Sport : Spiel mit dem Kopftuch

Frauenfußball im Iran entwickelt sich nur langsam – jetzt kommt die Nationalmannschaft nach Berlin

Annette Kögel

Berlin - „Das ist ein Wunder! Ein Wunder ist geschehen“, riefen die Iranerinnen. So wie die Kickerinnen vom Kreuzberger Frauenfußballteam Al-Dersimspor ist wohl noch nie eine Mannschaft begrüßt worden. Kein Wunder, denn die Begegnung zwischen der Mannschaft aus Deutschland und der iranischen Frauenfußball-Nationalmanschaft in Teheran war das erste öffentliche Frauenfußballspiel in einem Stadion seit der Revolution 1979. Zwei Teams, zwei Welten.

Beim Hinspiel im Iran vor einem Jahr trugen die deutschen Spielerinnen nicht Shorts und Tops, sondern Hosen und langärmeligeTrikots. Und das eng anliegende iranische Sportkopftuch musste in den Ausschnitt gesteckt werden. Nun kommen die verschleierten iranischen Nationalkickerinnen nach Berlin – beide Teams trainieren jetzt für das Rückspiel vom „Projekt Kreuzberg vs. Iran“ am 1. Juni im Kreuzberger Katzbachstadion.

Mannschaftsbesprechung bei Al-Dersminspor im türkischen Café am Sportplatz Anhalter Bahnhof. Zweimal die Woche trainieren die rund 30 Spielerinnen unterschiedlicher Herkunft, eine Iranerin ist derzeit nicht dabei. „Die nächsten Tage treffen wir uns aber dreimal die Woche, wir müssen noch Lauftraining absolvieren“, sagt die 36-jährige Methap Ardahanli, Steuerfachangestellte und eine der Spielertrainerinnen bei Al-Dersimspor. Die Berlinerinnen spielen in der Verbandsliga, der höchsten Liga dieser Stadt im Frauenfußball. Wie kamen die Kickerinnen des 300 Mitglieder starken Dachvereins dazu, in einem fünf Flugstunden entfernten Staat aufzulaufen, der für sein streng muslimisch-fundamentalistisches Regime bekannt ist?

Die ungewöhnliche Partie haben sie Corinna Assmann und ihren Zwillingsschwestern Valerie und Marlene zu verdanken. Die Leidenschaft der Mittzwanzigerinnen gehört dem Fußball – und dem Film. Beim Talentecampus der Berlinale hatten sie den iranischen Regisseur Ayat Najafi kennengelernt. „Da entstand die Idee, ein Frauenfußballfilmprojekt zu starten“, sagt Corinna Assmann. Einige Spielerinnen wie Stürmerin Arzu Calcilic und Safiye Kok, zweite Spielertrainerin von Al-Dersimspor, haben schon Erfahrung vor der Kamera: Die ebenfalls türkischstämmige Filmemacherin Aysun Bademsoy begleitete sie für die Langzeitdokumentationen „Mädchen am Ball“ und „Nach dem Spiel“. Im Iran wurden aber noch ganz besondere Bilder eingefangen.

„Was haben wir gelacht, als wir uns zum ersten Mal mit den Kopftüchern gesehen haben“, sagt Paraskewi Boras, 28, Rechtsanwaltsfachangestellte und Torfrau. Sie hatten sich eingeprägt, dass sie in der Heimat ihrer Gegnerinnen als Frauen den Männern nicht die Hand geben und ihnen nicht in die Augen schauen dürfen, dass Sittenwächterinnen aufpassen würden, ob in der Öffentlichkeit womöglich mal das Kopftuch verrutscht. Mitten in der Nacht waren sie dann gelandet, doch auf den Fernsehschirmen am Flughafen liefen keine Militärparaden, sondern Fußball. „Die Iraner sind fußballverrückt, die kennen alle Sportler von Hamburg und Bayern – da spielen ihre Landsleute“, sagt Teamsprecherin Silke Gülker.

Am Tag des Spiels schickte der iranische Staatspräsident Mahmud Ahmadinedschad ein Grußschreiben. Und kündigte an, dass Frauen nach jahrzehntelangem Verbot künftig wieder als Zuschauerinnen in Männerstadien dürften. In Deutschland hatten die Spielerinnen lange gezittert, ob das mit den Visa wirklich klappen würde. Auch jetzt hoffen sie, dass die Delegation wegen des internationalen Atomstreits nicht womöglich im letzten Moment zurückgepfiffen wird. „Auch die deutsche Botschaft in Teheran und die iranische Botschaft in Berlin unterstützen das Spiel“, sagt Silke Gülker.

Das Hinspiel fand im christlich-armenischen Ararat-Stadion statt – kicken ist Frauen im Iran sonst nur in der Halle erlaubt. Unter freiem Himmel jubelten 2000 Frauen, kleine Mädchen und Jungen: „Iran, Iran! Alemann, Alemann!“ Stimmung machen können die Iranerinnen, manche wirbelten sogar kurz ihr Kopftuch in der Luft umher. „Die Ehemänner hielten draußen vor den Toren Kofferradios ans Ohr“, erzählt die 27-jährige Spielerin und Musikerin Nadja Grothe.

Es war gar nicht so leicht, verhüllt zu spielen. „Das Kopftuch hält ja, weil es mit einem Stirnband befestigt wird“, sagt die 30-jährige Friederike Schmidt, Psychologin und Vorstopperin. „Aber warm ist das, und man erkennt die einzelnen Leute gar nicht mehr“, sagt die 28-jährige Torhüterin Paraskewi Boras. 2:2 ging die Partie aus, obwohl die Gegnerinnen zunächst mit dem Abseits Schwierigkeiten hatten. Im 1500 Meter hoch gelegenen Teheran bekamen die Berlinerinnen konditionelle Probleme – aber sie waren stolz darauf, dass alle Tageszeitungen Irans über die Partie berichteten.

Jetzt freuen sie sich auf den viertägigen Gegenbesuch der 22 jungen Sportlerinnen und acht Begleiter. „Wir spielen viele hohe, lange Bälle; die Iranerinnen sind technisch sehr stark“, sagt Stürmerin Arzu. Dem Fan Jamal Schalow gefällt an den Frauen, dass sie „viel fairer spielen als die Männer“ – die Al-Dersimspor-Frauen besitzen schon etliche Fair-Play-Preise. Und doch hat das Team in Berlin mit Vorurteilen zu kämpfen. „Manchmal werden schon noch blöde ausländerfeindliche Sprüche gerufen“, sagt Stürmerin Arzu.

Da kann es sogar einen Vorteil haben, Schleier zu tragen. Torwartfrau Paraskewi sagt: „Wenn man das enge Ding auf dem Kopf hat, hört man so was nicht.“

Das Spiel der Verbandsliga-Spielerinnen von Al-Dersimspor gegen die iranische Frauenfußball-Nationalmannschaft findet am 1. Juni statt. Der Anpfiff erfolgt um 18.30 Uhr im Stadion an der Katzbachstraße in Kreuzberg. Informationen und Kontakt: www.bsv-aldersim.eu.

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