Sport : "Solche Siege sind wie Medizin"

DIETMAR WENCK

Alba Berlins Trainer Svetislav Pesic spricht von den Play-offs / Was wertvoll ist und was nichtVON DIETMAR WENCK BERLIN.Für Valerio Bianchini, den Trainer von Teamsystem Bologna, war Wendell Alexis der "wertvollste Spieler" beim 95:79 (46:42)-Europaligasieg Alba Berlins über seine Mannschaft, den italienischen Favoriten.Vielleicht, weil der US-Amerikaner mit 22 die meisten Punkte für die Gastgeber erzielt hat? Wer weiß, vielleicht würde Bianchini am liebsten Alexis auch noch in sein mit Stars ohnehin gespicktes Basketball-Team holen.Vielleicht hat er nicht gemerkt, daß es gerade das Überangebot an Stars ist, daß seine Mannschaft in der Schlußphase zu einer leichten Beute für Alba Berlin werden ließ.Vielleicht hat er nicht die Freudengesänge der Alba-Fans verstanden: "So spielt man Basketball." Bei Teamsystem kämpfte in der entscheidenden Phase keiner für den anderen.Da gab es kein mannschaftliches Aufbäumen, wie es bisher jeder Europaligagegner in Berlin gezeigt hatte.Da blieben die Herren Dominique Wilkins oder Carlton Myers einfach stehen und sahen zu, wie der Rest ihres Teams durch Serien von Alba-Schnellangriffen bloßgestellt wurde. Wendell Alexis freute sich über das Lob Bianchinis, gab es jedoch problemlos weiter: "Vielleicht doch Henrik Rödl.Er ist wie der Klebstoff dieses Teams, er hält es zusammen." Gemeint hat er damit: Kapitän Rödl ist in seiner fünften Saison für Alba die Seele des Spiels und das Mädchen für alles.Fast immer zweistellige Punktzahlen, dazu viele Rebounds, dem Gegner abgeluchste Bälle (Fachbegriff: Steals) und dann diese Assists, Vorlagen, die zum direkten Korberfolg führen: 12 davon, soviele wie keinem anderen in der laufenden Saison, sind ihm am Donnerstag gelungen.Mit insgesamt 27 Assists ist Rödl nun mit Petar Naumoski (Ülker Istanbul) der Beste dieses Fachs in Europas höchster Basketball-Liga.Der Berliner hat auf die freundlichen Worte von Alexis wie üblich verschämt reagiert: "Das hat er gesagt? Das ehrt mich aber sehr." Und: "Ich mache doch nur das, was benötigt wird." Kleines Beispiel für den großen Unterschied zwischen Alba und Teamsystem: Rödl läuft bei einem Konter auf Bolognas Korb zu, verfolgt vom Italiener Fucka, spielt den Ball noch einmal zurück, Geert Hammink verwandelt.Wilkins verhält sich bei einem Überzahlangriff drei gegen einen ganz anders, spielt nicht ab, und sein Wurfversuch wird in der Luft von Henning Harnisch geblockt.Solch eine Aktion hat doppelte Wirkung.Zum einen ist sie frustrierend für den verhinderten Schützen.Auf der anderen Seite ist ein Block gegen Wilkins ungefähr so, als wenn ein Fußball-Torwart einen Gewaltschuß von Mario Basler nicht nur hält, sondern festhält.Ein Signal an Freund und Feind: Nicht heute, nicht hier! Solche Aktionen sind es, die dem vermeintlich unterlegenen Team Selbstbewußtsein einflößen."Wenn wir uns mit denen eins gegen eins vergleichen, sind wir unterlegen", sagte Vladimir Bogojevic, soeben vom Bundestrainer Dettmann aus dem Aufgebot fürs Nationalteam gestrichen, aber gegen Bologna mit einer feinen Leistung aufwartend, "nur: Als Mannschaft sind wir eben besser." Er und Jörg Lütcke bekamen von ihrem Trainer Svetislav Pesic besondere Anerkennung."Meine jungen Spieler Vladi und Jörg haben keinen Respekt gezeigt", meinte er."Meine jungen Spieler" - Rödl arbeitet jetzt im zwölften Jahr mit Pesic zusammen, anfangs als National-, nun als Vereinsspieler.Seine Anfänge waren ähnlich.Man sieht, was daraus werden kann."Der Coach läßt diese jungen Spieler jetzt mehr in der Bundesliga zum Einsatz kommen als im Vorjahr", hat Rödl festgestellt.Das zahlt sich aus.Die nahtlose Integration ins Spiel zeigte gegen Bologna Früchte, vor allem in einer Hinsicht: Endlich einmal hatte Alba nicht seine "fünf Minuten", in denen es oft verspielt, was es sich vorher hart erarbeitet hatte.Pesic: "Dank unserer Geduld und unserer ungeheuer konzentrierten Leistung konnten wir dieses Spiel unter Kontrolle halten." Mit dem Erfolg hat sich Alba nun an die Tabellenspitze der Europaliga Gruppe D gesetzt."Solche Siege sind wie Medizin", hat Pesic diagnostiziert.Wieder einmal ist er der "Medizinmann".Zuerst hat Svetislav Pesic 1993 mit dem unverhofften Gewinn des EM-Titels dem Patienten deutscher Basketball auf die Beine geholfen.Nun etabliert er Alba Berlin immer fester in der Beletage der Vereine.Wie wichtig der Sieg war, zeigen die anderen Resultate in Gruppe D.Bei einer Niederlage hätte Alba mehr als ein Spiel verloren, auch die Hoffnungen auf einen der drei ersten Plätze hätten einen gehörigen Dämpfer erhalten.Die Aufgabe ist so schon schwer genug.Es folgen die Auswärtsspiele bei den just im verkehrten Moment wiedererstarkten Parisern und Kroatiens Meister Cibona Zagreb.Pesic glaubt allerdings: "Wenn wir jetzt alle Spiele zu Hause gewinnen, sind wir in den Play-offs." Das nächste Heimspiel bestreitet Alba am 11.Dezember gegen Ljubljana.Die Slowenen, vorher ebenso stolzer Sieger über Teamsystem wie nun Alba, wurden gerade von Cibona auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.Das soll Pesics Team heute im Bundesliga-Spitzenspiel bei den Telekom Baskets Bonn (ab 20.15 Uhr live im DSF) nicht passieren.Innerhalb von 40 Minuten war die Partie mit rund 4000 Zuschauern ausverkauft.Vorsicht ist geboten, denn in Bonn gilt Alba Berlin als ein "Dreamsystem".

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