Sport : Slumdog Verteidiger

Sie hatte keine Bleibe, kein Geld, keine Freunde. Shahenaz Kureshi lebt heute in einem indischen Armenviertel – und findet im Fußball einen neuen Lebenssinn

Eine Weltreise zur kleinen Weltmeisterschaft: Die Inderin Shahenaz Kureshi kickt mit ihrem Team „Slum Soccer“ bei „Discover Football“ in Berlin. Foto: Peteranderl
Eine Weltreise zur kleinen Weltmeisterschaft: Die Inderin Shahenaz Kureshi kickt mit ihrem Team „Slum Soccer“ bei „Discover...

Shahenaz Kureshis Geburt war für ihren Vater eine Beleidigung. Tagelang schlug und schikanierte er die Mutter, die es gewagt hatte, nur eine Tochter, keinen Sohn, auf die Welt zu bringen, und ermordete die Kleine fast, bis Shahenaz’ Mutter mit dem Baby flüchtete. An diesem Berliner Nachmittag im Juni steht Shahenaz Kureshi, die so unerwünscht war, am richtigen Platz in ihrem Leben: Auf einem Berliner Fußballfeld donnert sie energisch einen Ball nach dem anderen ins Tor, dribbelt, lacht. Die gemalte safranfarben-weiß-grüne Landesflagge trägt die zierliche 19-Jährige stolz auf der Wange, dazu das „Slum Soccer“-Trikot: hellblaues Hemd, hellblaue Shorts, rote Stutzen. Fußball eben.

Fußball spielt im Hockey- und Cricket-Land Indien eine geringe Rolle, kein indisches Nationalteam hat sich je für die WM qualifiziert – doch es ist zumindest eine kleine Weltmeisterschaft, bei der Shahenaz ihr Land vertritt: Beim Frauen-Fußball-Festival „Discover Football“ in Kreuzberg treten in dieser Woche Frauenteams aus aller Welt gegeneinander an. „Discover Football“ ist vor allem ein interkultureller Austausch auf dem Fußballplatz, gerahmt von einem Kulturprogramm. Teams wie Nelo-Mamfe aus Kamerun, die bei Spielen Aids-Aufklärung betreiben, treffen auf Shahenaz’ Team der Nichtregierungsorganisation „Slum Soccer“, die Obdachlosen, Suchtkranken, Kindern von Prostituierten oder Slumbewohnern durch Kicken den Weg in die Gesellschaft ebnen will.

Als Shahenaz vor zwei Jahren erstmals Fußball spielte, auf einem Stück Brachland, keinem sattgrün gesprengten Rasen wie im Kreuzberger Willy-Kressmann-Stadion, fühlte sie sich völlig frei – normal, wie sie es nennt. „Solange ich auf dem Feld stand, konnte ich alles vergessen, alle Probleme zuhause“, sagt Shahenaz. Sie lebt mit ihrer Mutter in Mahadula, einem von Hunderten Slums in Nagpur. Das Geld reicht gerade für ein wenig Essen, ihre Mutter arbeitet als Putzfrau, Shahenaz näht neben der Schule – solange sie die Nähmaschine nicht abbezahlen konnten, standen Gläubiger fast jeden Morgen vor der Tür. Ihre jetzige Lage ist bereits ein sozialer Aufstieg.

Als die Mutter mit der wenigen Wochen alten Tochter vor ihrem Mann flüchtete, hatte sie nichts außer dem doppelten gesellschaftlichen Makel, der Tochter und der Scheidung. „Ich weiß nicht, wie sie das geschafft hat“, sagt Shahenaz. Da die Großeltern sie nicht bei sich wohnen ließen, schlief Shahenaz’ Mutter mit dem Baby auf der Straße und erbettelte sich Essen, wurde krank und fand schließlich einen Job als Bauarbeiterin, mit dem sie sich ein paar Plastikplatten zusammensparte – als erste Unterkunft. Die Mutter drängte Shahenaz zu lernen, mehr als das Haus und den Schulweg kannte die Tochter ja lange nicht. Bis sie 15 Jahre alt war, hatte sie keine Freunde, vertraute niemandem.

Jetzt sitzen ihre Freundinnen hinter ihr auf der Bank: Die Teamkolleginnen kichern und tuscheln, eine Spielerin drückt Hennapaste aus einer Tube, malt den anderen braunrote Muster auf die Hände. „Das soll Glück bringen“, sagt Shahenaz, auch an ihrer linken Hand windet sich ein Mehndi vom Handgelenk bis zum Zeigefinger. Shahenaz, die sich abseits des Spielfelds als Mädchen ohne Vater oft gegen Anfeindungen wehren musste, ist auch bei „Slum Soccer“ Verteidigerin.

Als sie vor zwei Jahren Mädchen Fußballspielen sah, konnte sie nicht widerstehen, probierte es aus. Ihre Mutter war wütend, hatte Angst um den Ruf der Tochter, doch die Tochter setzte sich durch. Sie spielt jeden Tag zwei Stunden, trainiert ein Mädchenteam und überzeugt Familien, ihre Töchter spielen zu lassen. Nach dem Training zeigt sie ihnen, wie sie sich die Haare waschen, respektvoll miteinander umgehen – Lebenstraining eben. Ihr Motto: Eine gute Persönlichkeit zähle, nicht nur Leistung. „Früher dachte ich: Du darfst, du kannst das nicht. Heute höre ich: Du schaffst das.“

Shahenaz ist selbstsicher geworden, bei „Discover Football“ in Berlin stellt sie ihr Team vor. Ihrer Mutter hat sie klar gemacht, dass sie frühestens in fünf Jahren heiraten wird – auch wenn sie für den Heiratsmarkt dann zu alt sein wird mit 24. Sie will Fußballerin oder Stewardess werden, im vergangenen Jahr flog sie mit ihrem Team zur Obdachlosen-WM nach Rio de Janeiro, die erste Auslandsreise – nun also Berlin.

Die Abendsonne steht über dem Stadion, als „Slum Soccer“ gegen das Team „Heimspiel“ antritt. Es ist ein ungleiches Spiel, die Deutschen sind einen Kopf größer, haben mit den Profis von Turbine Potsdam trainiert, passen sich den Ball eingespielt zu, kicken immer wieder mit Kopf oder Brust ins Tor. „Slum Soccer“ bleibt in der Defensive, Shahenaz rennt und rennt – es nützt nichts. Sie hatte gehofft, dass es nicht zu deprimierend wird, aber 19 Tore für die Gegnerinnen, das ist zuviel, sie ist nicht die Einzige, die vor Enttäuschung weint. Später tanzt ihr Team trotzdem, mit Spielerinnen aus Brasilien und Afrika. Leben eben.

„Discover Football“ gibt es noch an diesem Wochenende im Victoriapark Kreuzberg. Mehr Infos: www.discoverfootball.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben