Sport : Spiel des Lebens

Dank Torhüterin Rottenberg stehen die deutschen Fußballerinnen nach einem 3:0 über die USA im WM-Finale

Matthias B. Krause

New York. Fünf schwere Goldringe zierten die Hände von April Heinrichs, drei links, zwei rechts. Für alle Welt deutlich sichtbar, trug die Trainerin der US-Frauenauswahl die Zeichen früherer Erfolge zur Halbfinalpartie der Fußball-Weltmeisterschaft gegen Deutschland. Doch bald schon waren sie die Beigabe zu Bildern von zermürbender Anspannung. Je weiter die Zeit fortschritt und je länger das Tor von Kerstin Garefrekes aus Minute 15 Bestand hatte, desto kürzer kaute Heinrichs ihre Nägel an den reich geschmückten Händen. Schuld daran war vor allen anderen eine Frau auf dem Platz: Silke Rottenberg. Was immer die Amerikanerinnen auch versuchten, die deutsche Torfrau schien es zu ahnen und warf sich ihnen furchtlos entgegen. Die Null stand bis zum Schluss, die Tore von Maren Meinert und Birgit Prinz in der Nachspielzeit waren nur noch Zugaben, und Heinrichs bekannte: „Silke war einfach großartig.“

Das Lob für die 31 Jahre alte Torfrau aus Duisburg wollte nach dem Spiel gar kein Ende nehmen. Bundestrainerin Tina Theune-Meyer sprach: „Silke hat alles heruntergepflückt und war einfach Weltklasse.“ Sie wurde als wertvollste Spielerin der Partie ausgezeichnet, und im amerikanischen Fernsehen spielten sie Bilder von Oliver Kahn ein, um Rottenberg in eine Reihe mit großen deutschen Ballfängern zu stellen.

Rottenberg jedenfalls beherrschte den Strafraum so souverän, dass die Angriffe der amerikanischen Spielerinnen schon in der ersten Halbzeit immer wütender und ratloser wurden. Ob sie es mit hohen Zuspielen versuchten oder mit flachen Bällen, lang oder kurz, nie entgingen sie den Fängen der Torfrau. Wie selbstverständlich fischte sie in ihrem 88. Länderspiel schwierigste Schüsse aus den Ecken und schnappte Angreiferinnen gnadenlos die Bälle von den Füßen weg. Die amerikanische Stürmerin Mia Hamm trat ihr dabei einmal mit voller Wucht auf den rechten Unterarm, Kollegin Abby Wambach rammte sie im Fünf-Meter-Raum zu Boden. Unbeeindruckt werkelte Silke Rottenberg weiter.

Sie müsse dringend auf die illegale Verwendung von Klettverschlüssen getestet werden, scherzte die Kolumnistin der Zeitung „USA Today“ tags darauf. ESPN-Analyst Rob Stone schwärmte von ihrem „Spiel des Lebens“. Die selbst so hoch Gelobte wollte ihren Beitrag dagegen nicht überbewertet wissen: „Fußball ist ein Mannschaftssport. Aber endlich konnte ich dem Team etwas zurückzahlen und meinen Beitrag leisten.“ Dafür hätte sie sich kaum einen besseren Zeitpunkt aussuchen können.

Nach den Verletzungsausfällen von Steffi Jones und Linda Bresonik geriet die deutsche Abwehr bisweilen doch gefährlich ins Schwimmen. Und nach dem Führungstreffer, als Garefrekes einen Eckball auf den kurzen Pfosten zielgenau unter die Latte köpfte, überließ die deutsche Mannschaft den Gegnerinnen zunächst das Mittelfeld praktisch komplett. Während sich Kerstin Stegemann im Abwehrkampf noch die meisten Punkte verdiente, fungierten Meinert und Prinz lange Zeit als Zwei-Frau-Offensive. Hochkarätig zwar, aber weitgehend auf sich alleine gestellt.

Erst nach der Pause entwickelte sich dann ein sehenswertes Duell zweier offensiv ausgerichteter Teams, das Heinrichs hernach als das „wahrscheinlich großartigste Spiel, das jemals in der Geschichte des Frauen-Fußballs gespielt worden ist“, einstufte. Diese Beurteilung bewahrte sie allerdings auch vor einer größeren Portion Selbstkritik. Denn eigentlich hatten die Amerikaner von ihrem Team im eigenen Land nichts anderes als einen weiteren Titel erwartet. Entsprechend hingebungsvoll brüllten sich die rund 30 000 Zuschauer in Portland die Seele aus dem Leib. Selbst als das Spiel schon längst gelaufen war, schallten noch „Mia, Mia"-Rufe durch das Stadion. Dabei hatte gerade die vor der Weltmeisterschaft so hoch gehandelte Hamm alles andere als einen überragenden Tag gehabt. Ihre Flanken kamen so unberechenbar wie die Kugeln eines Flipperautomaten.

Kerstin Garefrekes, Schützin des frühen Tores, lästerte später über die Amerikanerinnen: „Ehrlich gesagt, ich bin enttäuscht. Sie haben nicht wirklich ihr Angriffsspiel durchgezogen. Es war schlecht organisiert, und sie haben viele Chancen vergeben." Was man von den Deutschen nicht behaupten konnte. April Heinrichs wird deshalb auf einen neuen Goldring warten müssen. Dafür gehen die Deutschen gegen Schweden am Sonntag als Favoritinnen ins Finale.

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