Sport : Spekulationen über einen Wechsel zu McLaren-Mercedes

Hartmut Moheit

Es ist wie immer in der Formel 1: Jeder redet darüber, keiner weiß es genau, und diejenigen, um die es geht, schweigen beharrlich oder dementieren. Jüngstes Beispiel für dieses Geheimnisspiel ist Jacques Villeneuve. Weltmeister war der Kanadier bereits 1997 in einem Williams geworden, doch mittlerweile kann er am Nürburgring durch die stark frequentierte Gasse mit den Team-Trucks laufen, ohne dass sich gleich ein Pulk Neugieriger auf ihn stürzt. "Zu meiner Zukunft sage ich nichts, es ist schon genug geschrieben worden", meint der kleine Mann im Schlabberlook nur, während seine Augen hinter der Nickelbrille blinzeln. Und genug gesprochen worden. Man redet immer noch über Villeneuve, mehr denn je. Er soll mit McLaren-Mercedes anbandeln. Oder ist es doch umgekehrt? Oder stimmt das Gerücht doch nicht?

Eine Aufklärung ist derzeit nicht zu bekommen. Mercedes-Sportchef Norbert Haug verweist vielmehr darauf, dass "mein Team mit Mika Häkkinen und David Coulthard sehr zufrieden" sei. Der zum Saisonende auslaufende Vertrag von Coulthard und die angebliche Rennmüdigkeit des finnischen Doppelweltmeisters taugen offensichtlich nicht als Beweis. Es gibt allein zwei Aussagen, die ernster zu nehmen sind. Eine von McLaren-Chef Ron Dennis, für den es nicht wichtig ist, "welche Haarfarbe ein Fahrer" hat, und eine andere von BMW-Motorsportchef Gerhard Berger: "Villeneuve wäre eine logische Fahrerwahl von McLaren. Mich würde es nicht wundern, wenn die beiden Seiten schon lange eine Einheit wären. Aber vielleicht gehe ich mit dieser Vermutung auch zu weit."

Am außergewöhnlichen Fahrtalent des Jacques Villeneuve hegt niemand Zweifel. Deshalb wäre sein Wechsel von BAR-Honda ins Silberpfeilteam auch nichts Besonderes. Ungewöhnlich an ihm sind eher sein Lebensstil, sein Äußeres und der Hang zu lockeren Sprüchen. Häkkinen und Coulthard erscheinen im Vergleich zu ihm eher als aalglatte Typen, die bisher ideal ins Imagekonzept von DaimlerChrysler passten. Doch der 29-Jährige aus St. Jean sur Richelieu ist nicht mehr mit dem Hitzkopf aus den Williams-Zeiten zu vergleichen. Er wirkt solider, ist privat glücklich liiert ("Im siebenten Himmel") und verfügt mittlerweile über einen Erfahrungsschatz von 70 Grand-Prix-Rennen. Auch bei Jaguar soll er deswegen auf der Wunschliste stehen.

Während sich Villeneuve sehnlichst ein Siegauto wünscht, ist er mit dem Leben ohne Star-Status nicht unzufrieden. "Ich fühle mich in der Menge eher unwohl und gehemmt", gibt er zu. "Je schlechter die Resultate sind, desto einfacher ist das Privatleben." Und was ist nun besser: die relative Ruhe oder das Rampenlicht? Vor dieser Frage steht Villeneuve in den kommenden Wochen. "Es ist noch zu früh, irgendwo einen Vertrag zu unterschreiben", meint er, womit er zumindest sein Nachdenken über einen Teamwechsel bestätigt. Im Freien Training im BAR-Honda fuhr er gestern als Zehnter durchs Ziel. Anschließend lief er nahezu unbeachtet durch die Boxengasse. So eine Ruhe könnte er sich abschminken, wenn er seinen Wechsel bekannt gäbe. Bis dahin aber werden die Gerüchte geschürt, denn davon lebt schließlich die Formel 1. Villeneuve wird in dieser Saison noch für Schlagzeilen sorgen. Gewollt oder ungewollt.

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