Sport : Spaß in der Verbands-Liga

Ü 40, Ü 50, Ü 60: Immer mehr gestandene Männer kicken in eigenen Fußballmannschaften um Pokale und Meisterschaften. Jetzt will sich auch der DFB vermehrt um die Senioren bemühen

Katja Reimann

Die Tore sind kleiner, die Spielzeiten kürzer und ausgewechselt wird ständig

Die Abwehr der SG Eichkamp-Rupenhorn steht. Und sie zittert – ein bisschen. „Bloß der nicht“, haben die Spieler in den dunkelgrünen Trikots vor dem Anpfiff noch gesagt. Und dass man auf „den“ gut aufpassen müsse. Acht Minuten sind erst gespielt und nun ist er doch am Ball, Gerd Schwidrowski, 61 Jahre alt, in den Siebzigern Profi bei Tennis Borussia Berlin und dem MSV Duisburg, torgefährlichster Mann der Mannschaft vom FC Hertha 03 Zehlendorf. Schwidrowski wartet kurz, taxiert, zieht ab und – Tor. Die grüne Abwehr flucht, zuckt mit den Schultern, hebt die Hände. Sie haben es ja geahnt.

Der Torschütze im blauen Trikot joggt lässig über den Kunstrasen, auf seinem rechten Knie kleben sechs Pflaster, am linken Fuß trägt er einen weißen Turnschuh von Nike, am rechten einen schwarzen von Adidas. „Das macht der, weil er abergläubisch ist“, erklärt einer der weißhaarigen Männer am Spielfeldrand. „Ach was“, sagt ein anderer, „der trägt links ’nen Verband, mit dem passt er nur in diesen Schuh.“ Schwidrowski sagt: „Die Knochen tun hier allen ein bisschen weh.“

Alle, das sind die Spieler der beiden Ü-60-Mannschaften der Kreisklasse A, die sich an diesem Abend auf einem Fußballplatz der Hans-Rosenthal-Anlage in Charlottenburg gegenüberstehen. Die ältesten unter ihnen sind 72, die jüngsten – dank einer besonderen Regelung dürfen pro Mannschaft zwei von ihnen mitspielen – sind 56 und 58 Jahre alt. Besonders in Berlin ist der Altherrenfußball populär, etwa 110 Mannschaften sind hier in der Altersklasse der über 40-Jährigen gemeldet, über 100 auch in der Ü 50 und mehr als 20 noch in der Ü 60. Schwidrowskis Team aus Zehlendorf gewann im vergangenen Jahr den Berliner Pokal der Ü-60er, gerade liegen sie in der Tabelle an zweiter Stelle, hinter Hertha BSC. „Noch ist nichts entschieden“, warnen die Spieler.

Seit drei Jahren schon gibt es ihre Mannschaft bei Hertha Zehlendorf. Ihr Gegner, die SG Eichkamp-Rupenhorn, hat die Ü-60er erst in dieser Saison gegründet – in der Tabelle stehen sie noch auf dem letzten Platz. Ihr Ziel für diese Saison: So wenig Treffer wie möglich kassieren. Selber Tore schießen? Später.

Gespielt wird in der Ü 60 auf einem Feld, das nur halb so groß ist wie ein „richtiges“ Spielfeld, sieben gegen sieben. Die Tore sind entsprechend kleiner, die Spielzeiten kürzer. Zwei Mal dreißig Minuten dauern sie, die Abseitsregel entfällt, dafür dürfen Spieler ausgewechselt werden wie verrückt. Hin und her und wenn nötig alle fünf Minuten, wann immer der Ball ins Aus rollt. „Denkt dran, wir haben genug Leute draußen, es muss keiner eine Halbzeit durchspielen“, ruft prompt einer im grünen Trikot seinen Mitspielern zu. Jeder weiß, dass es nicht gesund wäre durchzuspielen. Der Fuß, das Knie, der Rücken, ach ja. Aber wer wird schon gerne ausgewechselt.

Früher, als junger Spieler, da habe er gedacht „Kleinfeld, das ist doch kein Spiel“, sagt Klaus Lach, 63, Präsident von Eichkamp-Rupenhorn und Mannschaftskapitän der Ü 60. Doch heute wisse er: „Man kann sich da gar nicht ausruhen, immer ist man in Bewegung.“ Etwa 15 Spieler brauche man daher schon, um eine Ü 60 am Laufen zu halten, erklärt Lach, 14 dürfen pro Spiel zum Einsatz kommen. An Nachwuchs mangelt es seinem Verein nicht. Wer aus der Ü 50 rausgewachsen ist und noch immer nicht aufhören will, der kommt zu Lach und seiner Truppe.

