Spanien : Eine magische Nacht

Der FC Barcelona demütigt mit einer atemberaubenden Vorstellung Atletico Madrid mit 6:1. Die Spieler schwärmten von einer magischen Nacht

Julia Macher[Barcelona]

Das Fußballstadion Camp Nou in Barcelona ist berühmt dafür, dass es sich in kürzester Zeit leert. Meist verlassen die Fans das Stadion schon Minuten vor Abpfiff. Am Samstagabend blieben die 75 232 Zuschauer doch noch ein wenig länger als üblich. Sie blieben, um zu jubeln. Denn das Spiel des FC Barcelona gegen Atletico Madrid, das sie gerade gesehen hatten, gehört wohl zu den wahnwitzigsten der Primera División. 6:1 hatten die Gastgeber die Mannschaft aus der Hauptstadt besiegt. Drei Tore fielen in den ersten acht Minuten, fünf in den ersten zwanzig Minuten. Dazu gab es rasanten Kombinationsfußball, grandiose Sololäufe, schnelle Dribblings, einen glänzenden Eto'o, einen großartigen Messi. Es war eine atemberaubende Vorstellung des FC Barcelona, für die sich das Hausblatt "El Mundo Deportivo" mit einem schlagzeilen-großen "Oooh!" bedankte. Eingeleitet hatte den Torwirbel der Mexikaner Rafael Márquez, der in der dritten Minute zur Führung traf. Zwei Minuten später verwandelte Samuel Eto'o einen Elfmeter. Treffer von Messi, Eto'o und ein Abstaubertor von Eidur Gudjohnsen am Ende der ersten Halbzeit sollten folgen. Den einzigen Gegentreffer erzielte Maxi Rodriguez.

Die Spieler aus Barcelona machten auch in der zweiten Halbzeit mit den Madrilenen was sie wollten. Zum Schluss durfte dann auch Thierry Henry ran. Der für Eto'o eingewechselte Franzose traf mit einem flachen Schuss zum 6:1 und schwärmte: "Man hat mir schon viel von den magischen Nächten im Camp Nou erzählt. Heute habe ich zum ersten Mal eine erlebt."

Nach einer solchen magischen Nacht hatte sich das Camp Nou gesehnt. Nach den Ausschreitungen beim Lokalderby gegen Espanyol, nach dem zähen Champions-League-Spiel gegen Schachtjor Donezk war eine Kür in Sachen Leichtigkeit und Souveränität dringend nötig. Leise Zweifel an der Größe des Spiels bleiben aber, denn eigentlich gehören ja zwei Teams dazu. Und Atletico Madrid gab am Samstagabend nur den hilflosen Statisten - mit schlechter Abwehr und Konzentrationsfehlern. So farblos hatte man den Champions-League-Teilnehmer und Schalke-04-Bezwinger lange nicht mehr gesehen. Das 3:0 etwa hatte Madrid schlicht verbummelt. Barcelona hatte einen Freistoß zugesprochen bekommen; als Messi den Ball ins Tor lupfte, dirigierte Torwart Gregory Coupet noch entspannt am Posten lehnend seine Abwehr.

Madrids Trainer Javier Aguirre war erschüttert. "So etwas ist mir noch nie passiert, ich habe noch nie ein Spiel so schnell verloren," sagte der Mexikaner fassungslos. "Ich bin der einzig Verantwortliche. Ich habe Fehler in der Aufstellung gemacht, der Vorbereitung des Spiels, der Teambesprechung."

Zur schwachen Vorstellung seines Starstürmer Sergio Agüero, der in der 58. Minute ausgewechselt wurde, sagte er kein Wort. Viel war im Vorfeld geschrieben worden über ein Duell der besten Stürmer der Liga, zwischen den Argentiniern Leo Messi und Agüero. In letzter Zeit hatte das einen nicht zu unterschätzenden Seifenoperfaktor, da der argentinische Übervater Maradona den Zweikampf via TV-Botschaft angeheizt hatte: Maradona beschimpfte Messi als Egozentriker und kürte Agüero, den Partner seiner Tochter Giannina, zu seinem wahren sportlichen Nachfolger.

Am Samstagabend folgte der Spott auf dem Fuß. Als Agüero kommentarlos das Stadion verließ, kommentierte man in den Katakomben des Camp Nou süffisant, dass auch er längst wisse, wer der größte im spanisch-argentinischen Fußball ist. Nicht ohne Grund wolle er seinen Sohn Leo nennen.

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