Sport : Sommermärchen auf Amerikanisch

Warum Jürgen Klinsmann der ideale Nationaltrainer der USA wäre

Matthias B. Krause[New York]

Die Verhandlungen sind noch nicht einmal offiziell aufgenommen, aber dennoch wird schon von ganz großen Zielen gesprochen. „Die USA könnten die Fußball-Welt dominieren“, fabuliert ein amerikanischer Kommentator, ein anderer fordert: „Komm schon, Sunil! Öffne das Scheckbuch und gibt dem Mann freie Hand, um uns in die Zukunft zu führen.“ Sunil Gulati ist seit März dieses Jahres Präsident des amerikanischen Fußballverbandes US Soccer, in diesem Monat will er seinen größten Coup landen, die Verpflichtung Jürgen Klinsmanns als Nachfolger von Chefcoach Bruce Arena. Doch der Ökonomie-Professor an der Columbia-Universität in New York, der seit 30 Jahren entscheidenden Einfluss auf die Randsportart Fußball in den USA hat, ist kein Mann der Schnellschüsse. Und schon gar keiner der lockeren Zunge.

Anfang der Woche bestätigte er zwar Gespräche mit Klinsmann, der frühere Bundestrainer sei jedoch nur ein Kandidat unter vielen. In die Details wollte er nicht gehen, die Medienberichte in Europa lägen aber allesamt neben der Wahrheit. Während Boulevardblätter in Deutschland und England wissen wollen, dass Klinsmann 2,5 Millionen Euro Gehalt fordere, der Verband aber nur 1,8 Millionen zahlen will, sagt Gulati, bislang gebe es gar kein konkretes Angebot, an niemanden. Auch Klinsmann hat diese Summen schon dementiert und nur grundsätzliches Interesse bekundet.

Am 12. November trifft sich der US- Soccer-Vorstand, um das Thema zu beraten, bis spätestens Ende des Monats soll eine Entscheidung fallen. Neben Klinsmann gelten der Franzose Gerard Houllier (Olympique Lyon), der frühere Trainer von Real Madrid Carlos Queiroz und der einstige englische Nationalcoach Sven-Göran Eriksson als Kandidaten.

Doch keiner wäre so ein Volltreffer wie der Deutsche. Die WM war noch in vollem Gange, da schauten die amerikanischen Medien schon neidisch auf das Sommermärchen, das sich dort entfaltete, und fragten sich mit einer Mischung aus Verwunderung und Beleidigtsein, warum Klinsmann sich nicht in den Dienst seiner Wahlheimat stelle. Keine Überzeugung ist in Amerika so fest verankert wie die, im besten Land der Welt zu leben. Und wer wie Klinsmann dort seine Zelte aufschlägt, ist herzlich willkommen – wenn er denn sein Talent zur Verfügung stellt.

Außerdem passen die Dinge wirklich zu gut zusammen. Grundsätzlich halten sie es eigentlich für unmöglich, dass jemand von außen die komischen Windungen des amerikanischen Fußballs versteht. Auf der einen Seite ist Soccer bei Schülern und Studenten äußerst beliebt, angeblich kicken in den USA 18 Millionen regelmäßig. Wer ernsthaft über eine Karriere als Profisportler nachdenkt, der sieht sich aber in den vier großen Ligen um: American Football (NFL), Baseball (MLB), Basketball (NBA) und – mit einigem Abstand – Eishockey (NHL). Wer in den Sportarten brilliert, dem stehen die besten Colleges offen, und danach winken Millionenverträge. Wer sich für Fußball entscheidet, muss froh sein, wenn er später seine Familie ernähren kann.

Die Major League Soccer dümpelt zehn Jahre nach ihrer Gründung weiter vor sich hin, durchschnittlich kommen 15 000 Fans zu einer Partie. Das sportliche Niveau lässt sich mit der Zweiten Liga in Deutschland vergleichen, vielleicht. Gleichzeitig sind die Klubchefs so mächtig, dass sie etwa durchsetzten, dass die Liga trotz der WM im Sommer ihren normalen Spielbetrieb weiterführte. Die Lücke, die zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft, ist bisweilen atemraubend. So waren die Amerikaner bass erstaunt, dass ihre Nationalmannschaft in Deutschland in der Vorrunde ausschied, hatte die fragwürdige Fifa-Rangliste sie doch als Nummer fünf der Welt ausgewiesen.

Mit seinem Optimismus und seiner Experimentierfreude würde Klinsmann in Amerika offene Türen einrennen, ihm im Verband eine Allmacht zu geben, die er in Deutschland nie bekäme, wäre auch kein Problem. Als Berater der Los Angeles Galaxy hat er einen guten Einblick ins System, und auf diversen Trainerversammlungen und Spielermeetings ist er auch schon gesichtet worden. Mit Bruce Arena, dessen Vertrag nach dem enttäuschenden Auftreten der US-Elf in Deutschland nicht verlängert wurde, verbindet ihn eine Freundschaft. Ob die Basis allerdings tragfähig ist, um Großes zu erreichen, muss Klinsmann sich reiflich überlegen. Und mit weniger wird er sich kaum zufriedengeben.

Derweil hat „Sports Illustrated“ eine Checkliste aufgestellt, um die Eignung des Kandidaten zu überprüfen. Hat er eine Angriffsmentalität? Ist er offen für Innovationen? Hat er internationale Erfahrung? Erweckt er Respekt als ehemaliger Superstar? Check, check, check. Die Zeitschrift kommt zu dem Schluss, dass, wenn Fußball-Präsident Gulati ein schlauer Typ ist, er alles daransetzen sollte, Klinsmann zu verpflichten – „und wer sind wir, die Intelligenz eines Professors einer Elite-Universität in Frage zu stellen?“. So sieht alles danach aus, als befinde sich Klinsmann in einer Position, die ihm aus seinen Zeiten als Spieler bekannt ist – ob er aufläuft, entscheidet er ganz alleine.

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