Sport : Softball: Eine Spaßgeneration, zufällig bei Olympia

Helmut Schümann

Es gibt ja solche und solche. Und seit es bei Olympia nun auch Softball gibt, jene Variante des Baseballs, die von Frauen gespielt wird, gibt es ein paar mehr solche. Solche, wie die US-amerikanische Gewichtheberin Cheryl Haworth, die mit ihren 17 Jahren 300 Pfund heben kann - so viel wiegt sie auch. Nun ist nicht ganz klar, warum die Damen, die da weit draußen vor der Stadt in Rooty Hill den Ball mittels ulkiger Schleuderbewegung durch die Gegend werfen und ihn dann mit einem Knüppel in die gleiche Gegend zurückdreschen, so aussehen, als schleuderten sie mit den Oberschenkeln und bräuchten auch viel Kraft im Bauch. Klar aber ist, warum diese doch sehr spezielle Sportart im olympischen Angebot ist. Weil es NBC, die amerikanische Fernsehstation, so gefällt. Im amerikanischen Verbreitungsgebiet des Rechteinhabers der TV-Übertragungen nämlich ist Softball durchaus ein Quotenbringer.

Und wie so ein Quotenbringer Olympia verändert, ist hier in Sydney, in Bondi, zu sehen, wo die Beach-Volleyballer, die anderen solchen, ihren Fun haben. Vor vier Jahren hatte die Sportart der Schlanken und Knackigen Premiere. Die damals noch geübte Zurückhaltung hat sie abgelegt, Beach-Volleyball ist Highlight, ist Olympia 2000 und hat mit dem Olympia des ehrenwerten Baron de Coubertin nichts mehr zu tun.

Um nach Bondi raus zu kommen, steigt man in Downtown Sydney in die S-Bahn nach Bondi Junction, die allerdings sonntags etwas voll ist - Bondi ist äußerst beliebt. Am Ziel steigt man um in den Bus oder ins Taxi, besser noch: Man geht zu Fuß. Das ist zwar ein etwas längerer Weg, aber einer mit ständigem Blick auf den Pazifik. Am Schluss muss man nur noch die Bondi Road überqueren, eine Straße voller Fast-Food-Läden und mit leicht ballermannschem Charakter, dann steht man an einem der schönsten Plätze der vielen schönen Plätze von Sydney, am Stadtstrand, dem Bondi-Beach.

Sie haben ihren Spielplatz trefflich gewählt, die Beach-Volleyballer. Es gab zwar einige Proteste gegen das dort am Strand mitten in den Sand gesetzte Stadion, und in der Tat stört es ein wenig den Blick, wenn man von der Straße aus links auf die Bucht schauen will. Aber wenn man rechts schaut, dann sieht man, dass olympisches Beach-Volleyball nur hier stattfinden kann. Da liegt die Spaß-Generation, da geht es um Fun und Fitness, um Freizeit und Müßiggang, und um Sex geht es auch. Draußen liegen die Wellenreiter im Wasser und warten auf die Welle, die sie zurückreiten lässt. Sie müssen aufmerksam schauen, am Vortag ist wieder mal ein Hai gesichtet worden. Es sind also mutige Jungs, weswegen am Strand viel Blond und viel Busen wartet. In diesem Ambiente ist Beach-Volleyball erfunden worden, hier hat es seine Klientel.

Voll besetzt ist das Stadion nahezu ständig, am Sonnabend, zum Auftakt des olympischen Turniers, waren etwa 20 000 Menschen da, 10 000 passen rein, und nachdem das australische Frauenteam die beiden Italienerinnen besiegt hatte und den Platz zum Südausgang hin räumte, strömten am Nordeingang die nach, die zuvor geduldig in endlosen Schlangen gewartet hatten. "Surf-and-sun-carnival" nannte der "Sunday Telegraph" das Spektakel.

Auch jetzt, am Sonntag, ist es bei 17 Grad Wassertemperatur und herrlichem Wetter mit 23 Grad voll in Bondi. Vor dem Stadion auf einem Übungscourt trainieren die deutschen Danja Müsch und Maike Friedrichsen. Sie üben im grünen Bikini. Das deckt sich mit der Meinung ihres Managers. "Es kommt auf die Optik an", sagt Klaus Kärcher. Das ist in etwa das Motto dieses Sports.

"Beach-Volleyball wird immer nur als sexy Sport gesehen", sagt Jody Holden, ein Kanadier, der gerade mit seinem Partner 19:17 gegen ein US-Duo gewonnen hat, "aber einige von uns sehen gar nicht so gut aus. Es ist ein athletisches Spiel, es ist Spaß, und wir machen es, weil wir es genießen."

Alles richtig. Und vor allem ist es ein Spiel, das im normalen Betrieb jede Menge Platz für Werbung während der Fernsehübertragung freihält. Es gleicht in diesem Punkt Baseball, das ist der zweite Grund, warum diese Sportarten olympisch sind. Das Spiel der Kanadier gegen die US-Amerikaner dauerte insgesamt 59:49 Minuten. Bis ein Punkt vergeben ist oder das Aufschlagrecht wechselt, vergehen meist nur wenige Sekunden; der längste Ballwechsel dauerte zwölf Sekunden, meist ist nach fünfen, sechsen wieder Pause. Direkt im Stadion darf bei Olympia nicht geworben werden - das Internationale Olympische Komitee ist da noch ein wenig inkonsequent -, aber immerhin kann die Zeit mit Dingen gefüllt werden, von denen Olympia bislang verschont blieb.

"Warum wollen wir nicht mal eine Welle in Zeitlupe versuchen", brüllt ein Animateur ins Publikum. Holden hatte gerade den Ball in den amerikanischen Sand geschmettert, von dort aus sprang er ins Aus. Punkt für Kanada und Zeit bis der Ball geholt wird und sich alle wieder aufgestellt haben. Ja, warum nicht, warum keine Welle in Zeitlupe? Das Band spielt fix den Donauwalzer ein, und dann erhebt sich die Menge im geforderten Rhythmus. Schlecht aussehen tut es nicht.

Mit unterschiedlichen Aktionen wiederholt sich die Szenerie bei jeder Unterbrechung, also etwa alle sechs Sekunden. Und dann rennt der Animateur ums Feld und tobt herum. Keine Frage: Sein Job erfordert die gleiche Athletik, die Holden seinem Sport attestierte.

Und irgendwann kommt dann Napoleon ins Stadion. Napoleon ist Brasilianer, er ist weltbekannt in der Szene. Ein Beach-Volleyball-Fan von ganzem Herzen. Als er die Tribünentreppe runterläuft, hat ihn der Animateur gesichtet, begrüßt ihn per Lautsprecher, dann grüßt das Rund. Man hat halt Spaß, es ist Strandparty in Bondi. Nur als Napoleon seine Reihe gefunden hat und zu seinem Platz durch will, gibt es Probleme. Denn Napoleon hat ein Erkennungsmerkmal: Er hat den Umfang von etwa drei Menschen. Es gibt eben solche und solche bei Olympia.

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