Sport : Sollen doch seine Füße reden

Roy Makaay hat keine tolle Frisur, will das Private privat sein lassen und sagt nicht viel – für die Bayern ist er ein Sprung in unbekannte Dimensionen

Helmut Schümann

Nürnberg/München. Ob es nun die 15., die 16., oder die 17. Minute war, in der Roy Makaay seinen ersten Ballkontakt im Trikot des FC Bayern München hatte, darüber gehen die Angaben noch etwas auseinander. Auf jeden Fall war es ein unspektakuläres Rückpässlein im Mittelfeld und der erste Schuss, den Roy Makaay in der 19. Minute (oder war es die 20.?) als Bayer wagte, zielte noch arg in Richtung Oberrang, wo die Reklame fürs Tucher-Bier prangte. Das war also noch nichts am Dienstag im Frankenstadion, wo der Deutsche Meister ein Freundschaftsspiel gegen den 1. FC Nürnberg gewann und dabei seinen neuen, von Deportivo La Coruña in zähen Verhandlungen abgerungenen sündhaft teuren Star einer breiteren Öffentlichkeit vorstellte. Kann aber auch noch nicht, Makaay, 28 Jahre alt und Niederländer von Geburt, hat seit drei Monaten nicht mehr Fußball gespielt, ist noch nicht fit, und das Fazit der übertragenden Fernsehanalysten des Bayerischen Rundfunks kommt früh: „Geld schießt keine Tore.“

Egal. Dass überhaupt ein Fernsehsender ein Freundschaftsspiel live überträgt, dass auch die deutsche Printpresse rund 80 Abgesandte zu diesem Testspiel losschickte, und dass die dann Roy Makaay auf Schritt und Tritt beäugen, dass sich 30 000 Menschen in der Hitze der Nacht im Stadion versammelten, dass der Mann vom Bayerischen Radio vorab fast ohne Überschwang von der „neuen Weltsensation“ sprach – das alles weist den Abend als Ereignis aus – und weist daraufhin, dass mal wieder etwas Besonderes passiert ist beim FC Bayern München.

Das Ereignis nun heißt Roy Makaay, und wie er so dastand nach dem Spiel in den Katakomben des Stadions, fast unscheinbar, nahezu schüchtern und Nichtigkeiten von sich gab („Ich habe drei Monate keinen Fußball gespielt. Ich bin noch nicht fit.“) mochte man fast nicht glauben, dass es sich bei ihm um eine Weltsensation handelt, eine neue zumal. Aber ihm wird ja nachgesagt, dass er „mit den Füßen redet“, und diese Füße sprachen in der vergangenen Saison unter anderem viermal in der Champions League (was vier Toren gegen den FC Bayern gleichkam und deren Aus in der obersten europäischen Spielklasse). Und sie sprachen 29 Mal in der spanischen Liga. Die gilt als die derzeit beste der Welt, und wer in dieser mit den Spitzen des Weltfußballs gespickten Primera Division Torschützenkönig wird, wird automatisch zum begehrtesten Objekt von Trainer- und Managerbegierden.

Und dem von Fans und Journalisten. Am Mittwoch, als Makaay auch in München vorgestellt wurde, waren wieder Hundertschaften zum Klubgelände gepilgert, hatten die Anwohner wieder die Abschleppdienste gerufen, weil ihre Parkplätze zugestellt waren. Die bekamen dann beeindruckende Einblicke ins Privatleben Makaays. Aus dem war zu erfahren, dass er seit Jahren mit Fußballschuhen aufläuft, auf deren Zungen die Namen seiner beiden Kinder eingestickt seien und dass er ansonsten das private seines Lebens eben auch privat sein lassen wolle und werde. Hoffentlich treibt ihm Oliver Kahn diese lobenswerte Zurückhaltung nicht aus.

