Spanien : Der laute Trainer wird leise

"Niemand kombiniert so gut wie wir": Der bärbeißige Nationalcoach Luis Aragonés schließt nach Spaniens Triumph Frieden mit der Welt.

Julia Macher[Madrid]
Aragones
Ungewöhnlich gelassen: Luis Aragonés. -Foto: ddp

Den „Weisen aus Hortaleza“ nennen sie Nationaltrainer Luis Aragonés in Spanien. Das ist ein seltsamer Spitzname für einen, der für Bärbeißigkeit und deftige Breitseiten bekannt ist. Samstagabend, als sich Spanien mit einem souveränen 3:0 gegen Schweden für die Europameisterschaft im kommenden Jahr qualifizierte, wurde der Coach seinem Namen allerdings doch gerecht. Ungewohnt gelassen verfolgte er die Partie im Santiago-Bernabeu-Stadion.

Als Capdevila die Spanier nach einem Eckstoß von Xavi in Führung brachte, nickte der Trainer anerkennend. Mit dem Anflug eines Lächelns registrierte Aragonés, wie seine Mannschaft den Ball ohne eine einzige gegnerische Berührung übers Spielfeld trieb und Mittelfeldspieler Andres Iniesta ihn ins Tor beförderte. Das 3:0 durch Sergio Ramos gab Luis Aragonés dann den letzten Grund, um stolz vor die spanische Presse zu treten. „Ich war mir immer sicher, dass wir uns qualifizieren würden“, sagte der 69-jährige Trainer. „Technisch gesehen waren wir immer die Besten unserer Gruppe. Niemand kombiniert so gut wie wir.“ An seinem Entschluss, nach der EM 2008 zurückzutreten, halte er dennoch fest: „Auch ich habe ein Verfallsdatum, das ist wie bei der Milch. Wenn es da abgelaufen ist, sollte man sie nicht mehr trinken.“

Nach den schwachen Partien gegen Nordirland (2:3) und Schweden (0:2) im letzten Herbst hatte Luis Aragonés heftige Kritik einstecken müssen. Sein Entschluss, den 102-fachen Nationalspieler und Real-Madrid-Stürmer Raul nicht mehr zu nominieren, machte den Trainer unbeliebt. Kein Spiel verging, bei dem nicht irgendwo im Stadion Transparente mit Rauls Namen hingen; keine Partie, bei der nicht Sprechchöre die Rückkehr der legendären Nummer Sieben forderten. Als sich die Anhänger von Raul im September beim Spiel gegen Lettland dann sogar per Megaphon Gehör verschafften, platzte dem Coach der Kragen. Wutentbrannt sagte er die anberaumte Pressekonferenz ab und fuhr getrennt von seiner Mannschaft nach Hause. Es war der absolute Tiefpunkt der ohnehin nie sonderlich harmonischen Beziehung zwischen Verband und Nationaltrainer.

Luis Aragonés sagte dazu: „Ich verstehe, dass in schwierigen Momenten kritisiert werden darf. Was mich gestört hat, waren bloß die Beleidigungen.“ Das klang nach einem, der seinen Frieden geschlossen hat.

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