Sport : Spiel mit Vergangenheit

Die Lebensläufe der Trainer Jörg Berger und Falko Götz weisen eine Gemeinsamkeit auf – die Flucht aus der DDR

Michael Rosentritt

Berlin - Falko Götz reagiert ein wenig gereizt, als die Sprache auf seinen Rostocker Trainerkollegen Jörg Berger kommt. „Das, was Sie so interessant finden, schiebe ich vollkommen beiseite“, sagt Herthas Trainer: „Mich interessiert momentan nur Hertha BSC.“ Seine Mannschaft spielt Samstag beim FC Hansa Rostock. Für die Berliner geht es um die Champions League, für die Rostocker um die letzte Chance, den Abstieg vielleicht doch noch abzuwenden. Vor allem ist es ein Spiel mit Vergangenheit.

Da sind zum Beispiel die Lebensläufe der beiden Trainer. Jörg Berger, 60, und Falko Götz, 43, stammen beide aus dem Osten Deutschlands. Beide sind sie Flüchtlinge, beide nutzten eine Jugoslawienreise zur Flucht in den Westen. Der gebürtige Ostpreuße Berger, der in Sachsen aufwuchs, floh im März 1979, der Ostberliner Götz vier Jahre später. Anlässlich eines Europacupspiels des BFC Dynamo setzte sich Götz zusammen mit seinem damaligen Mitspieler Dirk Schlegel in die bundesdeutsche Botschaft in Belgrad ab. In einem Notaufnahmelager in Gießen ließ sich Götz erst einmal die Telefonnummer von Jörg Berger geben. Beide kannten sich aus DDR-Tagen. Götz spielte in der Junioren-Auswahl, der Trainer hieß Jörg Berger. Nach der gelungenen Flucht brauchte Götz Hilfe. Berger arbeitete damals, noch überwacht von der Staatssicherheit, als Trainer des Zweitligisten Hessen Kassel. Er half dem knapp achtzehn Jahre jüngeren Götz, die verschiedenen Angebote einiger Bundesligaklubs zu sondieren und vermittelte ihn schließlich nach Leverkusen. So etwas verbindet.

Nachdem Götz über 200 Bundesliga-Spiele für Bayer bestritten und 1988 den Uefa-Cup gewonnen hatte, kreuzten sich die Wege der beiden DDR-Flüchtlinge in den frühen neunziger Jahren erneut. Falko Götz war beim 1. FC Köln gelandet, wo Berger 1991 Trainer wurde und die Mannschaft in den Uefa-Cup führte.

Beide Familien sind seit Jahren eng befreundet. „Vor Weihnachten waren wir für einige Tage zusammen in Kitzbühel Ski fahren“, sagt Jörg Berger. „Aber in der Woche vor dem Spiel telefonieren wir nicht mehr miteinander. Das gehört sich nicht unter Kollegen.“ Falko Götz sieht das ähnlich. „Das Spiel hat nichts mit uns beiden zu tun“, sagt der Berliner Trainer. „Es tut mir sehr Leid für Hansa, aber ich habe allein unsere Chancen im Auge.“

Bei einem Sieg steigen Herthas Chancen, in der kommenden Saison international zu spielen, womöglich in der Champions League. „Wir haben die Chance, aus dieser Saison etwas richtig Großes zu machen“, sagt Götz. Für Berger und den FC Hansa dagegen geht es um den Bundesligaverbleib. „Wir müssen jetzt jedes Spiel gewinnen, um den Abstieg abzuwenden“, sagt Berger und verweist auf das Hinspiel im Olympiastadion, „da haben wir den Ausgleich erst in der Nachspielzeit kassiert“. Sein Berliner Kollege verweist in seiner Vorbereitung auf ein anderes Spiel. Im vergangenen Heimspiel hat Hansa den VfB Stuttgart geschlagen, eine Mannschaft, die wie Hertha um die Teilnahme an der Champions League streitet und mit einem souveränen Sieg über Schalke an die Ostsee gefahren war – und verlor. „Das sollte uns warnen. Wir werden Hansa nicht unterschätzen“, sagt Herthas Trainer.

Falko Götz kehrte sechs Jahre nach der Wende in seine Heimat Berlin zurück. Erst als Spieler bei Hertha BSC, dann als Jugendkoordinator und schließlich als Bundesligatrainer. Über ihre Flucht haben beide nie gern gesprochen, aus Vorsicht. „Das ist immer noch eine heikle Geschichte, die im Dunklen sieht man nicht. Unterbewusst schleppt man dieses Thema immer mit. Dafür ist es zu entscheidend für mein Leben“, sagt Götz.

Berger, der gleich nach der Wende ein Angebot von Dynamo Dresden ausschlug, machte um den Osten des wiedervereinten Deutschland länger als Götz einen großen Bogen. Erst 15 Jahre nach dem Mauerfall war Berger bereit für diesen Schritt. Im November 2004 wurde er Trainer beim FC Hansa. „Rostock ist für mich nicht Osten, sondern Norden“, sagte Berger an seinem ersten Arbeitstag. Kurz zuvor, im Oktober, hatte er seinen 60. Geburtstag in Duisburg gefeiert – zusammen mit Falko Götz.

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