Spanien vor dem Finale : Der Vollendung so nah

Spanien feiert den Finaleinzug ausgiebig – und träumt vom ersten WM-Titel. Während sich die Mannschaft um Zurückhaltung bemüht, kennt die Euphorie im Land und in den Medien keine Grenzen.

Julia Macher
Spanische Jubeltraube. Das Team von Trainer Vicente del Bosque herzt den Torschützen Carles Puyol.
Spanische Jubeltraube. Das Team von Trainer Vicente del Bosque herzt den Torschützen Carles Puyol.Foto: dpa

Es war eine Art Gruppentherapie, der sich Spanien am Mittwochabend unterzog. Vor der Riesenleinwand vor dem Madrider Santiago-Bernabéu-Stadion saßen 50 000 Menschen und skandierten "Wir haben keine Angst". Keine Angst vor dem Koloss Deutschland, dem dreifachen Weltmeister, der diesmal als besonders gefährlich galt. Nach den Siegen gegen England und Argentinien hatten spanische Medien Deutschland als eine Art besseres Spanien behandelt, das den schnellen One-Touch-Fußball mindestens ebenso gut beherrschte wie die Spanier. Einen Sieg wagte keiner zu prognostizieren, um so größer dann der Jubel, als Carles Puyol das Siegtor köpfte.

Als erste spanische Mannschaft steht nun das Team, das vor zwei Jahren während der Europameisterschaft groß aufspielte, im Finale einer WM. "Wir haben das vollständigste Spiel dieser WM gespielt", sagte Torjäger David Villa, "jetzt wollen wir unseren Traum vollenden." In Barcelona, Madrid und Valencia stimmten begeisterte Fans "Villa, Villa, Mara-Villa" ("wunderbarer Villa") an. Autokorsos in allen großen Städten, Spontan-Partys und Rekordeinschaltquoten für das Fernsehen: 14 Millionen Spanier verfolgten das Halbfinale im Fernsehen, nur ein Fußballspiel hatte bisher mehr Zuschauer – das EM-Finale 2008. War bei der Europameisterschaft noch jeder Jubel über das spanische Nationalteam unter dem Gesichtspunkt erörtert worden, ob sich darin jetzt ein Überwinden der regionalen Differenzen erkennen ließ, verzichtet man dieses Mal auf übertriebene politische Interpretationen. Es geht schlicht um den Titel.

Mit Ausnahme der Sportzeitung Marca, die Spanien schon als Sieger sieht und "die Besten der Welt" titelt, hält sich Spanien mit Prognosen für das Finale allerdings zurück. "Deutschland war schwächer als wir erwartet haben", konstatierte Trainer Vicente del Bosque und warnte gewohnt bescheiden davor, Bert van Marwijks Elf zu unterschätzen: "Das Team verkörpert brillant die holländische Schule. Hoffen wir, dass wir unsere Spielweise entfalten können." Del Bosque, dem staatstragende Auftritte sonst fremd sind, nutzte die Aufmerksamkeit für einen Appell. "Wir sind ein Land mitten in Europa, in dem auch gute Dinge passieren." Sportliche Triumphe könnten das von Immobilienkrise und Rekord-Arbeitslosigkeit geschüttelte Land wieder träumen lassen. Ministerpräsident Rodríguez Zapatero plagen ganz andere Sorgen. Er fürchtet um das Wohlergehen von Oktopus Paul und kündigte augenzwinkernd an, ein Rettungsteam nach Deutschland zu schicken.

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