Sport : Spaniens Ostfriesen

Harald Irnberger

Der Mann geht gewöhnlich zweimal wöchentlich zur Messe, und bevor er seine Spieler auf das Feld schickt, lässt er sie ein Vaterunser beten. Die Muslime der Mannschaft eingeschlossen. Doch "sehr religiös" meint Javier Irureta, sei er nicht. Der baskische Trainer von Deportivo La Coruña setzt Leistung vor Gottvertrauen. Die Mannschaft aus der spanischen Provinz spielt auf der europäischen Bühne groß auf. Nicht die großen Klubs Arsenal London und Juventus Turin oder das wirtschaftlich starke Bayer Leverkusen haben in der Zwischenrundengruppe D den Einzug in das Viertelfinale der Champions League bereits sicher, sondern der vermeintliche Außenseiter Deportivo La Corunã.

La Coruña ist eine Stadt von 240 000 Einwohnern in Galicien, dessen Bewohner in Spanien etwa den Ruf haben, der in Deutschland den Ostfriesen vorauseilt. Der dortige Fußballverein - 30 000 Mitglieder, 71 Millionen Euro Jahresbudget - kickte vor elf Jahren noch in der zweiten Liga. Doch seit 1993, als der Meistertitel buchstäblich in der letzten Sekunde der Saison mit einem verschossenen Elfmeter vergeben wurde, mischt Deportivo fast ständig im Titelkampf mit. Im Jahr 2000 wurde La Coruña unter Irureta erstmals Meister. In dieser Saison schnappten die Gallegos bereits zum 100. Geburtstag von Real Madrid diesem Star-Ensemble den spanischen Cup vor der Nase weg, und sie haben noch gute Chancen, die Meisterschaft zu gewinnen.

Vor allem aber wähnen sich Iruretas Leute nun reif, endlich auch in der Champions League bis ins Finale zu gelangen. Immerhin schafften sie in dieser Saison bereits Auswärtssiege gegen Manchester United, Juventus Turin und Arsenal London. Die Niederlage im Hinspiel verlangt heute nach Revanche. "Wir haben das 0:3 von Leverkusen nicht vergessen", sagt Javier Irureta und gibt sich keine Mühe, die in diesen Worten mitschwingende Drohung zu kaschieren.

Stars von Weltgeltung sind bei Deportivo nicht zu finden, allenfalls fortgeschrittene Nachwuchsleute, die ihr Talent noch nicht voll entfaltet haben: wie die beiden Mittelfeldspieler Valeron und Sergio oder Stürmer Diego Tristan. Daneben zählen zu den Leistungsträgern ein paar Veteranen, die ihre beste Zeit schon hinter sich haben - so der marokkanische Abwehrchef Naybet, der Brasilianer Mauro Silva - einer der Weltmeister von 1994 - und Mannschaftskapitän Fran, der einzige Galicier bei Deportivo. Hinzu kommen schließlich Kicker, die zuvor in hochkarätigeren Mannschaften nicht zu glänzen vermochten - so die beiden Außenstürmer Amavisca und Victor, die von Real Madrid abgeschoben wurden, oder Torhüter Molina, der den Absteiger Atletico Madrid verlassen hatte.

Das einzige echte Ausnahmetalent im Kader ist der Brasilianer Djalminha - der freilich nur sporadisch zum Einsatz kommt. Der anarchische Einzelgänger harmoniert absolut nicht mit der Arbeitsethik seines Trainers. Und der verfügt über ein ausreichend breites Spieler-Reservoir, um faktisch jede Position doppelt mit gleichwertigen Leuten besetzen zu können. Die Qual der Wahl tut sich vor allem bei der Nominierung des Mittelstürmers auf: Neben Tristan konkurrieren der Niederländer Makay und der Uruguayer Pandiani um diesen Platz. Das bedeutet: Eine absolute Stamm-Elf gibt es bei Irureta nicht. Seine unentwegten Rotationsmanöver beleben den internen Wettbewerb - und zugleich geht keiner der Kicker bereits ausgebrannt in die letzte Saison-Phase.

Zudem ist Irureta bemüht, vorwiegend spanische Spieler auf den Platz zu schicken. Bis er nach La Coruña kam, ging die Vereinsführung weltweit auf Schnäppchenjagd und kaufte auf drei Kontinenten zusammen, was ihr gerade preiswert erschien. Noch vor drei Jahren hatte Deportivo zwanzig Ausländer unter Vertrag. Die Sprachenverwirrung ging schon am Frühstückstisch los. Zu viele Ernährungstraditionen prallten da aufeinander, um auch nur einen von allen akzeptierten Speiseplan erstellen zu können. Und auf dem Spielfeld herrschte erst recht heillose Konfusion. Inzwischen wurde die Zahl der kickenden Gastarbeiter auf elf zurückgefahren, so dass mitunter neun Spanier in der ersten Elf stehen. Wann hat es so etwas zuletzt beim FC Barcelona oder bei Real Madrid gegeben?

Wer kommt weiter?

Die Entscheidung über den Einzug ins Viertelfinale der Champions League ist in Gruppe D ein Rechenspiel. Leverkusen wäre bei einem Sieg in La Coruña sicher für die Runde der letzten acht qualifziert, auch wenn Arsenal London bei Juventus Turin gewinnt. Dann hätten zwar auch die Engländer wie Bayer und La Coruña 10 Punkte. Doch in der internen Rechnung, die nur die Partien der drei Teams gegeneinander berücksichtigt, würde Bayer (sieben Punkte) vor La Coruña (sechs) und Arsenal (vier) liegen. Spielen Bayer und Arsenal jeweils remis, kommen die Londoner weiter, weil sie im direkten Vergleich mit Bayer besser dastehen.

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