Spanien vor dem Viertelfinale : Der Titel ist das Mindeste

Rafael Benitez gewann als Trainer Meisterschaften und Champions League. Vor dem Viertelfinale gegen Frankreich erklärt er, warum Spanien nach wie vor der Topfavorit auf den EM-Titel ist.

Rafael Benitez
Wundertrainer. Den FC Liverpool führte Rafael Benitez 2005 zum Champions-League-Sieg gegen den AC Mailand - und das nach einem 0:3 zur halbzeit. Foto: picture alliance / dpa
Wundertrainer. Den FC Liverpool führte Rafael Benitez 2005 zum Champions-League-Sieg gegen den AC Mailand - und das nach einem 0:3...Foto: picture alliance / dpa

Spanien, der große Favorit, amtierender Welt- und Europameister, soll wackeln? Ich habe davon in den letzten Tagen in der Zeitung gelesen, nach dem Spiel gegen Kroatien. Die Mannschaft spiele nicht mehr so flüssig und zwingend wie früher, heißt es da, sie habe keine Ideen und keine Durchschlagskraft. Entschuldigen Sie bitte, wenn ich lachen muss. Aber das ist ein Witz!

Sicher, die Gegner machen es Spanien schwerer als noch vor zwei oder sogar vier Jahren, als der EM-Titel noch eine kleine Überraschung war. Kroatien hat sehr defensiv gespielt, und zwar ziemlich genau so wie der FC Chelsea, der auf diese Weise in der Champions League gegen den FC Barcelona und schließlich gegen den FC Bayern gewinnen konnte. Der Triumph der „Blues“ war der Triumph der Defensive über die Offensive. Das möchte ich gar nicht kritisieren, denn die Frage, was schön ist im Fußball, halte ich für überflüssig. Schön ist nur der Sieg, daneben verblasst alles andere.

Allerdings möchte ich festhalten, dass der Ausgang des Finales von München die defensiv denkenden Trainer in ihrer Auffassung bestärkt haben dürfte. Das bremst den Trend hin zum offensiven Spiel, das für viele Zuschauer optisch reizvoller ist. Aber so ist der Fußball nun mal: Die Mannschaften beobachten einander intensiv, sie suchen und finden Gegenmittel, und irgendwann ist selbst die größte Dominanz gebrochen.

Bildergalerie: Spanien gegen Italien - eines der bislang besten Spiele bei dieser EM:

Spanien und Italien im Topspiel der Gruppe C
So hatte Spanien sich den EM-Auftakt nicht vorgestellt - nur 1:1 gegen Italien. Foto: AFPWeitere Bilder anzeigen
1 von 13Foto: AFP
10.06.2012 18:56So hatte Spanien sich den EM-Auftakt nicht vorgestellt - nur 1:1 gegen Italien.

Bei der Denkaufgabe, wie Spanien zu schlagen ist, sehen die Gegner also nach Jahren des Grübelns und der Ohnmacht mit einem Mal eine Lösung herannahen. Sie glauben, es reiche, destruktiv zu spielen und auf Konter und Standards zu setzen. Sie täuschen sich: Sie haben nun zwar eine Ahnung, wie sie gegen Spanien nicht verlieren. Das heißt aber noch nicht, dass sie auch gewinnen können.

Nach dem Aha-Effekt des Champions-League-Finales war zu erwarten, dass auch bei der EM spielerisch unterlegene Mannschaften – also eigentlich alle mit Ausnahme von Deutschland – sich gegen Spanien für die Chelsea-Taktik entscheiden würden: ein 4-2-3-1, wenn sie in Ballbesitz sind, das sie auf ein 4-5-1 umstellen, wenn sie verteidigen. Sie machen den Raum zwischen den Strafräumen sehr eng, attackieren den Ballführenden stets zu zweit und spielen so das denkbar aggressivste Pressing. Eine Spielweise, die viel Kraft und Herzblut erfordert. Der Plan ist, wie gesagt, nicht zu verlieren.

Video: Ein Klassiker - Spanien trifft Frankreich

Kroatien hätte das mit einem couragierten Auftritt auch fast geschafft. Dafür zolle ich ihnen meinen Respekt! Ivan Rakitics Kopfball in der 58. Minute hätte drin sein können, ja müssen. Aber Spanien hat mit Iker Casillas nun mal einen der besten Torhüter der Welt. Und es ist nicht einfach nur Glück, wenn er den Ball hält, sondern Teil dessen, was diese Mannschaft leisten kann. Das wurde in der Vergangenheit bei aller Begeisterung über die Offensive ohnehin zu wenig beachtet: Auch die Defensive genügt, trotz des Ausfalls von Carles Puyol, den allerhöchsten Ansprüchen. Nicht gegen Spanien zu verlieren, ist schwer genug. Aber zu gewinnen, wofür man bekanntlich mindestens ein Tor schießen muss, ist angesichts der Abwehrreihe um Gerard Piqué und Sergio Ramos jedoch um Welten schwerer.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben