Sport : SO WIE IMMER - UND DOCH GANZ ANDERS: Boom auch dank Hertha

KLAUS ROCCA

Und schließlich profitiert die Stadt Berlin vom AufstiegVON KLAUS ROCCA BERLIN.Es ist so wie immer seit 1963: König Fußball schwingt auf höchster Ebene sein Zepter, die Bundesliga-Stadien öffnen ihre Tore und die Zuschauer strömen hinein.Vergessen wieder für 90 Minuten all den Frust über Arbeitslosigkeit und Sozialabbau, vielleicht auch nur den ganz normalen Alltag.Fußball als Modell fürs richtige Leben: Tricks und Show, Kampf und List, Sieg und Niederlage - das fasziniert, schafft Begehrlichkeiten, schafft Identifikation. Und doch: Diesmal ist alles anders.Zumindest in Berlin.Hier, wo wir seit Jahren mageren Eintopf vorgesetzt bekamen, werden nun endlich wieder schmackhafte Gerichte geboten.Und wie der Berliner und der aus dem Umland geradezu danach lechzt, wurde frühestens beim damals Noch-Zweitligaduell mit dem 1.FC Kaiserslautern und spätestens beim beispiellosen Run auf die Karten für die Auftaktpartie gegen die Borussia aus Dortmund deutlich.Berlin kommt nun also auch im Fußball hauptstädtisch daher. Mit der Finanzkraft natürlich nicht so gewaltig wie die Platzhirsche aus München und Dortmund, doch Aufsteiger sind es nun einmal gewöhnt, ganz leise an die Tür anzuklopfen, hinter der die Arrivierten in dieser Zwei-Klassen-Gesellschaft die Regie führen.Da zählen auch keine Meriten aus vergangenen Tagen wie die Meistertitel der Hertha von 1930 und 1931, auch nicht der Hinweis darauf, daß man ja schon viele Jahre in der Beletage des deutschen Fußballs einen Platz hatte.Hertha muß sich erst wieder hochdienen.Auch was das Image der alten Dame angeht, die am vergangenen Freitag schon ihren 105.Geburtstag feierte.Verhöhnt und verlacht wurde sie, weil Dilettanten und Amateure, Vereinsfanatiker, gar Kriminelle lange Zeit das Sagen hatten.Und tief ging es nach Jahren der Hausse, ganz tief sogar, bis in die Oberliga.Noch im vergangenen Jahr wäre der Hertha-Dampfer fast auf Grund gelaufen.Der Sturz ins Amateurlager wurde mit Fortunas Hilfe geradeso vermieden. Der Dampfer wäre wohl noch Jahre so dahingedümpelt, Berlin wäre Zaungast geblieben, wenn auf der großen Fußballbühne die Hauptakteure des Millionenspiels zu Werke gehen, wäre da nicht die Ufa auf den Plan getreten.Nicht selbstlos, denn dort sitzen knallharte Geschäftsleute am Schaltpult.Aber doch mit einem enormen Mut zum Risiko nach dem Motto "Nicht kleckern, sondern klotzen".Der sich nun auszahlen dürfte.Nun erntet die Ufa, die allein in diese Saison über neun Millionen Mark hineinbutterte, was sie gesät hat.Über die Werbeeinnahmen.Und ein Hauptstadt-Verein ist ein enormer Werbefaktor. Bleibt zu hoffen, daß das Eisen geschmiedet wird, solange es noch heiß ist.Soll heißen: Daß Hertha BSC möglichst lange die Massen in seinen Bann zieht und am Ende nicht dem Schicksal verfällt, dem die meisten Parvenus nicht entgehen.Und schließlich gilt es auch, den Finanzhaushalt endlich in Ordnung zu bringen.Noch immer steht der Verein mit Millionen im Soll.Es gilt Vorsorge zu treffen für den Eventualfall, daß der Hauptsponsor nicht mehr sein Füllhorn über dem Klub ausschüttet.Wohin es führen kann, wenn der große Mäzen seine Gunst nicht mehr gewährt, haben viele abschreckende Beispiele gezeigt. Die Bundesliga wird vom Höhenflug der Berliner und denen aus der Pfalz profitieren.Es wird neue Rekorde bei den Zuschauerzahlen geben, so wie es schon jetzt Rekorde bei den Transfersummen (trotz des Bosman-Urteils), der Trikotwerbung und beim Dauerkarten-Vorverkauf gibt. So werden wir dann wieder eine Saison der Superlative erleben. Noch ist Bundesliga-Fußball längst nicht an seine Grenzen gestoßen.Mit dem Mehr an Geld wird auch erneut ein wenig mehr an Menschlichkeit verlorengehen.Trainerstühle werden noch mehr wackeln, Schiedsrichter noch anfechtbarer sein, Spieler noch austauschbarer.Fußball - Spiegelbild des Lebens. In Berlin wird das nicht anders sein.Doch die Freude über den Aufstieg Herthas übertüncht erst einmal alles.Das Leben wird lebenswerter, zumindest für die, die sich der Magie dieses Sports nicht entziehen können und auch für jene, die erst jetzt in seinen Bannkreis geraten.Schließlich ist der Erstligist Hertha auch ein Wirtschaftsfaktor in der so arg gebeutelten Stadt.In den goldenen Zeiten wurden aus dem Stadtsäckel - sehr zum Ärger des Normalbürgers - Millionen in das Unternehmen Fußball-Bundesliga gestopft.Nun kalkuliert man mit Profiten, so wie bei der Love Parade.Das ist legitim.Mag so mancher, wie bei der Love Parade, auch über das Spektakel als solches die Nase rümpfen.

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