Sport : Späte Enthüllung

Olympiasiegerin Nesterenko war 2002 gedopt

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Berlin Oben, auf dem Podium, saß eine bleiche Angeklagte: Julia Nesterenko war in Athen gerade Olympiasiegerin über 100 m geworden, aber nun musste sie erklären, weshalb sie innerhalb eines Jahres ihre Zeit von 11,45 Sekunden auf 10,93 im olympischen Finale steigern konnte. Die Weißrussin Nesterenko erklärte, dass sie jetzt eine eigene Wohnung habe, einen neuen Masseur, und dass sie jetzt Gewichte stemme. Kaum einen Journalisten überzeugte das, der unausgesprochene Dopingverdacht blieb.

Aber sie hätten sich auf eine Zeit konzentrieren müssen, als Nesterenko noch erheblich langsamer war, die Journalisten. Denn jetzt enthüllte die polnische Sportzeitung „Przeglad Sportowy“, dass die 25-Jährige unter ihrem Mädchennamen Bartsewitsch schon am 25. Mai 2002 im polnischen Biala Podlaska positiv auf das Steroid Clenbuterol getestet wurde. Schon die deutsche Doppel-Weltmeisterin Katrin Krabbe hatte das Kälbermastmittel Clenbuterol genommen.

Dass der Dopingfall erst jetzt publik wird, hat eine seltsame Vorgeschichte. Der polnische Leichtathletik-Verband informierte zwar den weißrussischen Verband über die positive Probe, nicht aber den Welt-Leichtathletikverband IAAF. Die IAAF konnte nicht reagieren, der weißrussische Verband wollte nicht. Die weißrussischen Funktionäre akzeptierten das Testergebnis nicht, weil das Doping-Labor in Warschau nicht offiziell beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) akkreditiert sei. Warum der polnische Verband die IAAF nicht einschaltete, ist nicht bekannt. Die Sprinterin startete kurz darauf bei der EM, schied aber im Vorlauf aus.

Aber selbst wenn Nesterenko damals entlarvt worden wäre, hätte sie in Athen starten dürfen. Ihre Zwei-Jahres-Sperre wäre vor Olympia abgelaufen gewesen. Und deshalb ist eher nicht zu erwarten, dass sie ihr Gold verlieren wird. Denn ihr Fall liegt etwas anders als der von Jerome Young. Der 400-m-Läufer aus den USA war 1999 positiv getestet worden. Doch der US-Verband ignorierte dies, die IAAF wurde nicht informiert, und Young gewann 2000 mit der Staffel Olympiagold. Zu diesem Zeitpunkt wäre er aber gesperrt gewesen, wenn sein Fall bekannt gewesen wäre. Das IOC wird, so wie es aussieht, Young Gold aberkennen.

Zudem ist das Warschauer Labor weder beim IOC noch bei der IAAF akkreditiert, schon deshalb hat Nesterenko wohl nichts zu befürchten.. Frank Bachner

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