Sport : Später Triumph

Schwimm-Europameisterin Sarah Poewe ist früher oft am fehlenden Stehvermögen gescheitert.

von
Endlich. Mit 29 Jahren gewann Sarah Poewe ihren ersten großen Titel. Foto: Reuters
Endlich. Mit 29 Jahren gewann Sarah Poewe ihren ersten großen Titel. Foto: ReutersFoto: REUTERS

Berlin - Sie hatte noch 20 Meter, 20 lange Meter bis zum Beckenrand, 20 Meter, auf denen die Schmerzen noch qualvoller würden. 20 Meter, auf denen sie alles in der Hand hatte: Jubel oder Enttäuschung? Sarah Poewe hatte oft Probleme, auf den letzten Metern ihr Tempo zu halten, regelmäßig brach sie ein. Diesmal nicht, diesmal hielt sie durch, diesmal reichte es sogar zu Platz eins. 1:07,33 Minuten, Sieg über 100 Meter Brust im Pool von Debrecen, der erste internationale Langbahn-Titel für Sarah Poewe. Seit Mittwoch ist sie Schwimm-Europameisterin. Mit 29 Jahren.

Das hört sich nach spätem Aufstieg an, ist aber falsch. Sarah Poewe von der SG Bayer Wuppertal/Uerdingen/Dormagen war schon Kurzbahn-Weltmeisterin und Olympia-Vierte (2000) und -Fünfte (2004), jeweils über 100 Meter Brust, sie gewann 2004 Olympia-Bronze mit der Lagenstaffel. Aber sie hatte auch so viele Tiefs, dass sie nie dauerhaft groß auf sich aufmerksam machen konnte. „Dieses Gold ist eine tolle Erfahrung“, sagte sie in Debrecen strahlend. „Man muss einfach immer an sich glauben.“

Zumindest daran hat’s bei ihr nie gemangelt. „Es gibt ganz wenige Athleten, die so aufs Schwimmen fokussiert sind wie Sarah“, sagt Dirk Lange, bis Winter der Bundestrainer der deutschen Schwimmer. Und wenige pendeln für den Sport so durch die Welt wie die gebürtige Südafrikanerin. In einem Schwimmklub in Kapstadt begann sie, dann wechselte die Tochter einer deutschen Mutter 2002 nach Deutschland, studierte später in den USA, trainierte dort bei Starcoach David Salo.

Oft genug konnte sie die guten Zeiten, die sie bei Deutschen Meisterschaften auf der langen Bahn erzielt hatte, nicht international bestätigen. Das hatte natürlich auch mit fehlender Nervenstärke zu tun. Nicht bloß für sie eine Enttäuschung. Ihre ganze Familie zu Hause in Kapstadt fiebert mit, wenn sie startet. Die Eltern unterstützen sie auch finanziell. Häufig ist die Brustschwimmerin monatelang in Südafrika.

In Deutschland trainiert die Frau, die als erste Jüdin seit 1936 eine Olympiamedaille für Deutschland gewann, seit längerer Zeit in Wuppertal. Sie ist in der Trainingsgruppe mit dem WM-Dritten Christian vom Lehn. Der 20-Jährige, der noch in der Grundschule saß, als Poewe 2000 Olympia-Vierte wurde, der fordert sie enorm. Das zahlt sich aus. „Ich habe schon alles mögliche miterlebt, Höhen und Tiefen. Es war auch richtig hart. In Wuppertal habe ich aber gelernt, Sport wieder zu genießen“, sagte sie in Debrecen. Betreut werden vom Lehn und sie in Wuppertal von Farshid Shami. Der ist promovierter Psychologe, offenbar beherrscht er die erfolgversprechende Ansprache. Lange traut Poewe sogar eine Zeit unter 1:07 Minuten zu. Die muss sie allerdings auch liefern, wenn sie bei Olympia etwas ausrichten möchte.

Mag ja sein, dass Poewe weniger Medaillen hat als viele ihrer Gegnerinnen. Aber die dürften die Deutsche trotzdem unendlich beneiden. Denn Sarah Poewe ist eine enge Freundin der Südafrikanerin Charlene Wittstock; sie sind in Kapstadt im gleichen Klub geschwommen. Das wäre nichts Besonderes, wenn Charlene Wittstock seither im grauen Alltag verschwunden wäre. Aber sie heiratete im Juli 2011 Fürst Albert von Monaco, die Glamourwelt ist jetzt ihr Alltag. Die Hochzeit feierte sie mit einem glanzvollen Fest. Auf der Gästeliste stand auch eine junge Frau, die vor Stolz fast platzte – Sarah Poewe.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben