Spaniens Andres Iniesta : Als würde er schweben

Er sieht aus wie 52, ist tatsächlich 32 und spielt immer noch so gut wie mit 22. Andres Iniesta ist in der Form seines Lebens. Wie macht er das bloß?

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Vermesser des Raums. Andres Iniesta setzt seine Pässe wie ein alter Meister seine Pinselstriche.
Vermesser des Raums. Andres Iniesta setzt seine Pässe wie ein alter Meister seine Pinselstriche.Foto: Imago/CTK Photo

Ein großes Fußballturnier gleicht oft einem Laufsteg auf der Fashion Week. Kurz vor Start des Mega-Events lassen sich Spieler gerne die Augenbrauen zupfen, die wildesten Tattoos stechen, neuerdings sogar bis zum Kinn, und ihre Haare zu Skulpturen formen, die man im New Yorker Moma ausstellen könnte. Belgiens Marouane Fellaini etwa läuft bei dieser EM mit einem blonden Afroschopf auf und konnte damit in sozialen Medien schon vor Turnierstart den ersten Preis einheimsen: als bester Doppelgänger von Bibo aus der Sesamstraße.

Andres Iniesta hat all das nicht nötig. Als Spaniens Mittelfeldstratege am Montag um kurz vor drei das Stadium Municipal in Toulouse betritt, sieht er aus wie einer, der sich nur verändert, weil der Zahn der Zeit es nun mal so will. Die Resthaare sind ein bisschen grauer geworden, er scheint noch blasser als sonst, er trägt immer noch keine Tattoos zur Schau, und seine Skeptiker hätten sich nicht gewundert, wenn er mit einem Rollator auf den Platz geschlurft wäre.

Aber im Spiel gegen Tschechien müssen nur ein paar Minuten vergehen, ehe jeder Zuschauer realisiert, dass dieser Andres Iniesta, der aussieht wie 52 und im Mai dieses Jahres 32 geworden ist, immer noch so gut kicken kann wie mit 22 – wenn auch ganz anders.

Über 90 Minuten ist Iniesta der zentrale Spieler der Spanier, er schlägt Pässe, die so schnell über den Platz schießen, dass die TV-Kameras kaum hinterherkommen. Die er so millimetergenau platziert, dass man glauben muss, er habe die Schnittstellen zuvor mit Geodreieck und Zirkel ausgemessen. Er verteilt sie wie eh und je, diagonal, vertikal, auf die Außenbahnen oder an diese paar Quadratmeter an der Strafraumgrenze, dorthin, wo das ungeübte Auge eines Fußballfans zwischen hunderten Spielerbeinen nichts als Chaos erkennt.

Allein Iniesta läuft nicht mehr, er schwebt nunmehr über den Platz, leicht entrückt vom Spiel, von der Welt. Ein alter Meister, der seine letzten Pinselstriche setzt, majestätisch wie früher nur Andrea Pirlo oder Zinédine Zidane. „Er ist einer der wenigen Fußballer, denen alles Schwierige leichthin gelingt“, sagte Samuel Eto’o mal über ihn, und spätestens am Montag weiß man wieder, was sein ehemaliger Mitspieler damit gemeint hat.

Die Frage ist nur dieselbe, die man sich schon etliche Male gestellt hat: Weiß Andres Iniesta das eigentlich auch? Denn während die Fans und die Kommentatoren beim Anblick von Iniesta regelmäßig in Schnappatmung verfallen, steht der Gefeierte für gewöhnlich fast abwesend vor den Mikrofonen, unaufgeregt und beiläufig analysiert er das Spiel, zuckt mit den Schultern, als würde er sich gerade einen Kaffee holen und dabei sagen: „So geht doch Fußball, oder?“ Und was will man da sagen: Drehung, Pass, Tor. Ja, so geht Fußball. Für Sie schwarz oder mit Milch?

Fotos, Autogrammstunden, Interviews sind nicht seine Fußballwelt

Andres Iniesta war nie ein Lautsprecher. Fotos, Autogrammstunden, Interviews – es ist nicht seine Fußballwelt. Auf den Bildern seines Instagram-Accounts verrenkt er seine Finger nicht zu geheimen Gang- oder umgedrehten Peace-Zeichen, er hebt zumeist einfach nur seinen Daumen und schaut mit dem immergleichen Lächeln in die Kamera. Im spanischen Fernsehen wurde er früher von Satirikern als Langweiler verspottet. Und als ein Journalist ihn einmal mit Paul Scholes verglich, sagte er im Beamtenduktus: „Paul Scholes ist einer der Besten der Welt. Wenn ich irgendwann einmal ein wenig an ihn erinnern würde, könnte ich glücklich sein.“

