Sport : Spiel der Nerven

Die deutschen Basketballer gewinnen auch die zweite EM-Partie – aber machen es wieder unnötig spannend

Benedikt Voigt

Norrköping. Es war Mitternacht, als Bundestrainer Henrik Dettmann im Grand Hotel Norrköping das Zimmer von Misan Nikagbatse betrat. Neun Stunden zuvor hatte der junge Aufbauspieler der deutschen Basketball-Nationalmannschaft gegen Israel schwach gespielt, hatte in fünf Spielminuten dreimal den Ball verloren. „Ein bisschen viel für dieses Niveau“, sagte Henrik Dettmann. Deshalb trat nun der Bundestrainer in jenes Hotelzimmer, in dem Nikagbatse mit Teamkollegen Stefano Garris saß. „Die jungen Spieler brauchen ein bisschen mehr Ansprache“, sagte Dettmann. Um ein Uhr nachts kam er wieder aus dem Zimmer heraus.

Der nächtliche Einsatz des Bundestrainers hat geholfen. Beim 94:86 (48:41) über Lettland im zweiten Spiel bei der Europameisterschaft spielte Misan Nikagbatse wie das deutsche Team um eine Klasse stärker als am Vortag. „Es war gut, dass wir noch einmal trainert und uns ausgesprochen haben“, sagte Dirk Nowitzki. Der 25-jährige NBA-Spieler steigerte sich wie alle anderen. „Ich habe auch mit Dirk gesprochen“, sagte Dettmann, „aber nicht so lange.“ Am Ende hatte Nowitzki 32 Punkte erzielt und neun Rebounds gefangen. Das deutsche Team kann sich heute im Spiel gegen Litauen (15.15, live in der ARD) den ersten Platz der Vorrundengruppe B sichern. Litauen siegte gestern 94:62 über Israel und steht jetzt gemeinsam mit Deutschland an der Gruppenspitze. Der Gewinner der heutigen Partie zieht direkt ins Viertelfinale ein, der Verlierer muss am Montag gegen den Dritten der Gruppe A antreten. „Das ist schon so etwas wie ein kleines Endspiel“, sagte Nowitzki.

Wie schon gegen Israel hatte das deutsche Team in der Schlussphase Schwierigkeiten bekommen. Allerdings hatte es beim 86:81 am Vortag überhaupt keine Einstellung gehabt. „Das war das schlechteste Spiel in diesem Sommer“, sagte Dettmann, „ich habe mich fast geschämt, Trainer dieser Mannschaft zu sein.“ Diesmal aber lag es an den starken lettischen Distanzschützen Ainars Bakatsis (18 Punkte) und Bambergs Centerspieler Uvis Helmanis (16 Punkte), dass die Letten in der zweiten Hälfte einen Rückstand von 16 Punkten beinahe aufholten. Drei Minuten vor dem Ende führte das deutsche Team nur noch 85:81. Dann aber übernahm Aufbauspieler Mithat Demirel.

Der Spielmacher setzt bei dieser Europameisterschaft das hohe Niveau fort, mit dem er bereits seit der Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr spielt. „Er schwimmt auf einer Welle“, sagt Dettmann. Mit einem Dreipunktewurf verhalf der Spielmacher von Alba Berlin der Nationalmannschaft 92 Sekunden vor dem Ende zu einem beruhigenden Vorsprung. Selbstbewußt ließ er sechs weitere Punkte folgen. Am Ende wies ihn die Statistik mit 18 Punkten und vier Assists aus. „Wir haben als Team sehr gut zusammen gespielt", sagte Demirel. Er wollte sich nicht selber loben, das übernahm Trainer Dettmann. „Das war ein normales Spiel von Mithat.“

Auch über seinen nächtlichen Gesprächspartner konnte er Gutes erzählen. Nikagbatse erzielte fünf Punkte und leistete sich nur noch einen Turnover. „Das braucht die Mannschaft von Misan“, sagte Dettmann. Der 21-Jährige hatte jedoch Pech, als er in der ersten Halbzeit an der Mittellinie mit dem mächtigen Centerspieler Kaspars Kambala zusammenprallte. Dessen 120 Kilogramm hinterließen auf Nikagbatses Sprunggelenk eine Prellung. Trotzdem konnte der Aufbauspieler weiterspielen. Auch die von der Bank kommenden Marko Pesic, Jörg Lütcke, Stephen Arigbabu und Robert Maras konnten ihr Team besser unterstützen. „So ein Turnier ist wie ein Buch, an jedem Tag wird eine neue Seite aufgeschlagen,“ sagte Dettmann. Die Seite vom Samstag war eine gute. „Wir dürfen jetzt keine Euphorie entwickeln. Aber wir müssen uns auch keine Sorgen machen.“

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