Sport : Sonntagsschuss: Ein Schock, der keiner war

Christoph Biermann

Dieser Tage, als Rudi Völler sein Aufgebot für das Länderspiel am kommenden Samstag gegen Finnland bekannt gab, sagte der Teamchef, dass man nun doch bitte nicht wieder alles in Frage stellen solle. Diesen Wunsch zu äußern, war jedoch eigentlich nicht nötig, denn nach der 1:5-Niederlage gegen England sind in den vergangenen vier Wochen erstaunlich wenig Grundsatzdebatten über den Zustand des deutschen Fußballs geführt worden.

Beißende Kritik im direkten Nachlauf des Spiels verbot sich allein durch den Umstand, dass Völlers Vater während der Partie einen Herzinfarkt erlitt, mit dem Tode rang und sich so die Bedeutung selbst einer Rekordniederlage relativierte. Doch auch mit etwas Abstand bedeutete sie einen Schock, der nicht wirklich war. Dabei hätte es allein statistisch gesehen Anlass für großes Heulen und Wehklagen geben können. Das 1:5 gegen England war die höchste Heimniederlage seit einem 0:5 gegen Österreich im Jahre 1931, bedeutete die größte Zahl von Gegentoren seit dem 3:8 gegen Ungarn 1954 und war die höchste Niederlage - seit 1999.

Vor gut zwei Jahren spielte die Nationalmannschaft während der Saisonvorbereitung im Konföderationen-Cup und unterlag Brasilien 0:4. Womit sich die Fallhöhe des Englandspiels erneut relativiert, denn Einbrüche deutscher Nationalmannschaften hat es in den letzten Jahren fast regelmäßig gegeben. Etwa das 0:3 gegen Kroatien im Viertelfinale der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich und das 0:3 bei der Europameisterschaft 2000 gegen Portugal, die indirekt und direkt für das Ende der Amtszeiten der verantwortlichen Bundestrainer Berti Vogts und Erich Ribbeck sorgten.

Diese Ergebnisse markierten Wendepunkte in den schmerzhaften Jahren der Erkenntnis, dass es keine naturgegebene Zugehörigkeit des deutschen Fußballs zur Weltspitze gibt. Selbst den verstocktesten Fans dämmerte es langsam, dass in Deutschland Talente fehlen, weil deren Ausbildung in der Vergangenheit vernachlässigt worden war. Außerdem wurde es fast zum Allgemeinplatz, dass die taktische Ausbildung der Spieler hinter der etwa in Frankreich oder Italien deutlich zurückgeblieben war.

Nur stimmt das so inzwischen nicht mehr. Klaus Toppmöller, der Trainer von Bayer Leverkusen, hat in dieser Woche nach dem Sieg seiner Mannschaft in der Champions League über den FC Barcelona erneut gesagt, dass deutsche Mannschaften sehr wohl technisch und taktisch mit anderen mithalten könnten. Das traf zu bei einer Leverkusener Mannschaft, in der am Dienstag sieben aktuelle oder ehemalige deutsche Nationalspieler aufliefen. Über die Befähigung Ottmar Hitzfelds und seines FC Bayern braucht sowieso nicht diskutiert zu werden. Wie in der Champions League überhaupt bislang nur Schalke 04 durch den Rost gefallen ist. Das aber liegt nicht an taktischer Rückständigkeit. Viele Spieler, die im Vorjahr an der Leistungsgrenze spielten, sind dazu im Moment nicht mehr in der Lage.

So haben auch die internationalen Klubspiele seit der Partie gegen England dazu beigetragen, das zu relativieren. Ebenfalls deutlich verändert hat sich in den letzten Jahren der Alltag in der Bundesliga. Die Mehrzahl der Teams organisiert ihr Defensivspiel nicht mehr auf den Mann, sondern im Raum. Übergeben, Verschieben und der Versuch von Pressingspiel sind längst nicht mehr die taktischen Vorteile avantgardistischer Exoten wie dem SC Freiburg. Traditionelles Spiel mit dem Libero findet man selbst in der Zweiten Liga kaum noch.

Woran es auf breiter Basis jedoch immer noch fehlt, sind balltechnisch überragende Fußballspieler mit deutschem Pass. Sieht man einmal von Deisler, Ballack oder Scholl ab, entsteht der Eindruck, als gäbe es in der Bundesliga zunehmend eine Arbeitsteilung, nach der die deutschen Kicker fürs Grobe und die ausländischen Profis für Leichtfüßigkeit und Inspiration zuständig sind. Hinten rackert Linke, vorne wuchtet sich Jancker in die Bälle; für Kunst, Kunststückchen und Eleganz hingegen sind Rosicky, Bastürk oder Elber zuständig. Auch in England ist das nicht anders, sieht man von Owen, Beckham und Gerrard ab. Außerdem können sich die englischen Klubs wie die in Italien aufgrund höherer Fernseheinnahmen die noch besseren Künstler leisten.

Viel Geld werden die Bundesligavereine in den nächsten Jahren in ihre Nachwuchsausbildung investieren müssen, seit Jugendinternate Teil der Lizenzierungsanforderungen geworden sind. Bis die erste Generation diese Akademien durchlaufen hat und es mehr deutsche Ballzauberer gibt, wird es jedoch noch einige Jahre dauern. Bis dahin, da hat Völler Recht, kann man nicht immer Grundsatzfragen stellen. Zumal es zweifellos es auch wieder einmal Aussetzer wie gegen England geben kann. In Spielen wie dem gegen Finnland sollten sie allerdings schon ausbleiben.

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