Vielleicht stimmt es ja wirklich, dass Roy Makaay mit den Füßen redet. Viel Aufhebens um sich macht er auf jeden Fall nicht. T-Shirt statt Designerjackett, kurze blaue Hose statt Wickelrock, eine Frisur, die den Titel nicht verdient statt gestyltem Haupthaar – ein David Beckham ist Makaay gewiss nicht. David Beckham war der andere spektakuläre Transfer dieses Sommers, der wechselte für 35 Millionen Euro von Manchester zu Real Madrid, „sportlich ist unser Transfer weitaus höher zu bewerten als der von Beckham“, sagt Uli Hoeneß, der Manager des FC Bayern. Unser Transfer, das heißt: 17,75 Millionen Euro teuer in der Ablöse, plus laufende Gehaltskosten von 15 Millionen Euro für vier Jahre, plus eine Einmalzahlung von 500 000 Euro, falls die Bayern in den kommenden drei Jahren einmal die Deutsche Meisterschaft gewinnen werden, plus einer Einmalzahlung von einer Million Euro, falls die Bayern in den kommenden vier Jahren einmal die Champions League gewinnen werden, plus einer Turnierbeteiligung in La Coruña, bei Zuwiderhandlung sind nochmals 500 000 Euro fällig.

Die Einmalzahlungen schreibt der „Solidaritätsmechanismus“ vor, den Kapitel IX, Artikel 25 der Statuten des Internationalen Fußball-Verbandes behandelt und der als Ausbildungsentschädigungen für die Vereine greift, die „zu seinem Training und zu seiner Ausbildung eines transferierten Spielers beigetragen haben“. Der Rest des Gesamtpaketes entsprang den Verhandlungen. „Es gibt derzeit weltweit wohl nur zwei Klubs“, sagt Hoeneß, „die solche Dimensionen ohne finanzielle Waghalsigkeiten bewerkstelligen können, das ist Manchester United, und das sind wir.“ Und um darzustellen, welche Dimensionen gemeint sind, riet der Manager all denen, die Makaay noch live sehen wollten, ihn sich schnell anzuschauen, „denn demnächst und in den neuen für die WM 2006 erbauten Stadien, werden die Spiele des FC Bayern auf Monate hinaus, auf Jahre hinaus ausverkauft sein“.

Jetzt sind sie also wieder wer, nachdem sie in den vergangenen Wochen von Deportivo-Präsident Augusto Cesar Lendoiro arg düpiert worden waren bei den Verhandlungen um Makaay. Der trat inzwischen nach und höhnte in Richtung Hoeneß und Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge, sie hätten „anfängerhafte Fehler“ gemacht. Leicht gemacht haben sie es Lendoiro und dessen Helfern („diese Galicien-Mafia“, tobte Hoeneß noch am Dienstag) allemal.

Denn die Störmanöver, die gab es auch aus den eigenen Reihen. Als Franz Beckenbauer, wohl Präsident des Vereins, aber im hierarchischen Gefüge des FC Bayern so etwas wie der Frühstücksdirektor h. c. unter Rummenigge und Hoeneß, als sich Franz Beckenbauer also in der vorvergangenen Woche in die Verhandlungen mit den launigen Worten einmischte: „Eine Million Euro mehr oder weniger, das ist doch fast schon wurscht“, da war das, laut Hoeneß, „wenig hilfreich für uns.“

Aber zu dem Zeitpunkt waren die taktischen Pläne der Bayern schon aus dem Ruder gelaufen. Das hatte Markus Hörwick, der Pressesprecher, in einem Anfall von Kompetenzüberschätzung besorgt. Ursprünglich hatte der FC Bayern München 15 Millionen Euro geboten, lange Zeit war von keinem anderen Betrag die Rede. Die „Bild“-Redaktion spekulierte die Summe auf 18 Millionen hoch, was Hörwick ungefragt zu einer Art Dementi trieb: „Der FC Bayern wird für Makaay keinen Cent mehr als 18 Millionen Euro zahlen.“ Schon war Makaay teurer geworden. Aber nun ist es ja ausgestanden, nun ist der teuerste Transfer der Bayern getätigt, der spektakulärste der Bundesligageschichte auch und der mit den wahrscheinlich mühsamsten Verhandlungen. Der Mann, der mit den Füßen redet ist da und gibt zu fast allen Fragen der Transfergeschichte, zu Fragen der Hysterie und des Hypes um ihn eine hoffnungsvolle Antwort: „Was weiß ich, ich bin nur ein Fußballspieler.“

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