Aber vielleicht kann der Mann, dem man beim FC Barcelona in der Vergangenheit schon oft eine wichtigere Rolle als Lionel Messi zugeschrieben hat, wirklich nicht realisieren, wie gut er eigentlich war. Es gibt da etwa diese Geschichte aus dem Jahr 2009, als der FC Barcelona durch ein 1:1 gegen den FC Chelsea ins Finale einzog. Ein spanischer TV-Kommentator verfiel nach dem Tor – Iniesta hämmerte den Ball in der 93. Minute nach einem Zuspiel von Messi in den Winkel – in Ekstase. Er japste ins Mikrofon: „Der Gott des Fußballs kam zu uns!“ Iniesta realisierte erst später, was er da vollbracht hatte. „Papa, auf dem Platz war das gar nicht so beeindruckend“, soll er gesagt haben.

Eigentlich wollte Iniesta, der schüchterne Junge aus dem 2000-Einwohner-Nest Fuentealbilla in Kastilien, immer nur Fußball spielen. Nicht mehr, nicht weniger. Als Jugendlicher eiferte er seinem großen Idol nach, von dem ein Poster über seinem Bett hing: Pep Guardiola. Als der heutige ManCity-Trainer um die Jahrtausendwende seine Zeit beim FC Barcelona zu Ende gehen sah, soll er eines Tages Xavi zu Seite genommen haben. Er sagte: „Du beerbst mich eines Tages – doch Iniesta, der schickt uns beide in Rente.“ Ein Jahr, nachdem Guardiola den FC Barcelona in Richtung Brescia verließ, machte Iniesta sein erstes von über 500 Profispielen für die Katalanen. In den folgenden Jahren gewann er unter anderem acht spanische Meistertitel und viermal die Champions League. Mit der spanischen Nationalmannschaft gewann er die WM, zweimal die EM. Spanien hat in den vergangenen 16 Jahren 33 Titel geholt hat, wenn man Klub- und Nationalmannschaftswettbewerbe addiert. Iniesta war an 13 Titeln direkt beteiligt, das sind knapp 40 Prozent. Das Finaltor zum WM-Sieg 2010 schoss er höchstselbst.

Trotzdem: Die Skepsis vor dem EM-Start kam nicht von ungefähr. Denn trotz oder gerade wegen all diesen spanischen Wunderkickern aus der goldenen Generation – Cesc Fabregas, David Silva, Sergio Ramos und eben Andres Iniesta – musste die Frage erlaubt sein: Hatten die Spanier ihren Zenit nicht längst überschritten? Würden sie ähnlich katastrophal scheitern wie bei der WM 2014, als die Mannschaft nur ihr Gruppenspiel gegen Australien gewinnen konnte?

Schließlich ist es gar nicht so lange her, da prophezeiten nicht wenige Fußballexperten zumindest Iniesta ein baldiges Karriereende. Die größte Krise der jüngeren Vergangenheit durchlebte er in der Saison 2014/15: In 24 Ligaspielen kam er auf sage und schreibe null Tore und eine Torvorlage. Er, der Spieler, von dem man früher glaubte, er könnte Pässe vom Turm der Sagrada Familia direkt vor die Tür des Palacio Real in Madrid schlagen. Ein Assist! Lag es daran, dass Luis Enrique dem Mittelfeld nicht mehr so viel Bedeutung beimaß wie einst Pep Guardiola? Das Spiel hatte sich jedenfalls verändert, es fiel Iniesta nicht mehr so leicht wie einst, als er mit Busquets oder Xavi den One-Touch-Football, el toque, revolutionierte und die Gegner froh waren, wenn sie den Ball beim Anstoß kurz berühren durften.

Nun drohte Iniesta das zu werden, was Bastian Schweinsteiger beim FC Bayern war: ein genialer Spieler unter Jupp Heynckes, ein Überbleibsel aus guten Zeiten unter Pep Guardiola. Zumal sich auch Iniestas Körper oft immer lauter meldete. Mal zwickte die Wade, dann der Rücken, in der abgelaufenen Saison verpasste Iniesta alleine neun Spiele wegen Muskelfaserrissen und muskulären Problemen.

Aber wie das so ist im Alter: Manchmal bringt der Spätherbst die schönsten Überraschungen. Andres Iniesta hat zwar auch mit der Nationalelf alles gewonnen, zwei EM-Titel, eine WM, aber er hat offenbar längst nicht genug. Vielleicht weil er immer noch auf der Suche nach dem perfekten Pass ist. Vielleicht weil er immer noch nicht so recht glauben mag, dass er schon mindestens so gut ist wie einst Paul Scholes.

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