Sonntagsspiel : Hertha und Gladbach - die Zwei von der Baustelle

Hertha BSC spielt am Sonntag bei Borussia Mönchengladbach - bei einem Team, das noch mehr im Selbstfindungsprozess ist als die Berliner.

Claus Vetter
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Ich war ein Berliner. Ex-Herthaner Thorben Marx, jetzt Borusse.Foto: dpa

Zwei Jahre Berlin haben Spuren hinterlassen bei Lucien Favre. Sie sind dem Trainer von Hertha BSC ins Gesicht geschrieben, sein kurzes Haar ist grauer geworden, sein Mienenspiel ist um einige Facetten ärmer geworden. Das lustige Grübchen im Kinn, dieses charmante Schweizer Grinsen, all das ist seltener zu beobachten bei Favre. Besonders dann, wenn die Fragen zu seiner Arbeit mal nicht nach dem Wunsch des Trainers formuliert werden. Dann gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder verteidigt sich Favre mit einer barschen Rückfrage der Marke „Wie meinen Sie das?“ oder er versteckt sich hinter einem larmoyant klingenden „Ich weiß nicht“.

Zwei Jahre Hertha unter Favre: Das waren ein solides Übergangsjahr und eben ein zweites, sehr erfolgreiches Jahr. Die zweite Saison mündete für den inzwischen 52 Jahre alten Trainer aber nicht nur in sportlicher Hinsicht in ein gutes Ende. Schließlich hat Erfolgstrainer Favre mit dem Pfund des vierten Bundesligaplatzes auch seinen Einflussbereich außerhalb des Fußballplatzes deutlich erhöhen können, musste doch Herthas langjähriger Manager Dieter Hoeneß gehen. Das allerdings erhöht nun auch den Druck auf Favre: Nach Aufbau und Erfolg müsste es nun weiter nach oben gehen. Müsste. Aber Hertha ist eben wieder einmal im Umbau, woran Favre nicht ganz unschuldig ist. Schließlich demissioniert er nun Spieler wie Amine Chermiti, die er einst geholt hat.

Umbau, Teil eins, war allerdings für die Berliner zum Bundesligastart sportlich mit dem 1:0 gegen Hannover ein Erfolg. Was spricht dafür, dass es am Sonntag im Spiel bei Borussia Mönchengladbach gut weitergeht? Zum Beispiel, dass Favre im Aufgebot „keine großen Änderungen plant“ und dass der Gegner es geschafft hat, zum Auftakt eine 3:0-Führung in Bochum zu verschludern und schließlich nur auf ein 3:3 kam. Mönchengladbach fehlt noch die Konstanz. Mönchengladbach, sagt Lucien Favre, habe zwar „viel in neue Spieler investiert“, sei aber im Selbstfindungsprozess noch hinter den Berlinern zurück. „Die haben schließlich fünf, sechs neue Spieler auf dem Platz“, sagt Herthas Trainer.

Einer von Borussias Neuen glänzte zum Bundesliga-Auftakt mit bestechender Spielübersicht und einem Tor: Juan Arango. Zudem wird das Mönchengladbach der Nach-Marko-Marin-Phase am Sonntag erstmals mit Zugang Marcel Meeuwis spielen, allerdings weiter ohne einige Stammspieler auskommen müssen. Dafür wird der ehemalige Berliner Thorben Marx erstmals im Trikot der Borussen gegen seinen einstigen Klub auflaufen. Für Marx, bis 2006 bei Hertha, hat sein langjähriger Klub durchaus das Potenzial, am Ende der Saison auf den vorderen Plätzen zu landen, „auch wenn es für Hertha nach den Abgängen dreier wichtiger Spieler sicher schwerer als in der vergangenen Saison wird“, wie Marx sagte.

Schwerer als in der vergangenen Saison? Die Furcht davor könnte Lucien Favres Problem werden. Aber da gegen Hannover ja vom Ergebnis her alles geklappt hat, wird der Berliner Trainer nicht experimentieren in Mönchengladbach. Den neuen schwedischen Verteidiger Rasmus Bengtsson will Favre am Sonntag noch nicht einsetzten, denn: „Er hat noch zu viel Rückstand. Es bringt nichts, ihn zu bringen.“

Noch sind die Berliner auf der Suche nach offensiven Kräften, Baustellenbeauftragter ist Michael Preetz. Der Manager wiegelt alle Fragen nach etwaigen Zugängen – zuletzt waren es der Argentinier Maxi Lopez und der kroatische Mittelfeldspieler Niko Kranjcar (FC Portsmouth) – kalt ab. Das ist ganz im Sinne seines Trainers, der nun in seiner schweren dritten Saison bei Hertha einen Manager zu haben scheint, auf den er sich offenbar verlassen kann.

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