Sport : Special Olympics: Das Leben ist schön

Helen Ruwald

Ein Staffellauf ist eigentlich ganz einfach: "Stab festhalten und dann rennen wie eine Rakete!" Beim Üben mit Wasserflaschen hat die Übergabe noch nicht ganz geklappt, deshalb erklärt Trainerin Birgit Valentin ihren vier Läufern aus München noch einmal, was zu tun ist bei der 4x100-Meter-Staffel bei den Special Olympics, den Spielen für Sportler mit geistiger Behinderung im Sportforum Hohenschönhausen. Stefan nimmt Aufstellung, einer der rund tausend freiwilligen Helfer steht bis zum Startschuss dicht neben ihm. "Athleten in den Bahnen bleiben", mahnt eine Stimme durch den Lautsprecher. Schließlich sollen die Sportler sich bei all der Aufregung nicht gegenseitig über den Haufen rennen. Stefan läuft einen riesigen Vorsprung heraus, den der zweite Mann wieder einbüßt. Aber die Übergaben funktionieren. Andi, der Schlussläufer, ist auf der Zielgeraden Zweiter. Er will die junge Frau vor sich noch einholen, unbedingt. Als er merkt, dass er es nicht mehr schafft, bremst er ab und schleudert den Stab wütend fünf Meter vor dem Ziel auf den Boden. "Andi, lauf halt durch", brüllt eine Betreuerin. "Die hätte ich nicht mehr gekriegt", knatscht Andi.

Dabei ist der Sieg nicht entscheidend. "Lasst mich gewinnen, doch wenn ich nicht gewinnen kann, lasst mich mutig mein Bestes geben", lautet der Eid der Special Olympics, die gestern zu Ende gingen. Rund 2000 Athleten traten im Basketball, Dressurreiten, Fußball, Judo, Leichtathletik, Radfahren, Schwimmen, Tennis, Tischtennis und Voltigieren an. Manch einer heult vor Enttäuschung und Wut auf sich selbst, wenn er nicht gewinnt - zunächst. Bei der Siegerehrung stehen sie alle stolz auf der Bühne und lassen sich eine Medaille umhängen, wenn keine goldene, silberne oder bronzene, dann eben eine aus Kupfer. So viele Medaillengewinner wie hier gibt es sonst nirgends.

Gold im Voltigieren hat die 12-jährige Sarah gewonnen, und jetzt steht die körperlich kleinste Teilnehmerin, die mit dem Down Syndrom geboren wurde, vor all den klatschenden Sportlern und Betreuern und reißt immer wieder beide Arme hoch, begeistert von sich und ihrer Medaille. Ein breites Strahlen bildet sich in ihrem Gesicht, verschwindet wieder - und ist sofort wieder da. Noch einmal streckt sie die Arme in den Himmel. Das Leben ist einfach schön. Wer ihr zusieht, fängt unwillkürlich selbst an zu lachen. Was sie beim Voltigieren macht? Ein Pferd braucht Sarah nicht, um das vorzuführen. Sie kniet sich auf den Boden, linker Arm nach vorne, rechtes Bein nach hinten. So balanciert sie sonst auf Somalie.

Ob sie gedacht hat, dass sie Gold holt? "Ja", sagt sie, "ja". Ihre Eltern lachen - welcher nicht behinderte Sportler traut sich schon zu sagen, dass er wusste, dass er gewinnen würde und sonst keiner. "Ihr Selbstbewusstsein ist durch das Reiten sehr gestiegen", erzählt ihr Vater, der bei Düsseldorf eine Gruppe für therapeutisches Reiten aufgebaut hat, um seine Tochter zu fördern. Seit sechs Jahren übt Sarah, vor den Special Olympics hat sie tagelang ihren Koffer gepackt und von nichts anderem gesprochen als dem Wettkampf. Die Sommerspiele sind vorbei, bald beginnt die Vorbereitung auf die Winterspiele in Zwiesel. Sarah wird wieder dabei sein. Als Skifahrerin.

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