Spaniens Trainer del Bosque : Der Elf-Freunde-Stifter

Spaniens Nationaltrainer Vicente del Bosque hat die Kunst der Vergebung verinnerlicht. Vor der EM versöhnte er ein zerstrittenes Team, mit dem Titelgewinn verwöhnte er das krisengeplagte Volk.

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Er hat Gefühl nicht nur im Fuß. Spaniens Erfolgstrainer Vicente del Bosque lebt Bescheidenheit und Berechenbarkeit vor.
Er hat Gefühl nicht nur im Fuß. Spaniens Erfolgstrainer Vicente del Bosque lebt Bescheidenheit und Berechenbarkeit vor.Foto: dpa

Vor ihm erstreckt sich ein riesiges Fahnenmeer. Überall rot-gelbe Flaggen. Auf der Bühne torkelt Xabi Alonso umher. Spaniens Mittelfeldspieler ist eine Naturgewalt, an seiner muskulösen Statur prallen die Gegenspieler meist ab wie Wellen an einer Eiswand. Jetzt aber, bei den Feierlichkeiten auf der Madrider Triumphmeile Castellana, wankt Alonso, gezeichnet von zu viel Bier. Auch Andres Iniesta, der neben dem Fußball eine Kelterei betreibt, sonst aber nur selten Alkohol trinkt, hat etwas tiefer ins Glas geschaut. Und Vicente del Bosque? Der steht dort, wo er sich am liebsten aufhält: im Hintergrund. Er lächelt, das närrische Treiben amüsiert ihn, aber er überlässt die Bühne lieber denen, die sie aus seiner Sicht verdient haben: den Spielern.

Eine Woche ist es her, dass Vicente del Bosque, 61 Jahre alt, die spanische Nationalmannschaft als Trainer zum Europameistertitel geführt hat. Im Finale gab's ein 4:0 gegen Italien. Das Spiel ist schon jetzt legendär. Nie zuvor hat ein Team höher gewonnen in einem EM-Finale. Ein Rekord, der verblasst, weil er von einem anderen überstrahlt wird: Spanien ist die erste Nation, der es gelang, den EM-Titel zu verteidigen. Und weil sie zwischendurch unter del Bosques Regie auch noch Weltmeister wurden, dürfen sie sich nun „Tricampeones“, dreifache Champions, nennen. Europameister. Weltmeister. Europameister. Auch das ist einzigartig bisher. Beim ersten EM-Gewinn 2008 war Luis Aragones noch der Trainer gewesen, dann übernahm del Bosque und führte Spanien zu zwei weiteren Titeln. Er hätte also allen Grund gehabt, sich bei der Jubelei vor den vielen Tausenden von Fans zu inszenieren. Er tat es nicht, es entspricht nicht seinem Naturell.

Inzwischen sind Spaniens Fußballhelden längst in die Ferien entschwunden. Über digitale Plattformen wie Twitter senden sie Urlaubsgrüße aus Indonesien, Mexiko oder sonst irgendeinem Teil der Welt. Vicente del Bosque ist in Madrid geblieben, im Norden der Stadt, wo er eine Eigentumswohnung besitzt. Die Gegend liegt fernab der Villenviertel und wird den einfachen Leuten zugerechnet. Dabei hätte del Bosque genügend Geld, es sich in einem Nobelvorort bequem zu machen. Er tut es nicht, es entspricht nicht seinem Naturell.

Das Finale gegen Italien in Bildern:

Das EM-Finale in Bildern
Im EM-Finale von Kiew erlebten die Italiener dann aber selbst eine bittere Enttäuschung und wurden von Spanien 4:0 vom Platz geschossen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 29Foto: dapd
01.07.2012 23:13Im EM-Finale von Kiew erlebten die Italiener dann aber selbst eine bittere Enttäuschung und wurden von Spanien 4:0 vom Platz...

Die Gegend, in der ein Mensch lebt, sagt etwas über ihn aus. Erst recht, wenn diese Gegend der allgemeinen Wahrnehmung nach grau und trist ist und dieser Mensch längst an einem anderen Ort wohnen könnte. Vicente del Bosque hat sich nie nach Ruhm und Luxus gesehnt. Nach dem Ende seiner Karriere als aktiver Fußballer bei Real Madrid ist er dort Jugendtrainer geworden. Ein ruhiger Posten. Irgendwann übernahm er dann aus der Not heraus die erste Mannschaft. Kein ruhiger Posten. Del Bosque gewann mit Real zwei Mal die Champions League, wurde spanischer Meister und Weltpokalsieger. Als er aber sein Veto gegen die Verpflichtung von David Beckham, Englands Posterboy der damaligen Zeit, einlegte, wurde del Bosque von Präsident Florentino Perez entlassen. Perez ist milliardenschwerer Bauunternehmer, einer der reichsten Männer Spaniens. Er lebt in einer Villa und nicht in einer Etagenwohnung. Del Bosque war ihm zu spröde, Perez wollte Glamour, auch auf der Trainerbank. Seither wartet Real auf den erneuten Gewinn der Champions League.

Vicente del Bosque, der in der Kleinstadt Salamanca geboren wurde, hat den Großteil seines Lebens bei Real Madrid verbracht. Eine Ehrung vom Verein lehnt er trotzdem bis heute ab. Er kann Perez nicht vergeben. Vielleicht ändert sich das irgendwann einmal. Es würde seinem Naturell entsprechen. Wirklich lange wütend sein kann Vicente del Bosque normalerweise nicht.

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