Spaniens Daniel Guiza : Django in Stollenschuhen

Im Spiel gegen Russland ruhen die Hoffnungen der Spanier auf Daniel Guiza. Der Mann, der schneller schießt als sein Schatten und aussieht wie Franco Nero, blickt auf eine Karriere zurück, die auch unter der Brücke hätte enden können.

Lucas Vogelsang[11 Fre],e
Guiza
Django in Aktion. Daniel Guiza gilt als spanische Kopie von Luca Toni.Foto: AFP

„Es gibt nur eins, was wichtig ist: Dass man sterben muss.“ In Sergio Corbuccis Italowestern Django steht Franco Nero vor einem halben Dutzend Cowboys und spuckt nur diesen einen Satz in den Wüstensand. Kaum haben die Worte seinen Mund verlassen, eröffnet er das Feuer, sechs Körper zucken im Kugelhagel, Djangos Gesicht bleibt regungslos wie Granit.

Man muss sich den Spanier Daniel Guiza als Django in Stollenschuhen vorstellen. Viel Fantasie braucht man dazu jedoch nicht. Das Panini-Bild von Daniel Guiza sieht aus wie ein Wildwest-Fahndungsfoto. Er trägt einen dunklen 6-Tage-Bart, sein Blick ist ein Hinterhalt, sein Spiel ein Duell, in dem Guiza in der Regel schneller zieht. Vor dem Tor ist er erbarmungslos, eiskalt und ohne Mitleid. Ständig hat er den Finger am Abzug. Und oft genug wirkten seine Aktionen im Strafraum, als müssten sie mit einem Morricone-Soundteppich aus Blockflöte, Glocken und Peitschenhieben untermalt werden.

27 Tore hat Guiza in der abgelaufenen Saison in der Primera Division erzielt und sich damit den begehrten Pichichi gesichert, die spanische Torjägerkanone. Und im Vorbeigehen noch eben die Ikone des spanischen Gegenwartsfußballs aus dem Weg geräumt. Luis Aragones hat den 27jährigen Stürmer des RCD Mallorca in den EM-Kader der Seleccion berufen. Reals Raúl dagegen muss den Sommer in Madrid verbringen. Der Nationaltrainer hat das Denkmal Raúl demontiert, weil er es nicht mag, wenn das Schillern einer Figur alle anderen blendet. Deshalb hat der spanische Großvater dem großen Raul Gonzalez den Schwarzen Peter zugeschoben und Guiza zu seinem Joker gemacht.

Und plötzlich bestimmte der andalusische Stürmer, der aus dem Nichts gekommen war wie vor ihm schon so viele One-Hit-Sturmwunder die Schlagzeilen der vergangenen Monate. Im Juni 2007 wäre das noch undenkbar gewesen. Daniel Guiza war in Spanien vor einem Jahr nur wenig gefürchtet und noch weniger berühmt. Er galt als ein hochtalentierter Stürmer, der jedoch so oft vom Weg abgekommen war, dass er sich nun irgendwo in der Mittelmäßigkeit verlaufen hatte.

Mensch gewordener Mittelfinger

Eigentlich ist seine Karriere die andalusische Kopie des Lebenslaufs eines strahlend weißen Italieners mit großen Zähnen: Luca Toni. Guiza und Toni verbindet, neben der starken physischen Präsenz im Strafraum, vor allem ihr zerstückelter Werdegang und der späte Durchbruch bei den ganz Großen. Auch Guiza ist viele Jahre durch die Provinz geirrlichtert und hat überall dort gespielt, wo ihn das Schicksal hingespült hat, ehe er sich in der Primera Division durchsetzen konnte.

Mit 18 hatte er seine Heimatstadt Jerez verlassen und war nach Mallorca gewechselt. Der Beginn einer langen Odyssee. Die Mallorquiner schoben Guiza als Leihgabe in die Dritte Liga, holten ihn zurück und schickten ihn wieder weg. Es folgten kurze Gastspiele in Huelva und in Murcia. Erst beim FC Getafe unter dem deutschen Trainer Bernd Schuster gelang es Guiza zu beweisen, dass er mehr sein kann als ein Fahrstuhlprofi auf Tour durch die Niederungen des spanischen Fußballs. Doch auch vor den Toren Madrids war Guiza nie unumstritten oder strahlender Publikumsliebling.

Es ist eben nicht nur seine Erscheinung, die Daniel Guiza wirken lässt, als wäre er aus dem Zelluloid eines martialischen Italowestern direkt in die Primera Division gestürzt.  Der dunkelhaarige Andalusier war auch viele Jahre so etwas wie der Antiheld des spanischen Fußballs.

Guiza war immer eher ein von Genialität geküsster Hobbyfußballer als ein ernsthafter Profi. Es gibt Geschichten über Daniel Guiza, die das Bild eines wilden Lebemanns zeichnen. Geschichten aus Bars mit Neonlichtern, von Tequila-Exzessen und orgiastischen Partynächten. Lange Zeit war das Guizas Hitliste. Fußball stand da nur irgendwo am Ende. Da kam es schon mal vor, dass er nach einer durchgezechten Nacht morgens bei der Videoanalyse erschöpft eingeschlafen ist. Seine Körpersprache war ein Mensch gewordener Mittelfinger.