Dass der Seniorenfußball in Deutschland immer beliebter wird, hat inzwischen auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) gemerkt. Laut einer Analyse des Verbandes sind deutschlandweit fast 26 000 Altherren-Mannschaften im freien Verbandsspielbetrieb organisiert – mehr Mannschaften als alle C- bis A- Jugendmannschaften zusammen. Den Ü-40-Cup, der Ende September 2008 in Berlin stattfand, will der DFB im kommenden Jahr zu einer offiziellen Deutschen Meisterschaft ausbauen. Dass auch die Ü-60er irgendwann von der neuen Aufmerksamkeit der Fußballoberen profitieren, schließt DFB-Vize Rolf Hocke nicht aus. „Das Engagement ist erst mal beschränkt, aber das schließt nicht aus, dass es noch ausgedehnt wird. Zunächst müssen wir mal Erfahrung sammeln mit der Ü 40“, sagt er und ergänzt: „Europaweit ist der Seniorenfußball noch nicht so organisiert wie im nächsten Jahr in Deutschland.“

Gründe für das Interesse des DFB seien zum einen die demografische Entwicklung der Gesellschaft, in der immer mehr Menschen älter und dennoch fit seien, sagt Hocke. Zum anderen wolle man den älteren Vereinsmitgliedern Möglichkeiten geben, aktiv tätig zu sein – und ihr fußballerisches Wissen in den Vereinen halten. Davon haben die Herren der Ü 60 eine ganze Menge. Jeder von ihnen spielt sein ganzes Leben lang Fußball, der eine mehr, der andere weniger professionell. Zu ihnen zählt auch Klaus Michalzik. Der 72-Jährige war zwischen 1966 und 1970 Vereinsspieler bei Hertha Zehlendorf, in der Berliner Stadtliga. Gerade hat ihn der Schiedsrichter vom Platz gestellt. Rote Karte wegen Meckerns – nach einem leichten Foul. Das wurmt ihn. Drei Rote Karten habe er in seinem Spielerleben erst bekommen, sagt er. Nun muss der Ärger erst mal verdampfen, bei einem Bier.

Und Michalzik erzählt. Dass es schwierig ist in der Ü 60, weil alle nicht mehr so viel rennen können, wie sie gerne möchten. Dass man die Fehler der anderen sieht – und glaubt und hofft, dass man es selbst noch besser macht. Und dass er ein bisschen Angst hat vor dem Moment, an dem er bei der Mannschaftseinteilung im Training nicht mehr direkt gewählt wird – sondern als Letzter übrig bleibt.

Denn ihren Ehrgeiz haben die Ü-60er nicht abgelegt. „Es geht bei uns knirsch zur Sache“, bestätigt der Zehlendorfer Kapitän Wolf Kerner, 65. „Wir Sechziger spielen nicht um einen Teller bunte Knete.“ Sondern um Auf- und Abstieg, um Pokal und Meisterschaft und im Zweifelsfall um die eigene Ehre. Dass die Verletzungsgefahr in ihrem Alter erheblich höher ist, das wissen die Spieler. Jeder kennt Geschichten von einem, der auf dem Fußballplatz plötzlich tot umgefallen ist, Herzinfarkt. Von solchen Fällen berichtet auch Hans-Jürgen Tritschoks, Arzt und Dozent für Kreislaufforschung und Sportmedizin an der Sporthochschule in Köln. Das Problem beim Fußball, vor allem auch für ältere Spieler, liege in der ungleichmäßigen Belastung während des Spiels, erklärt der Mediziner. Ein plötzlicher Sprint, ein Sprung, ein Kopfballduell, noch dazu bei nasskaltem Winterwetter, führten oft zu Verletzungen oder Herzrhythmusstörungen.

Die Herren der Ü 60 reden über solche Dinge natürlich nicht so gern. „Wenn hier einer gefoult wird, dann liegt er gleich ’ne halbe Stunde lang rum“, sagen sie und lachen. Beim nächsten Spiel steht der dann wieder auf dem Platz, mit Pflastern und Bandagen – und will sich doch nicht auswechseln lassen. Wie am Mittwochabend auf dem Spielfeld in der Hans-Rosenthal-Anlage. 3:1 gewinnt Zehlendorf hier, den Ehrentreffer für die Gastgeber erzielt einer von Eichkamp-Rupenhorns Ältesten, Peter Semmler, 71, fünf Minuten vor Schluss. Anschließend, in der Kneipe, dauert die Freude der Torschützen zwei Bier und eine Pfeifenlänge. Da hocken sie, in Fleecepullis und Trainingshosen, auch ihre Brillen haben sie wieder aufgesetzt. Dann beginnen die Muskeln zu ziepen. Und einer fängt an zu lachen, sagt, was alle denken: „Wie um alles in der Welt komme ich morgen nur aus dem Bett?“

Unter den Fußballern sind auch etliche ehemalige Profis

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