Sport : Solo fürs Ego

Jan Ullrich demonstriert in den Alpen neue Stärke

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Jan Ullrich fuhr Lance Armstrong davon. Zugegeben, nur 30 Kilometer später wurde der Deutsche von seinem nordamerikanischen Widersacher eingeholt, am Ende der 15. Etappe düpierte der fünffache Sieger der Tour de France gar Ullrich, indem er ihn vor dem Zielstrich abhängte und durch seinen Sieg noch ein paar Sekunden Vorsprung herausfuhr. Das Solo von Ullrich war also ohne Wirkung auf die Gesamtwertung. Bedeutungslos war die Flucht des Jan Ullrich trotzdem nicht. Es war ein Solo fürs Ego.

„Warum sollte er das nicht probieren“, sagte Rudy Pevenage, der persönliche Betreuer von Ullrich. „Das war das Beste, was er machen konnte.“ Was hatte sich der TourSieger von 1997 nach den schweren Etappen in den Pyrenäen nicht alles anhören müssen. Zu dick sei er und außer Form. Ullrich habe doch überhaupt keine Chance, mit Armstrong mitzuhalten. Und dann war Ullrich ja inzwischen sowieso der falsche Mann als Chef beim Team T-Mobile. Andreas Klöden liegt ja schließlich besser in der Gesamtwertung, nur eineinhalb Minuten hinter Armstrong.

T-Mobile hielt an Ullrich fest, und das war richtig. Klöden ist die Berge zwar gut hochgekommen, auf den letzten Kilometern konnte aber auch er mit Armstrong nicht mithalten. Mit dem Tour-Sieg hat Klöden nichts zu schaffen, wohl auch nicht in Zukunft: Er ist bereits 29. Trotzdem, er kämpft aufopferungsvoll und ist damit eine Ausnahme in seinem Team. Außer Ullrich und ihm war in den Bergen keiner von T-Mobile in der Spitzengruppe zu sehen. Das ist der Unterschied mit dem Ullrich fahren muss: Bei Armstrongs Team mit dem Sponsorennamen US Postal strampeln alle für einen: Der Chef hat sein Team selbst zusammengestellt, er verteilt das Geld und besorgt die Geldgeber.

Selbst der Zweite der Gesamtwertung, Ivan Basso, hat Ullrich mit dem Team CSC eine Mannschaft voraus, die für ihn kämpfen kann. Wieder wurde Ullrich das große Gefälle zwischen US Postal und CSC zu T-Mobile zum Nachteil.

„Ich wollte Lance ein wenig ärgern“, sagte Ullrich am Dienstag. „Leider hatte ich das Pech, allein gegen den Wind fahren zu müssen, weil alle, die ich überholt habe, nicht führen konnten oder wollten. Wenn ich es geschafft hätte, wäre ich der Größte gewesen, so war ich am Ende nur der Drittgrößte.“ Und das war viel, gemessen an der Realtität, mit der er bei dieser Tour leben muss. Jan Ullrich ist ohne ausgezeichnetes Team unterwegs. Dass er trotzdem ein ausgezeichneter Fahrer ist, hat er mit seinem Ausflug auf der ersten Alpen-Etappe bewiesen. cv

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