Sport : Spaß und Demut

Der HSV gewinnt bei den Bayern, feiert und übt sich in Bescheidenheit

Moritz Küpper[München]

Eine Systematik ließ sich beim besten Willen nicht erkennen: In atemberaubendem Stil tanzte Thimothee Atouba auf dem schlammigen Rasen in der Allianz-Arena. Mal war der Arm vorne, mal ein Bein, kurze Zeit später wirkte es so, als fahre der Kameruner mit einem imaginären Skateboard an seiner Mannschaft vorbei, indem er sich immer wieder mit dem rechten Fuß vom Boden abstieß. Bejubeln ließ sich Atouba dabei von seiner Mannschaft auf dem Rasen und den Fans auf den Rängen. Andere Spieler schlossen zu Atouba auf und feierten mit allen erdenklichen Bewegungen den ersten HSV-Sieg bei Bayern München nach 24 Jahren. Dass die Hamburger dabei auch den bayerischen Nimbus der Unschlagbarkeit in der Allianz-Arena zerstörten, wurde ebenso jubelnd aufgenommen wie die Tatsache, dass durch den Sieg der dritte Tabellenplatz verteidigt wurde.

„Wir haben wieder gezeigt, dass wir in Spitzenspielen auch Spitzenleistungen abliefern können“, sagte HSV-Trainer Thomas Doll. Doch so gut er diese These nach dem zweiten Saisonsieg seiner Mannschaft gegen die Bayern begründen konnte, schwang in diesem Satz auch etwas Unausgesprochenes mit. Dass es nämlich nicht unbedingt jene Schlagerspiele sind, in denen sich eine Spitzenmannschaft zeigt, sondern bei den Auftritten gegen Gegner, die deutlich schlechter in der Tabelle platziert sind. VfL Wolfsburg, 1. FC Nürnberg, Hannover 96 und zuletzt ein kriselnder VfB Stuttgart sind die Mannschaften, gegen die die Hamburger bislang verloren. Dass sie dabei drei ihrer insgesamt vier Bundesliganiederlagen in der Rückrunde erlitten hatten, war auch am Trainer nicht spurlos vorbeigegangen. „Das war ein ganz, ganz wichtiger Sieg für uns“, sagte Doll, und es schien ihm gleichgültig zu sein, ob er dabei in der Münchner Arena oder in einem der anderen Stadien der Republik stand, „wichtig war vor allem, dass wir eine Reaktion nach dem Stuttgart-Spiel gezeigt haben“.

Vor gut anderthalb Jahren hatte der 39-Jährige die Mannschaft übernommen und vom letzten Tabellenplatz in den Uefa-Cup und die Spitze der Bundesliga geführt. Doch nach der Schwächephase zum Rückrundenbeginn, die zudem von einer Gehaltsdiskussion um die Neuzugänge Nigel de Jong und Ailton angereichert wurde, schien das Hamburger Harmoniegebilde ernsthaft in Gefahr. „Es war für uns Neuland, sich Woche für Woche neu beweisen zu müssen“, sagte Doll, „es ist ein schmaler Grat bis zur Selbstzufriedenheit, und das mussten wir lernen.“ Die Angst, nach der tollen Vorrunde am Ende als Vierter noch die Qualifikation zur Champions League zu verpassen, ist auch nach dem Erfolg bei den Bayern groß: Obwohl punktgleich liegt Werder Bremen in der Tabelle vor dem HSV, direkt dahinter lauert mit nur zwei Punkten Rückstand Schalke 04. So empfahl Doll bei der Frage nach dem Saisonziel „ein bisschen Zurückhaltung und Demut“. Auch der Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann wollte die offizielle Sprachregelung vom fünften Tabellenplatz nicht korrigieren. Er freute sich eher darüber, dass ausgerechnet der umstrittene Neuzugang de Jong das Siegtor erzielte. „An ihm ist das eine oder andere festgemacht worden“, stellte Hoffmann fest, „dass er am Ende das Siegtor macht, ist eine richtig schöne Geschichte.“ Die ihre Fortsetzung weit nach dem Abpfiff fand: Denn der kleine Holländer wagte schließlich auch einen tänzerischen Vorstoß. Arme und Beine flogen durch die Luft, und es schien, als hätte sich de Jong die Kunststücke seiner Mannschaftskameraden genau angeschaut. Seine Anpassung ans Team macht offenbar wesentliche Fortschritte.

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