Und in gewisser Weise trägt er sein Wesen noch heute wie eine Narbe im Gesicht. Einem Gesicht, das die Geschichte einer krummen Karriere erzählt und gleichzeitig eine Erklärung liefert, warum Guiza die große Bühne zeitverzögert betreten hat. „Ich war schon in der Schule immer einer von den bösen Kids, ein echter Herumtreiber“, hat Guiza mal erzählt. Wenn er spricht, ist sein andalusischer Akzent  unüberhörbar. Seine Sätze beginnt er gerne mit einem gedehnten "Hombre". Er trägt seine Lässigkeit schon in der Stimme. In Spanien gilt Guiza als Pisha – als Schlitzohr. In seiner Jugendzeit in Jerez hat sich Guiza hinter Bäumen versteckt, um den Laufeinheiten zu entgehen. Und das, obwohl er dort unter seinem großen Vorbild Kiko Narvaez trainieren durfte. Für Guiza war Fußball immer nur eines: Ein Spiel. Juanma Lillo, sein Trainer in Murcia hat es so ausgedrückt: „Um Daniels Kopf fliegen einfach zu viele Vögel.“

Die Vögel haben ihn zumindest bisher um die ganz große Karriere gebracht. Dass er sich überhaupt im Gleichgewicht gehalten hat auf seinem Spirituosen getränkten Balanceakt über dem Abgrund hat Guiza einzig und allein seiner Frau zu verdanken. Nuria Bermudez. Eine spanische TV-Berühmtheit mit B-Promi-Status, die dafür berüchtigt ist, sich jedes Mal die Kleider vom Leib zu reißen, sobald eine Kamera in der Nähe sein könnte. Bermudez ist ein atmender Softporno. Ein Softporno aber, der eine Dauerkarte für das Bernabeu-Stadion und eine UEFA- A-Lizenz als Spielerberaterin besitzt.

In der spanischen Öffentlichkeit galt die Beziehung zu Bermudez zunächst nur als eine weitere Ausgeburt der Vorliebe Guizas für Extravaganzen und eine medienwirksame Pflegepackung für sein Image als Frauenheld. Doch Bermudez brachte schnell Struktur in Guizas Leben und ordnete seine Karriere neu. Bernd Schuster hat Guizas Wandel miterlebt und sagt heute: „Seit Dani mit Nuria zusammen ist, sieht er zumindest nicht mehr ständig so aus, als habe er unter einer Brücke gepennt.“

Auch auf Nurias Rat hin wechselte Guiza vor der Saison von Getafe zurück zum RCD Mallorca. Auf der Insel hat sich so ein Kreis geschlossen, die Irrfahrt ausgerechnet da aufgehört, wo sie begonnen hat. Guiza jedenfalls scheint jetzt, mit 27 endlich, angekommen zu sein. Vor allen Dingen ganz bei sich.

Guiza attackiert aus dem Windschatten seines eigenen Phlegmas

Noch immer fließen seine Schlitzohrigkeit und der Draufgänger ihn ihm in sein Spiel. Er spielt wie er lebt. Jetzt, nach den Jahren der Rückschläge und Umwege, hilft ihm das. Guiza kennt keine Angst, wenn er sich durch die gegnerischen Linien pflügt. Er trickst, erschleicht sich seine Gelegenheiten. Als Sturmspitze der Mallorquiner attackiert er meist aus dem Windschatten seines eigenen Phlegmas. Guiza versteckt sich hinter einer Camouflage aus einem aufreizend zur Schau getragenen Desinteresse, ohne auch nur eine Sekunde Ball und Tor aus den Augen zu lassen. Dann streift er die auftoupierte Langsamkeit blitzschnell ab, löst sich und trifft.

Viele seiner Tore hat er so erzielt, Treffer, die man sonst nur dem Erfinder der Schlitzohrigkeit, dem Italiener Filipo Inzaghi zugetraut hätte. Doch anders als bei Inzaghi schlägt Guiza nie Hass entgegen, wenn er die richtig dreckigen Tore macht. Er lächelt dann einfach. Wie Toni.

Daniel Guiza ist ein Stürmer für das ganz große Theater. Seine Auftritte sind schmalzig wie eine spanische Nachmittags-Telenovela, er liebt die großen Gesten, er leidet, er schluchzt. Ein richtiger Andalusier eben, sagen die Spanier. Sie lieben ihn trotzdem. Weil sie verrückt sind nach Legenden und Märchen. Selbst die  spanischen Zeitungen, die so lange in Versalien nach ihrem Liebling Raùl geschrieen haben doch gegen die Schwerhörigkeit von Aragones nichts ausrichten konnten, haben Guiza als neuen Helden entdeckt.

Denn Guiza gilt als der einfache Junge mit dem großen Herzen, der sich zäh nach oben gekämpft hat. Er stammt, so hat er das selbst gesagt, aus einer „Barackenfamilie“ und bietet deshalb eine ehrlichere Projektionsfläche für die wilden Sehnsüchte der meisten Spanier als es Raúl, die Legende, je gekonnt hätte.

Auch das ist die Geschichte von Daniel Guiza. Und sie scheint ein iberisches Volksmärchen zu sein. Oder ein italienischer Western. Am Ende jedenfalls wird Daniel Guiza in den mallorquinischen Sonnenuntergang reiten. Untermalt von einer melancholischen Blockflöte.

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