So kriselt der Norden : Die ungleichen Hanseaten

Während Werder Bremen vor dem Nord-Derby trotz der Krise Ruhe bewahrt, steht beim Hamburger SV wieder einmal der Trainer zur Debatte.

Frank Heike
In der Krise vereint: Thomas Schaaf (links) und Armin Veh haben wenig zu lachen im Moment.
In der Krise vereint: Thomas Schaaf (links) und Armin Veh haben wenig zu lachen im Moment.Foto: dpa

Eine kleine Szene am Rande: Das Derby gegen den FC St. Pauli ist gespielt, der Hamburger SV hat verloren. Die Aufsichtsräte Marek Erhardt und Manfred Ertel betreten den Presseraum, gehen zielsicher zu den lokalen Journalisten und lassen Dampf ab. Die Stimmungsmache beginnt. Erhardt verzieht das Gesicht, winkt nur wie angeekelt ab. Ertel sagt: „Jetzt verlieren sie auch gegen Werder, jede Wette.“

Als Manfred Ertel Anfang Januar ins höchste Vereinsgremium gewählt wurde, versprach er der Mitgliedschaft, dass Vereinspolitik nicht länger über die Medien ausgetragen werde. Ertel gilt als einer der großen Kritiker des Vorsitzenden Bernd Hoffmann. Mit ihm und Erhardt ist das Gremium kritischer, bissiger, mächtiger geworden. Die Kontrolleure sollen sich schon nach einem Nachfolger Hoffmanns umgeschaut haben. Längst halten sie die Zügel in der Hand und bestimmen die Ausrichtung des Klubs im Hintergrund. Ertel und Co. genießen die Macht. Hoffmann, Sportchef Bastian Reinhardt und auch Trainer Armin Veh hingegen müssen sich wie Marionetten vorkommen: Hoffmanns und Reinhardts Verbleib ist vom Votum der Räte abhängig. Veh wiederum knüpft seine Vertragsverlängerung an Hoffmanns Zukunft. Wobei der Trainer bei einer Niederlage im nächsten Derby am heutigen Samstag gegen Bremen ohnehin am Rande der Entlassung taumeln dürfte.

Wie sollen Profis herausragend spielen, wenn ihre Zukunft und die der Verantwortlichen ungewiss ist? Der HSV steht nur vier Punkte von den Europa-League-Plätzen entfernt. Das ist nicht gut, aber auch nicht so schlecht, dass sich allein daraus die große Führungskrise eines gelähmten Vereins erklären ließe. Ein Kernproblem ist sicher der zu große Aufsichtsrat, in dem Eitelkeit und Geltungssucht das Handeln bestimmen.

Eine Szene wie die oben beschriebene wäre bei Werder Bremen nicht denkbar. Dort sind die Namen der Räte keinem geläufig. Nur Willi Lemke kennt man. Er ist der oberste Kontrolleur, doch im Herzen immer Werder-Fan geblieben. Hier und da gibt es mal einen Satz, den man als Kritik an Vereinschef Klaus Allofs verstehen kann. Die beiden sind sich nicht grün. Doch eine kritische Aussage zum Trainer ist von Lemke nicht zu kriegen. „Thomas ist der beste Trainer für Werder Bremen“, hat er mehr als einmal gesagt. Als Fan gab er immerhin zu, dass ihm vor jedem Spiel „kotzelend“ sei, so sehr sorgt er sich um den Klub. Werder ist Vierzehnter, steht nur einen Punkt vor dem Relegationsrang. Doch es gibt keine Fanproteste, kein meuternden Räte, keine rebellierenden Ersatzspieler. Publikum und Mannschaft scheinen sich im Abstiegskampf sogar näher zu kommen: Selten war die Stimmung im Weserstadion besser als vor einer Woche beim 1:1 gegen Hannover.

Während Hoffmann in acht Jahren bereits acht Trainer erlebt hat, scheint Werder nur Stetigkeit zu kennen: Im Grunde haben sich nur zwei Trainer in den letzten 30 Jahren an Werder abgearbeitet – Otto Rehhagel und Thomas Schaaf. Allein die unstete Phase des Übergangs 1999 mit de Mos, Dörner, Sidka und Magath verfälscht diese Statistik etwas. Der Wille zum raschen Wechsel fehlt in der grünweißen DNA.

In Bremen mag es gerade knirschen, Allofs sein Händchen für große Transfers verloren und den Kader falsch zusammengestellt haben – doch an der Überzeugung hat sich wenig geändert, dass er und Schaaf auch im zwölften Jahr die Richtigen für Werder sind. Beim HSV lief es so lange ordentlich, wie Hoffmann mit Sportchef Beiersdorfer einen kompetenten Mann an der Seite hatte. Mit dem richtigen Trainer hätte der HSV wohl tatsächlich das Branchenschwergewicht neben den Bayern werden können. Mit Thomas Doll war man 2005 nah dran. In einer ähnlichen Situation, in der Werder jetzt steckt, entließ ihn der HSV im Januar 2007. Stevens, Jol, Labbadia, Veh folgten.

Vielleicht kommt Werder mit dem Schrecken davon und greift mit Schaaf und Allofs noch einmal an, während der HSV im Mittelfeld landet und mit verändertem Führungsstab in die neue Saison geht. Das würde die Unterschiede zwischen den Klubs am besten illustrieren.

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