Sport : Special Olympics: Wo Sportler mutig ihr Bestes geben

Dietmar Wenck

"Lasst mich gewinnen, doch wenn ich nicht gewinnen kann, lasst mich mutig mein Bestes geben." (Der Eid bei den Special Olympics, den Wettkämpfen der geistig Behinderten)

Das ist normal: Fast jeder Breitensportler träumt davon, einmal einen Pokal oder eine Medaille zu gewinnen. Oder eine Urkunde. Man hütet diese Dinge, heimlich oder offen, wie Schätze in Vitrinen, Regalen und Klarsichtfolien. Kann sie bei Gelegenheit rausholen, für sich oder die Kinder vielleicht. Ja, der Papa war mal schnell, einer der schnellsten 1000-m-Läufer seiner Altersklasse im Kreis Herzogtum Lauenburg! Im Laufe der Jahre verliert sich der Stolz darauf allerdings ein bisschen. Es gibt ja genug andere Meilensteine fürs Selbstbewusstsein: Führerschein, Abitur, eigene Wohnung, den Beruf, eine Familie. Wer denkt da noch an Plaketten?

Das ist auch normal: Für die 2000 Sportler, die in dieser Woche in Berlin bei den Special Olympics National Games antreten (frei übersetzt: Nationale Spiele für Sportler mit geistiger Behinderung), bedeuten Medaillen mindestens so viel wie Abitur und Führerschein. Beides werden diese Sportler sowieso nie bekommen. Sie freuen sich wie Kinder seit Wochen auf ihre Medaille, selbst wenn sie nicht aus Gold, Silber oder Bronze, sondern aus Kupfer sein wird. Dafür haben sie regelmäßig trainiert. Nur, wer dieses Kriterium erfüllt, darf an den Special Olympics teilnehmen. Jeder Teilnehmer wird eine Medaille bekommen.

Es gibt zwar Vorentscheidungen. Doch dort werden nicht die Schwächeren aussortiert, wie bei Olympischen Spielen oder Paralympics, den Spielen der körperlich Behinderten. Sie dienen allein dazu, eine Einteilung in Gruppen mit etwa gleich starken Sportlern vorzunehmen. Diese treten dann gegeneinander an, in lauter Endkämpfen. Und hier gibt es eine Belohnung für jeden: für die individuelle, nicht für die absolute Leistung. Jeder gibt sein Bestes: Wenn ich nicht gewinnen kann, lasst mich mutig mein Bestes geben. Gold, Silber, Bronze gibt es für die ersten drei, Kupfer für alle anderen.

Manche Teilnehmer werden ihre Medaille vor Stolz tagelang nicht hergeben. "Geistig behinderte Menschen", erklärt Nives Ebert, "haben gerade im sportlichen Bereich eine der wenigen Möglichkeiten, soziale Anerkennung und Integration zu erreichen." Die Sportwissenschaftlerin aus Würzburg ist Nationale Direktorin von Special Olympic Games Deutschland. Die Mutter dreier nicht behinderter Kinder berichtet begeistert über die Atmosphäre bei den Wettkämpfen: "So viel Freude, so viel Emotion kann man anderswo beim Sport kaum noch erleben."

Das erfahren auch die 1000 freiwilligen Helfer der Veranstaltung. 600 von ihnen sind Schüler der Berliner Werner-Seelenbinder-Schule. Ausgerechnet: Dort werden Kinder zu Leistungssportlern ausgebildet, wird ein ganz anderes Sportverständnis vermittelt, als es bei den Special Olympics gepflegt wird. "Die freiwilligen Helfer", sagt Ebert, "bibbern vor Angst, wenn es losgeht." Sie wissen nicht, ob sie die Erwartungen erfüllen können, haben Hemmungen und Berührungsängste gegenüber den Sportlern. Es ist ein gesellschaftliches Problem: wie mit der manchmal überfallartig natürlichen, Berührungen keineswegs scheuenden, wie mit dieser direkten Art der "Anderen" umgehen? Es verwirrt ein wenig, dass dies ein Problem ist, denn immerhin leben rund 750 000 geistig behinderte Personen in Deutschland. In Europa sind es über 15 Millionen, weltweit rund 156 Millionen. Das sind drei Prozent der Weltbevölkerung.

Doch die Scheu, hat Ebert beobachtet, verschwindet bald. Die meisten Schüler sind überrascht, mit was für unkomplizierten Menschen sie es zu tun bekommen. Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass Jugendliche, die sich in dieser Form engagieren, für ihr ganzes Leben geprägt werden und toleranter gegenüber anderen Menschen sind als Gleichaltrige. "Wir haben es mit einem Personenkreis zu tun, der völlig missverstanden wird, der so viel positive Auswirkungen auf sein Umfeld haben könnte", sagt Ebert. Der aber vorzugsweise gemieden, teilweise auch noch schamhaft versteckt wird. Der sehr wohl spürt, wenn er abgelehnt wird, aber umso dankbarer auf Freundlichkeit reagiert. Und der seinerseits sehr viel Mut aufbringen muss, trotz der Vorbehalte in der Öffentlichkeit aufzutreten. Sport ist dafür ein perfektes Medium.

Die Special Olympics stehen in Deutschland noch am Anfang. "Im Vergleich zu anderen Staaten ist Deutschland ein Entwicklungsland", sagt Peter Kapustin, der Präsident der Special Olympics Deutschland. Die National Games in Berlin sind erst die zweite Veranstaltung dieser Art. Entstanden ist die Idee, geistig Behinderten durch den Sport zu helfen, der Gesellschaft der "Normalen" näherzukommen, in den USA. Arnold Schwarzenegger, Michael Jordan, Stevie Wonder, Pele, Tiger Woods und andere Prominente unterstützen die Idee.

Gegründet wurden die Special Olympics International 1968 durch John F. Kennedys Schwester Eunice Kennedy-Shriver. Ihre Tochter Rosemary ist geistig behindert. Seitdem haben die Special Olympics vor allem in den USA einen erstaunlichen Aufstieg erlebt. 25 000 Städte haben eigene Special-Olympics-Organisationen. Zu den Großsponsoren zählen Coca-Cola, AOL, Pontiac, Delta Airlines und Bank of America. Bei den "Weltspielen" 1999 in Raleigh (North Carolina) waren 7000 Sportler aus 161 Ländern am Start. Die Veranstaltung wurde von Bill Clinton vor 50 000 Zuschauern im Stadion eröffnet.

An solche Verhältnisse ist in Deutschland noch nicht zu denken. Aber immerhin: Für die Eröffnungsveranstaltung am Mittwoch im Velodrom sind fast alle 4000 Plätze vergeben. Dabei sind der Regierende Bürgermeister Diepgen, DSB-Präsident von Richthofen und Olympiasieger Markus Wasmeier. Jon Bon Jovi, Joey Kelly und Ayman, Stars aus der Musik-Branche, treten ebenso auf wie eine Band geistig behinderter Musiker namens Sonnenuhr. Auch dazu gehört viel Mut.

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