Sport : So nicht, meine Herren!

Claus Vetter

Der neue Mann ist da. Und drei Dutzend Zuschauer in der großen Eishalle im Sportforum Hohenschönhausen können bezeugen, wie ernst Pierre Pagé seinen Auftrag nimmt. Die Spieler des EHC Eisbären bekommen das gleich zu spüren. Jede zweite Übung pfeift ihr neuer Trainer ab. Nein, so nicht. Also noch mal von vorn, meine Herren. Und dann die Spieler ordentlich angefeuert. "Here we go" und "quick, quick, quick" schallt es am Donnerstagmorgen nicht nur einmal durch den Wellblechpalast. "Schnell" und vor allem in eine Richtung soll die Reise nun gehen bei den Berlinern, die sich am Mittwoch von ihrem Trainer Uli Egen getrennt haben. Nachfolger Pierre Pagé soll den Klub doch noch in die Play-offs der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) führen, also auf Platz acht der Tabelle. Zurzeit sind sie Neunter mit drei Punkten Rückstand und einem Spiel weniger als die Kassel Huskies auf Platz acht.

Pagé weiß, dass sein Auftrag eindeutig ist. Dazu braucht er keine Fremdsprachenkenntnisse. Deutsch gehört nicht zum Anforderungsprofil für den 53-jährigen Frankokanadier. Zwei Handbewegungen reichen ihm, um sich verständlich zu machen. Einmal zickzack: Soll heißen, so haben die Eisbären bisher gespielt. Dann ein paar Wellen mit der Hand gezogen: So sollen die Eisbären ab jetzt spielen. Konstanz soll im Sportforum einziehen mit dem renommierten Trainer, der freundlich nach seinem ersten Training ins Plaudern kommt.

Erst mal wird die Stadt gelobt. "Berlin ist toll." Ein Traumjob? Natürlich. Pagé ist erfahren genug und weiß, was sich gehört. Zumindest bis zur Kabinentür, dahinter - so wird kolportiert - werden keine Widersprüche geduldet. Damit ist Pagé in seiner langen Trainerlaufbahn recht gut gefahren. 1986 hat er die Calgary Flames sogar in der nordamerikanischen Profiliga NHL bis ins Finale geführt. Leider endete Pagés jüngstes Engagement unglücklich: Beim Schweizer Erstligisten HC Ambri Piotta durfte er seinen Dreijahresvertrag nicht erfüllen. "Falsche Zeit, falscher Platz und die falschen Leute", sagt Pagé dazu.

Jetzt, so weiß der neue Trainer, ist er aber am richtigen Ort. Peter John Lee hofft das auch. Ein Blick genügt, um festzustellen, dass der Manager der Eisbären am Donnerstag nicht allzu locker ist. Was passiert, wenn der Trainerwechsel doch keinen Erfolg bringt? Lee will die Frage nicht beantworten. Verständlich. Stellt sich das Engagement von Pierre Pagé als Fehler heraus, dann werden dafür nicht die großen Entscheidungsträger beim EHC den Kopf hinhalten müssen, sondern der Manager. Das hat der Mittwoch bewiesen. Als Uli Egens Entlassung Formen annahm, haben sich die hohen Herren entweder verleugnen lassen oder Fehlinformationen gestreut. So etwa Chris Reynolds, Sportchef der europäischen Filiale des Eisbären-Eigners, der Anschutz-Gruppe. Laut Reynolds stand Egen noch um halb sechs am Mittwoch nicht zur Debatte. Erstaunlich, hatte Pagé nach eigener Aussage doch bereits um fünf Uhr "schon drei Koffer gepackt". Immerhin hat Reynolds später noch mit Egen gesprochen, dem beurlaubten Trainer sogar einen Job beim EHC in Aussicht gestellt.

An das soziale Netz des EHC will Pagé am Donnerstag natürlich noch nicht denken. Der Kanadier will nicht aufgefangen werden, sondern erst mal anfangen. Heute geht es los, gegen die Augsburger Panther (Spielbeginn 19.30 Uhr, Sportforum Hohenschönhausen). Was erwartet den neuen Mann? "Ich habe Augsburg schon mal gesehen", sagt Pagé, "Die haben gute Spieler." Keine neue Erkenntnis, aber es wird klar, dass sich der Neue Mühe gibt. Pagé verspricht, dass sein Videorekorder nun heißlaufen wird: "Ich will die Teams der DEL so schnell wie möglich kennen lernen."

"Das ist ein Karrieresprung"

Trainer Pierre Pagé über seinen neuen Job bei den Eisbären

Herr Pagé, wie kommt ein so renommierter Trainer nach Berlin zu den Eisbären?

Ganz einfach. Am Mittwoch klingelte mein Telefon. Ich war glücklich. Berlin hat große Eishockey-Tradition - und ich bin ein traditionsbewusster Mensch. Der Eigentümer der Eisbären, die Anschutz-Gruppe, garantiert Professionalität, die sind phänomenal.

Erst Trainer in der National Hockey-League, dann in der Schweiz und nun in Deutschland. Bedeutet ihr neuer Job einen Karriereknick?

Nein, es ist ein Karrieresprung. Denn Eishockey ist Geschäft. Nirgendwo haben das die Leute außerhalb Amerikas so gut begriffen wie in Deutschland. Hier gibt es die modernsten Hallen Europas und es kommen noch viele dazu, auch in Berlin. In ein paar Jahren wird Eishockey hier einen hohen Stellenwert haben. Das habe ich den Spielern vor dem ersten Training erklärt. Ich habe denen gesagt: "Strengt Euch an, wenn Ihr dabei sein wollt, wenn es richtig losgeht."

Ihre Motivationshilfe erscheint bitter nötig. Unter Ihrem Vorgänger Uli Egen verloren die Eisbären zuletzt vier Spiele. Die Teilnahme an den Play-offs ist in Gefahr ...

Ja, der Druck ist groß. Viel Zeit zum Eingewöhnen bleibt mir nicht. Bei den ersten Spielen muss ich mich auf meine Kotrainer Tom Skinner und Hartmut Nickel verlassen. Natürlich werde ich trotzdem schon ein paar Umstellungen im Team vornehmen. Zum Glück gibt es in zwei Wochen wegen der Olympischen Spiele eine längere Pause und damit Zeit zum Kennenlernen.

Wie gut kennen Sie die Deutsche Eishockey-Liga?

Recht gut. Ich habe in dieser Saison schon einige Mannschaften beobachtet. Von meinem Wohnort in der Schweiz hatte ich es ja nicht so weit bis nach Augsburg oder Mannheim. Sogar die Eisbären habe ich schon mal spielen sehen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar