Spektakel zum Auftakt : Stärke mit Lächeln - die Botschaft der Eröffnungsfeier

Dunkelheit. Dann knallt und blitzt es. 2008 Männer fangen an zu trommeln. Die Eröffnungsfeier in Peking beginnt ernst – dann steigert sie sich zur Explosion der Farben. Was China präsentiert, ist eine doppelte Botschaft.

Harald Maass[Friedhard Teuffel],Benedikt Voigt[Peking]
Feuer
Flamme überm Vogelnest. Das olympische Feuer brennt.Foto: AFP

In drei Minuten ist China einmal um die Welt gelaufen. Einfach durch die Luft, ohne sich festzuhalten und nur die olympische Fackel in der Hand. Es ist der Höhepunkt der Eröffnungsfeier dieser Olympischen Sommerspiele im Nationalstadion von Peking. Der ehemalige Turner Li Ning nimmt am Boden die Fackel in die Hand, wird an Seilen nach oben gezogen und läuft mit den Füßen in der Luft einmal am Stadiondach entlang. Hinter ihm erscheint noch einmal die Reise des olympischen Feuers, einmal ging es um die ganze Welt, in Paris ist die Flamme sogar ausgegangen, es gab viel Protest, aber der bleibt diesmal unsichtbar.

Das Feuer hat sein Ziel erreicht, das zählt, sein Ziel ist nun eine noch viel größere Fackel, die wie eine Anstecknadel am Stadiondach hängt. Li Ning hält seine Flamme an einen Kontaktpunkt, der Funke springt über, die neue chinesische Fackel am Nationalstadion brennt. Olympia kann beginnen.

Li Ning also. Diesen Mann hat sich China ganz genau ausgesucht für diese Aufgabe, die wichtigste Aufgabe an diesem Abend. Li Ning verkörpert gleich mehrere Botschaften. Zum einen den sportlichen Erfolg, denn 1984 war er in Los Angeles Olympiasieger im Turnen; die Teilnahme an diesen Spielen ist Chinas Rückkehr in die sportliche Weltgemeinschaft, seit 1952 hatte das Land nicht mehr an Olympischen Spielen teilgenommen. Und: Li Ning steht ebenfalls für das neue China. Er hat eine Sportartikelfirma gegründet, statt sich auf einem Staatsposten versorgen zu lassen.
 
Beeindruckend bis beklemmend

Mit diesem Olympischen Spielen soll die Welt China neu kennenlernen, und mit keinem Ereignis kann sich China schließlich mehr Menschen auf einmal vorstellen als mit der Eröffnungsfeier. Vier Milliarden Fernsehzuschauer wurden auf der ganzen Welt erwartet.
Wie immer bei einer ersten Begegnung zählt der erste Eindruck. Der ist – beeindruckend bis beklemmend. Es knallt und blitzt auf einmal ins dunkle Stadion hinein, und als es heller wird, stehen 2008 Männer in Reihen und trommeln auf 2008 Fous ein, uralte chinesische Percussion-Instrumente. Danach knallen wieder Feuerwerkskörper vom Dach des Stadions, an dem nun „Welcome“ steht. Aber hätte man sich dieses Willkommen vom Gastgeber nicht etwas herzlicher vorgestellt? Weniger wuchtig? Oder war es nur als besonders feste Umarmung gemeint?

Doch China wechselt an diesem Abend ständig seine Gesichter. Eben hat es noch laut geschrieen, mit Massen von Menschen, von denen der Einzelne doch nicht zu sehen ist, dann wechselt es zum erzählenden Tonfall, berichtet aus seiner 5000 Jahre langen Kulturgeschichte, von chinesischen Erfindungen, die die Welt verändert haben: Papierrollen, Buchdruck, Oper, Seidenstraße und auch Schießpulver. Eine Zeitreise inszeniert von Starregisseur Zhang Yimou. Und ein wenig subtiler Hinweis auf die einstige Größe des Landes.

Dann zeigt China sein lächelndes Gesicht, immer wieder tauchen die Schriftzeichen „Frieden“ auf „Freundschaft“ auf. Später bilden Soldaten der Volksbefreiungsarmee eine riesige weiße Taube. Das ist die Botschaft, die Chinas Führer der Welt vermitteln möchten: dass ihr Land trotz seiner neuen wirtschaftlichen und politischen Stärke ein friedlicher Partner der Weltgemeinschaft sein will.

Lang Lang und ein schwebender Erdball

Es macht das auch charmant, etwa als der Pianist Lang Lang, einer, der es von China in die weite Welt geschafft hat, vierhändig mit einem fünf Jahre alten Mädchen Klavier spielt. Vor allem aber, als ein Erdball aus dem Boden aufsteigt; Menschen laufen um ihn herum, springen und tanzen, ohne herunterzufallen.

Dieser Thementeil heißt „Der Traum“, und wenn man träumt, gelten die Naturgesetze nicht. Bei diesen Spielen sollen alle dasselbe träumen, so sieht es das Motto vor „Eine Welt – ein Traum“. Allein: Dieser Traum ist bereits daran gescheitert, dass es zwei Sichtweisen auf diese Spiele gibt, eine chinafreundliche und eine chinakritische. Es ist dennoch einer der leichten Momente.
Überhaupt scheint es, als werden diese Olympischen Spiele nach Gewicht gemessen. Wie leicht werden sie nach der schweren Vorgeschichte, der Niederschlagung der Unruhen in Tibet, der Diskussion um Menschenrechte, der Zensur? Schon in der einstündigen Show vor der Eröffnungsfeier tanzen Tibeter, wenn es denn welche sind. Ihr Tanz nennt sich „Celebration Dance“, als ob sie so viel zu feiern hätten an diesem Tag. Doch China will alle 56 Minderheiten vereinen. Ein Kind jeder Minderheit fasst auch ein Stückchen der chinesischen Flagge und trägt sie durchs Stadion. Dort weht sie während der ganzen Eröffnungsfeier aus derselben Richtung, in der Luft gehalten von einem künstlichen Wind.
Und der Wind war nicht das einzige künstliche Element.

