Sport : So long, Mr. Matthäus - Folge 4: Wie Maradona und Zico abgemeldet wurden

Sven Goldmann

Anfang kommenden Jahres, derzeitiger Stand 8. März, verlässt Lothar Matthäus das Land. Nach 20 Jahren Wirkens auf Deutschlands Fußballfeldern ist alle Häme vergossen. Wir wollen noch einmal auf das Gesamtwerk des Mannes zurückkommen, der es vom fränkischen Raumausstatter zum Krösus fußballerischen Schaffens gebracht hat: in Herzogenaurach, Mönchengladbach, Bayern, Italien und, wenn der Fußball-Gott denn will, demnächst auch in den USA. Eine Erinnerung in noch nicht absehbar vielen Folgen.

Die Zeit war noch nicht reif für den Singularis Majestatis. Im Frühjahr 1982 sagte Lothar Matthäus tatsächlich noch "ich" und nicht "der Lothar Matthäus", wenn er von sich selbst sprach. Im Frühjahr hatte er auf einer Südamerika-Reise mit der Nationalmannschaft binnen drei Tagen den Brasilianer Zico und den Argentinier Maradona ausgeschaltet. Matthäus wollte so gern bescheiden sein und schaffte doch, wie später noch so oft, das Gegenteil: "Jetzt habe ich gegen beide gespielt: Maradona und Zico. So gut wie der Kalle Rummenigge sind sie beide nicht."

Jupp Derwall hatte sich das alles ein wenig anders vorgestellt. Der Bundestrainer mochte den jungen Mann mit der großen Klappe nicht besonders, und auf diese Südamerika-Tour mit Spielen gegen Brasilien und Argentinien hatte er ihn nur mitgenommen, weil eine Handvoll Stammspieler abgesagt hatte. Bei dieser Gelegenheit, hoffte Derwall, würden ihm die Besten der Welt seine Grenzen zeigen. Selten hat ein Bundestrainer so folgenschwer geirrt.

In der Heimat wütete gerade die Korruptionsaffäre um die Neue Heimat, als Lothar Matthäus am 21. März 1982, seinem 21. Geburtstag, in Rio de Janeiro zum ersten Mal auf der ganz großen Bühne vorspielte. Drei Länderspiele hatte er bis dahin absolviert, keines von Beginn an. 170 000 Zuschauer im Maracana-Stadion staunten, wie dieser unbekannte Deutsche ihrem Idol Zico keinen Ball gönnte. Wohin der weiße Pelé auch lief, Matthäus war schon da. Er war der einzige Lichtblick in einer deutschen Mannschaft, die 0:1 verlor und ein ziemlich schlechtes Spiel machte.

"Noch nie habe ich die Deutschen so lahm gesehen", tönte der argentinische Trainer Carlos Menotti auf der Tribüne in Rio. Er trat drei Tage später gegen die Deutschen an und fürchtete um die Gesundheit seines Lieblingsschülers Diego Maradona. Ein Jahr zuvor, bei der Mini-WM in Uruguay, hatte Derwall den Kaiserslauterner Hans-Peter Briegel auf Maradona angesetzt, und Menotti beschwerte sich später, da habe einer "einen Panzer gegen einen Künstler gestellt". Jetzt kam da dieser junge Mann, dessen Namen Menotti noch nie gehört hatte. Es war heiß und schwül im River-Plate-Stadion, und Lothar Matthäus sah Diego Maradona zum ersten Mal live. Daheim in Mönchengladbach erzählten sie sich wahre Wunderdinge von dem Argentinier, der mit seinen 21 Jahren schon 31 Länderspiele bestritten und dem WM-Helden von 1978, Mario Kempes, das Trikot mit der Nummer 10 abspenstig gemacht hatte. Doch Respekt war schon 1982 ein Begriff, den Lothar Matthäus sehr eigenwillig interpretierte. "Korrekt, eng am Mann, hart, fair" - so hatte er seinen Part gegen Maradona angekündigt, und so hielt er ihn 90 Minuten lang durch. Fünf Kilogramm Körpergewicht verlor er an diesem Abend im River-Plate-Stadion.

Für Matthäus war dieses Spiel der große Durchbruch, Maradona hatte eine Woche später schon ganz andere Dinge im Kopf. Am 2. April 1982 griffen argentinische Kriegsschiffe die britisch besetzten Falkland-Inseln an. Auch Diego Maradona soll kurz mit dem Gedanken gespielt haben, das Trikot des FC Barcelona gegen die Uniform einzutauschen. Am Ende fuhr er dann doch zur Weltmeisterschaft in Spanien, die für ihn ebenso frustrierend verlief wie für Lothar Matthäus. Der Argentinier flog nach einer Tätlichkeit im Spiel gegen Brasilien vom Platz, der Deutsche wurde von Derwall wieder auf die Ersatzbank abgeschoben.Nächsten Dienstag: Der Elfmeter gegen die Bayern

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