nicht in Ordnung." Was dürften erst seine prominenteren Mitspieler empfunden und gesagt haben? Dass er mit dem 3:3 zufrieden sei, hat Boskov übrigens niemand abgenommen. Für viele ist der 69-Jährige das Hauptübel. Er sei verantwortlich für die schlauchende und Streit liefernde Asien-Tournee, meinen die Medien. Und wie soll ein Trainer von gestern mit Stars aus aller Herren Ligen zurechtkommen?

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