Als die Zuschauer kurz vor dem Beginn der Feier aufsprangen und La Ola durch das Stadion laufen ließen, endete die nach exakt einer Runde. Dasselbe ereignete sich anschließend im Oberrang.

Ein Schritt zurück

Das Künstliche ist ein Mittel im Kampf der Chinesen gegen den Zufall, gegen alles Unberechenbare. Schon am Mittag hatten Sicherheitskräfte das olympische Gelände weiträumig abgesperrt. Selbst Freiwillige oder Journalisten mit Akkreditierungen wurden nicht mehr in die Nähe des Stadions gelassen. In der Nähe des Olympic Sports Center parkten gepanzerte Militärfahrzeuge. Am Pekinger Flughafen durften während der Eröffnungsshow keine Flugzeuge landen oder abfliegen. Das Flugverbot galt allerdings nicht für drei Hubschrauber, die ständig über dem Stadion kreisten. Und selbst unter den 14 000 Darstellern der Eröffnungsfeier befand sich Militär. 9000 Soldaten wirkten mit.

Nach 70 Minuten war dann der chinesische Teil der Feier zu Ende – und die Veranstaltung machte einen Schritt zurück in die olympische Normalität. Die griechische Mannschaft zog wie immer als Erste ein, und von da an ähnelte diese Feier allen anderen zuvor. Auf einem Klangteppich von Weltmusik spazierten Athleten, Trainer und andere Delegationsmitglieder aus 204 Ländern ins Vogelnest, so viele wie nie bei olympischen Spielen zuvor. Der Einzug der ehemaligen Besatzungsmacht Japan rief keine besondere Reaktion im Publikum hervor, erst als Taiwan an der Reihe war, jubelte es zum ersten Mal laut; die Insel gehört nach Betrachtung der chinesischen Regierung zu China.

Dann marschierte um 22 Uhr 25 Ortszeit eine für China unangenehme politische Botschaft durchs Marathontor – mit der amerikanischen Fahne in der Hand. Der US-Fahnenträger Lopez Lomong, 1500-Meter-Läufer, ist ein sudanesischer Flüchtling. Noch vor sieben Jahren hat der eingebürgerte Leichtathlet in einem kenianischen Flüchtlingscamp gelebt. Durch das Hilfsprogramm „Lost Boys of Sudan“ gelangte er schließlich in die USA. Und nun haben ihn die Kapitäne der US-Mannschaften überraschend zum Fahnenträger gewählt.

Seine Wahl dürfte der chinesischen Regierung nicht gefallen haben. Sie unterstützt die sudanesische Regierung. Auch das Pekinger Olympia-Organisationskomitee Bocog schien nicht begeistert von der Wahl. Im Informationssystem der Olympischen Spiele fehlten gestern die Zitate aus Lomongs 45-minütiger Pressekonferenz.

Jubel für George W. Bush

Vom Publikum bekamen die Amerikaner dann aber doch noch einen Jubelschrei, sogar einen doppelten: den ersten für die Mannschaft, den zweiten als der winkende amerikanische Präsident George W. Bush mit seiner Frau Laura auf den Videoleinwänden erschien.

Die anderen Zuschauer sollten dafür umso unpolitischer sein. Sorgfältig hatte das Pekinger Organisationskomitee dafür gesorgt, dass politische Botschaften aus dem Stadion ferngehalten wurden. Sicherheitskräfte durchsuchten die Taschen der Zuschauer intensiv auf verbotenes Material, Länderfahnen durften nicht größer als zwei Quadratmeter sein, und die Fahnen von Ländern oder Regionen, die nicht an den Wettkämpfen teilnehmen wie etwa Tibet, waren ganz verboten.

Noch einer verhielt sich an diesem Abend unpolitisch. Einer, von dem sich viele eine Botschaft gewünscht hatten. Jacques Rogge, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees. Im Gegensatz zu Chinas Staatspräsident Hu Jintao, der die Spiele mit einem vorgeschrieben Satz eröffnete, darf Rogge eine Rede halten. Diese Rede enthielt kein Wort der Kritik an den chinesischen Ausrichtern, dafür Mitgefühl mit den Erdbebenopfern von Sichuan. „Wir waren sehr bewegt vom Einsatz und der Solidarität der chinesischen Bevölkerung“, sagte er.

Der Junge aus Sichuan

Das Erdbeben von Sichuan haben die Chinesen auch selbst an diesem Abend mit ins Stadion gebracht. In Gestalt eines neunjährigen Jungen aus Sichuan, der zwei anderen Kindern gerettet hatte. Er lief neben dem Basketballstar Yao Ming her, dem chinesischen Fahnenträger. „Jiayou“ – riefen die Zuschauer, auf geht’s. Der Schlachtruf wird in den nächsten zwei Wochen noch öfter zu hören sein.

Sechs Sportler trugen danach die olympische Fahne ins Stadion, sechs Soldaten nahmen sie ihnen ab. Soldaten beim Hissen von Fahnen – ein Bild, das den Chinesen seit der Kindheit vertraut ist und das mit der chinesischen Fahne jede Nacht im staatlichen Fernsehen wiederholt wird.

Zu Anfang der Eröffnungsfeier hatten die Organisatoren an den chinesischen Philosophen Konfuzius erinnert. Eine seiner Weisheiten lautete: „Wie glücklich sind wir, wenn Freunde von weit herkommen.“ Jetzt sind sie da.

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