Spiel in Mainz : Hertha ringt um Anschluss

In Mainz müssen die Berliner auf Kapitän Friedrich und auf Kacar verzichten – der neue Stürmer Ramos könnte helfen. Allerdings hat er erst einmal mit dem Team trainiert.

Sven Goldmann
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Einspielen für Hertha. Ramos trainierte am Freitag erstmals mit seinem neuen Team.Foto: Engler

Berlin - Ob er am Samstag spielen will? Komische Frage. „Si, si“, sagt Adrian Ramos, dafür ist er doch nach Berlin gekommen, um Fußball zu spielen und Tore zu schießen, möglichst viele, Hertha BSC hat sie bitter nötig. Es gibt da nur das kleine Problem, dass Ramos seine Mannschaft nicht mal oberflächlich kennt, weil er die Tage seit seiner Vertragsunterzeichnung am 31. August ausschließlich in Südamerika verbracht hat. Erst in Kolumbien, dann in Uruguay, Termine mit der Nationalmannschaft sind heilig, auch wenn sie die Eingewöhnung im neuen Umfeld erschweren. Am Freitag um kurz vor zwölf war Adrian Ramos wieder in Berlin. Gerade noch rechtzeitig, um ein einziges Mal bei Hertha BSC zu trainieren, bevor er seine erste Dienstreise für den neuen Arbeitgeber antrat: zum Auswärtsspiel am Samstagnachmittag beim Aufsteiger FSV Mainz 05.

Hertha BSC braucht in diesen Tagen jeden Mann, denn es sind Tage, in denen eher selten positive Nachrichten an das Ohr von Trainer Lucien Favre dringen. Erst schaffte es sein Lieblingsspieler Raffael nach seiner Armverletzung nicht mehr rechtzeitig zum Spiel in Mainz, dann meldeten sich Mannschaftskapitän Arne Friedrich und der zuletzt überragende Antreiber Gojko Kacar verletzt ab. Zu Ramos hatte Favre keinen Kontakt herstellen können, aber der Kolumbianer gab gleich nach der Landung in Tegel Entwarnung: „Bei mir ist alles in Ordnung, ich brauche nur ein bisschen Schlaf.“

Hinter Herthas kolumbianischer Neuerwerbung liegt eine nerven- und kraftaufreibende Reise. Wegen der späten Vertragsunterzeichnung in Berlin war er als letzter Spieler zum Kader der Nationalmannschaft gestoßen und saß deswegen vor einer Woche beim 2:0-Sieg über Ekuador nur auf der Bank. Vier Tage später war er in Montevideo der beste Kolumbianer und konnte doch nicht die 1:3-Niederlage gegen Uruguay verhindern. Am nächsten Tag flog Ramos zunächst von Montevideo nach Sao Paulo, von dort aus elf Stunden lang nach Paris und dann weiter nach Berlin.

In Tegel wartete schon ein kleines Empfangskomitee. Als da waren: zwei Kolumbianerinnen, die artig um ein erstes Foto Arm in Arm mit dem Star aus der fernen Heimat baten. Eine Sekretärin, die sich Ramos’ Pass aushändigen ließ, damit sofort zur Ausländerbehörde in Tiergarten fuhr, um dort kurz vor Büroschluss den für die Arbeitserlaubnis notwendigen Stempel zu bekommen. Dazu noch Herthas Scout Sven Kretschmer und Pressechef Peter Bohmbach, die Ramos zum Trainingsplatz fuhren, wo er sich eine Stunde lang im Kreis der neuen Kollegen bewegte, zum Schluss auch ein paar taktische Übungen mitmachte und ein einweisendes Gespräch mit Trainer Lucien Favre führte.

Um 16.45 Uhr saß Ramos dann schon wieder im Flugzeug, dieses Mal auf dem Weg nach Frankfurt am Main. Offiziell hatte Trainer Lucien Favre noch am Donnerstag darüber nachgedacht, seine wichtigste Neuerwerbung zu Hause zu lassen, aber es handelte sich dabei eher um eine theoretische Möglichkeit.

Für die Nacht zum Samstag hatte Hertha BSC nicht einmal ein Berliner Hotelzimmer für Ramos gebucht. Zur Startformation wird er wahrscheinlich noch nicht gehören, aber für einen Kurzeinsatz könnte es schon reichen, wenn es denn der Spielverlauf erfordert oder ermöglicht.

„Wir müssen sehen, wie sehr ihn die Reisestrapazen mitgenommen haben“, sagt Favre. „In der Müdigkeit liegt eine große Gefahr. Wenn der Körper nicht hundertprozentig bereit ist, steigt das Verletzungsrisiko dramatisch an.“ Zudem muss Favre darauf achten, dass seine zum Ende der Transferperiode noch einmal verstärkte Mannschaft nicht durch zu viele neue Elemente aus der Balance gerät.

Es wird eine so noch nie da gewesene Besetzung sein, mit der Hertha am Mainzer Bruchweg den Anschluss an freundlichere Tabellenregionen gewinnen will. Ohne Friedrich und Kacar dürfte das schwer genug werden. Friedrich brachte aus dem Training mit der Nationalmannschaft eine Adduktorenzerrung mit und wird bis zum Dienstag mit dem Training aussetzen. Kacar trug beim 1:1 der Serben gegen Frankreich ein Hämatom am Oberschenkel davon. Nach Rücksprache mit Mannschaftsarzt Ulrich Schleicher beschloss Favre, Kacar gar nicht erst mit nach Mainz zu nehmen.

Das Verletzungspech befördert die Wahrscheinlichkeit, dass Hertha in Mainz zwei Debütanten aufbietet. Als Vertreter Friedrichs wird wohl Rasmus Bengtsson die Innenverteidigung verstärken. Am vergangenen Sonntag testete Favre den Schweden über 90 Minuten im Regionalligaspiel der zweiten Mannschaft gegen den VfB Lübeck. Beim 1:0-Sieg war er der mit Abstand beste Mann auf dem Platz. „Ich bin bereit, wenn der Trainer mich braucht“, sagt Bengtsson.

Auch Florian Kringe ging gegen Lübeck über die volle Distanz. Der frühere Dortmunder hatte starke Szenen, aber es war nicht zu übersehen, dass sein letztes Pflichtspiel vier Monate zurückliegt. „Ich brauche Spielpraxis“, sagt Kringe. Wahrscheinlich wird er sie schon am Samstag in Mainz bekommen. Im defensiven Mittelfeld, wo sonst Gojko Kacar das Kommando führt.

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