Sport : Später Sieg im Flutlicht

Anky van Grunsven gewinnt die Dressurkür bei den Weltreiterspielen – Isabell Werth holt Bronze

Jeannette Krauth

Aachen – Es soll der Abend der Giganten im Viereck werden, und die Kulisse gibt ihr Bestes, um den Rahmen zu schaffen: Über 42 000 Menschen, mehr, als je zuvor zu einem Dressurturnier versammelt waren, ein Himmel, der sich von himmelblauen Abendwolken mit kitschig-rosefarbigen Schlieren langsam in ein schwarzes Zelt verwandelt, Flutlichtstrahler, die das Viereck in der Mitte des Aachener Reitstadions hell aufscheinen lassen, und den Rasen drumherum quietschgrün malen. Es ist der Abend der Grand Prix Kür, der Prüfung, in der die Dressur zu Musik geritten wird. Und es ist die zweite Chance dieser Weltreiterspiele auf eine Einzelmedaille für die Dressurreiter. In den Hauptrollen: Die frischgekürte Doppelweltmeisterin Isabell Werth mit Satchmo. Ob dessen Nerven bei Blitzlicht und Strahlern halten?

Gegen sie tritt an die Titelverteidigerin Nadine Capellmann mit Elvis, die mit ihrer Kür zu Elvis-Presley-Hits dieses Jahr schon in Lingen (79,17 Prozent) und auf dem CHIO in Aachen (80,85 Prozent) gewinnen konnte.

Dazu die Allzweck-Waffe Salinero von Anky van Grunsven – die Holländerin ist die unbestrittene Kür-Königin. Sie bekam die drei höchsten jemals vergebenen Prozentpunkte in der Kür, zuletzt 2005 in Rotterdam: Da holte sie mit Salinero 86,765 Prozent. Und heute wird sie in Aachen siegen: nach zweimal Silber bei dieser WM gelingt Anky van Grunsven der ersehnte späte Ritt zum Gold.

In weiteren Rollen: die restlichen der fünfzehn besten Reiter der vorigen Prüfung, des Special. Außer zur Nominierung zählen deren Ergebnisse aber nicht. Die drei Hauptakteure werden als letzte die große Bühne betreten.

Das Stück beginnt natürlich früher. Und es kommen viele Synthesizer- Klänge, bessere und noch bessere Seitwärtsgänge darin vor, der Bauch wird flau vor Verzückung, ein Ritt haarscharf am Weltrekord vorbei, und das Klatschen des Publikums kennt alle Facetten: Von Stadion-Wundklatschen bis zum geziemenden Theaterrhythmus. Riesenmomente gibt es aber zuvor. Eine kleine Liste: 20 Uhr 25, im Viereck Guenter Seidel, deutscher Auswanderer, für die USA mit seinen Schimmel Aragon. Spanische Musik, ein Pferd, das immer wieder genug Zügel bekommt, wie im Lehrbuch die Nase vorstreckt. Herzensfreude, sieht man das doch auch auf der WM viel zu selten. 20 Uhr 36, 30er-Jahre-Musik, wie sie Max Raabe lieben würde, das passt gut zu Kyra Kirklunds schwarzem Max. 21 Uhr 16, der Himmel ist dunkelblau, grellweißes Licht fällt ins Stadion, die Mexikanerin Bernadette Pujals, der heimliche Shooting Star, reitet ein, beginnt schwierig mit Einer-Galoppwechseln zur Akustikgitarre. Sie bekommt einen riesigen Schlussapplaus: Typisch Aachener Publikum, die werden bedacht, die entweder richtig gut sind oder es ein bisschen schwerer haben als andere.

21 Uhr 42, der Himmel hängt als schwarze Haube über dem Stadion, und Heike Kemmer zeigt, wie die Schlussaufstellung standbildhaft auszusehen hat. 22 Uhr 33: Andreas Helgstrand, der schon im Special alle mit einem Ritt, der ihm die Bronze-Medaille brachte, überraschte, legt noch einen drauf. Zu Queens „Who wants to live forever“, Abbas „Mamma Mia“ und noch mehr Musikschnipseln aus den 80ern zeigt er, was Matine am besten kann: Piaffe und Passage ohne Ende. Und als er sie zum Schluss auf der Stelle treten lässt, in der Piaffe, riesengroß, unglaublich elastisch, da vergisst sich das sonst so gesittete Dressurpublikum: „BRAVO!“, ruft einer, und zu Matines Takt klatscht das Stadion. Die Note: 81,5 Prozent! Ziemlich nah, an Anky van Grunsvens Bestmarken.

Dann kommt sie, die erste der Favoritinnen: Isabell Werth, auf Satchmo. 22 Uhr 40, der Bauch ist noch flau von Helgstrands unglaublicher Kür, da zeigt sie noch mal, wie gut Satchmo das draufhat, mit den Trab- und Galoppseitwärtsgängen. Nahezu fehlerfrei, aber nicht so spektakulär wie Helgstrand: 80,75 Prozent.

Aber jetzt die bislang Stärkste, Anky van Grunsven: Locker ist er, Salinero, schwingt, geht ordentlich Schritt, zeigt seine ganze Leichtigkeit zu Querflöte und sanften Trommelwirbeln. 22 Uhr 59, und in der Mitte des Stadions steht ein perfekt piaffierender Salinero. Zwei Tritte weiter, die Schlussaufstellung. Anky reckt die Faust, beißt sich auf die Lippe, die Tribünen donnern, und ja, sie ist es: 86,1 Prozent!

Das kann auch Nadine Capellmann nicht mehr ändern, auch wenn das Publikum noch so pfeift, wegen der mageren 79,9 Prozent, die sie bekommt. Anky van Grunsven ist die Dressur-Königin, offiziell beglückwünscht auf dem Siegertreppchen im Stadion, vor rotem Teppich um kurz vor 24 Uhr an diesem Samstagabend – und daneben Helgstrand auf dem zweiten, und Werth auf dem dritten Platz.

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