Sport : Späte Rettung, später Tod

Die Bayern haben im Finale der Champions League schon alle emotionalen Höhen und Tiefen erlebt

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Am Samstag steht der FC Bayern München zum achten Mal im Finale der Champions League, die bis 1992 Europapokal der Landesmeister hieß. Ein Rückblick auf sieben Endspiele zwischen 1974 und 2001.

1974 in Brüssel:

FC Bayern – Atletico Madrid 1:1 n. V,.

Wiederholungsspiel: 4:0

Der Europapokal ist schon 19 Jahre alt, als zum ersten Mal ein Deutscher Meister im Finale der Champions steht. Wolf Wondratschek hat dem Helden des ersten Münchners Triumphs ein Gedicht gewidmet, es endet so:

Merkwürdig, daß so einer,

eckig wie eine leer

gegessene Pralinenschachtel,

etwas trifft, das rund ist.

Georg Schwarzenbeck ist als Fußballspieler nie so recht ernst genommen worden. Gegen Atletico macht er sich unsterblich. Eine Minute vor Ende der Verlängerung liegen die Bayern 0:1 zurück. Es läuft ein letzter Angriff. Beckenbauer weiß nicht wohin mit dem Ball und gibt ihn Schwarzenbeck. Schwarzenbeck weiß nicht wohin mit dem Ball und schießt ihn ins Tor. Nach diesem 30-Meter-Schuss ist Schluss, und die Spanier sind so demoralisiert, dass sie im Wiederholungsspiel zwei Tage später 0:4 untergehen. 19 Jahre später reist Atleticos Torhüter Miguel Reina im Auftrag der Sportzeitung „Marca“ zur Revanche nach München. Schwarzenbeck schießt in Straßenschuhen, Reina pariert ohne Mühe.

1975 in Paris:

FC Bayern – Leeds United 2:0

Vielen englischen Fußballfans gilt der zweite Münchner Sieg im Europapokal der Landesmeister auch nach 35 Jahren immer noch als einer der größten Skandale der Fußballgeschichte. Der französische Schiedsrichter Michel Katabdjian verweigert Leeds einen Elfmeter und erkennt ein korrektes Tor nicht an. Weniger gern spricht man in Leeds über Terry Yorath, der Bayerns Björn Andersson schon nach vier Minuten Schien- und Wadenbein bricht. 20 Minuten vor Schluss nutzt Franz Roth die erste Chance zur Münchner Führung, Gerd Müller erhöht schnell auf 2:0. Weil englische Hooligans Sitze aus der Verankerung reißen und auf den Rasen werfen, verzichten die Bayern auf ihre Ehrenrunde.

1976 in Glasgow:

FC Bayern – AS Saint-Etienne 1:0

Die Geschichte mit dem Kognak erzählt Karl-Heinz Rummenigge oft und gern. Eigentlich waren es ja zwei, Bayerns Trainer Dettmar Cramer hat sie ihm eingeschenkt, 90 Minuten vor dem ersten großen Finale, das der damals 20 Jahre junge Stürmer bestreiten darf – oder muss, denn Rummenigge ist so aufgeregt, dass es ohne Kognak nicht geht. Wieder gelingt Franz Roth das entscheidende Tor, aber Saint-Etienne ist deutlich überlegen. Jacques Santini trifft den Pfosten, Dominique Bathenay die Latte des Münchner Tores. Der spätere Nationaltrainer Santini macht das rechteckige Torgestänge in Glasgow für die Niederlage verantwortlich – „wären Pfosten und Latte rund gewesen, hätten wir gewonnen“.

1982 in Rotterdam:

Aston Villa – FC Bayern 1:0

Aston Villa bietet eine Elf der Namenlosen auf, deren Torhüter Jimmy Rimmer sich nach zehn Minuten so schwer an der Schulter verletzt, dass er den Platz verlassen muss. Für ihn kommt der 22 Jahre junge Nigel Spink, er hat sein letztes Spiel vor zweieinhalb Jahren gemacht. An diesem Abend aber hält er alles, was auf sein Tor kommt. Aston Villa hat genau eine Chance, Peter White nutzt sie in der 67. Minute zum Siegtor. Kurz vor Schluss trifft Dieter Hoeneß für die Bayern, aber der Schiedsrichter glaubt, eine Abseitsstellung gesehen zu haben. Nach dem Spiel ist die Stimmung bei den Münchnern so angespannt, dass Stühle durch die Kabine fliegen.

1987 in Wien:

FC Porto – FC Bayern 2:1

Wie schon fünf Jahre zuvor gegen Aston Villa gehen die Bayern als hoher Favorit ins Spiel und werden dieser Rolle optisch auch gerecht. In der ersten Halbzeit sehen die mehrheitlich den Bayern zugeneigten Zuschauer im Wiener Prater ein Spiel allein auf das Tor des Portugiesischen Meisters. Es springt nicht viel dabei heraus, nur Ludwig Kögl trifft ins Tor, was allerdings bemerkenswert ist, denn der 1,68 Meter kleine Flügelstürmer trifft mit dem Kopf. In der Halbzeit ordnet Trainer Udo Lattek verstärkte Defensive an. Die Portugiesen sollen sich austoben, und genau das tun sie, allerdings zum Schaden der Münchner. Bis zwölf Minuten vor Schluss halten die Bayern den Vorsprung, aber dann gelingt dem Algerier Rabah Madjer eines der berühmtesten Tore der Europapokal-Geschichte. Mit der Hacke kickt er den Ball zum 1:1 ins Netz. Zwei Minuten später bedient er den Brasilianer Juary zum Siegtor.

1999 in Barcelona:

Manchester United – FC Bayern 2:1

Nach Mario Balsers schnellem Führungstor sieht alles nach einem souveränen Münchner Sieg aus. Mehmet Scholl trifft den Pfosten, Carsten Jancker die Latte, und von Manchester ist wenig zu sehen. Nach 80 Minuten hat der mittlerweile 38 Jahre alte Lothar Matthäus genug und lässt sich gegen Thorsten Fink auswechseln. Auch Manchesters Trainer Alex Ferguson stellt seine Mannschaft um, und ihm wird dabei mehr Glück beschieden sein als seinem Münchner Kollegen Ottmar Hitzfeld. Es läuft schon die Nachspielzeit, das schießt der erste von Fergusons Jokern, Teddy Sheringham, das 1:1. Die Bayern stellen sich gerade auf die Verlängerung ein, da trifft der ebenfalls eingewechselte Ole-Gunnar Solskjaer zum Sieg. 138 Sekunden liegen zwischen beiden Toren.

2001 in Mailand:

FC Bayern – FC Valencia 1:1, 5:4 i.E.

Zwei Jahre nach dem Sekundentod von Barcelona wird im San Siro zu Mailand ein Mythos geboren. Es ist der Mythos des Torhüter-Titans, der Mythos des Oliver Kahn. Das Finale ist ein Spiel mit reichlich Elfmetern. Den ersten verwandelt Gaizka Mendieta schon nach drei Minuten zu Valencias Führung, den zweiten verschießt kurz darauf Mehmet Scholl, den dritten verwandelt Stefan Effenberg zum Ausgleich. Weil sonst nichts mehr passiert in den 120 Minuten inklusive Verlängerung, müssen zur Entscheidung noch mal 14 Elfmeter herhalten. Kahn pariert drei davon, um 23.32 Uhr gehört der Cup den Bayern. Dass Kahns Kollege Santiago Cañizares im Augenblick der Niederlage wie ein kleines Kind weinte, haben ihm die stolzen Spanier bis heute nicht verziehen.

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