Spielabbruch : Randale von Genua war geplant

Die Randale von Genua war wohl geplant – Italiens gewarnte Polizei reagierte trotzdem nicht, sondern erledigte lediglich ihr Routinegeschäft.

Tom Mustroph
Unwillkommene serbische Zaungäste in Genua.
Unwillkommene serbische Zaungäste in Genua.Foto: AFP

Der chaotische Abend von Genua hatte vor allem ein Gesicht: Zuerst war es vermummt und gehörte einem Mann, der auf dem Gitter saß, das den Block der serbischen Fans begrenzte. Seelenruhig zerschnitt der massige Maskenmann zunächst ein Fangnetz, dann verbrannte er demonstrativ eine albanische Fahne, später dirigierte er die Wurfgeschosse seiner Kumpane. Ein Knallkörper auf dem Rasen führte zum Abbruch des Spiels durch den schottischen Schiedsrichter Craig Thomson. Anhand der üppigen Tätowierungen auf den Armen wurde der Mann schließlich als Ivan Bogdanov identifiziert, dem Anführer einer Hooligangruppe des Traditionsvereins Roter Stern Belgrad. Bogdanov wurde festgenommen, die Beamten fanden den 29-Jährigen im Gepäckraum eines Fan-Busses.

Schock, Ratlosigkeit und gegenseitige Schuldzuschreibungen prägten gestern den Tag nach den Ausschreitungen. Eine zahlenmäßig kleine, aber extrem gewaltbereite Gruppe serbischer Fans hatte es geschafft, den Abbruch des EM-Qualifikationsspiels zwischen Italien und Serbien zu provozieren. Heftige Zusammenstöße mit der Polizei führten zu mindestens 16 Verletzten und 50 Festnahmen. Der europäische Fußball-Verband Uefa hat ein Ermittlungsverfahren eingeleitet und wird voraussichtlich am 28. Oktober über mögliche Sanktionen entscheiden. Diese reichen von einer Geldstrafe über ein Stadionverbot bis zum Ausschluss aus laufenden oder künftigen Wettbewerben, teilte die Uefa nach dem zweiten Spielabbruch der langen EM-Geschichte mit. Uefa-Präsident Michel Platini zeigte sich „schockiert“ und betonte: „Ich erinnere jeden daran, dass die Uefa eine Null-Toleranz- Politik hat gegenüber Gewalt im Stadion.“ Er werde „Hilfe von höchster Stelle“ in beiden Ländern anfordern. Zuvor hatte ein Uefa-Sprecher erklärt, dass auch der gastgebende Verband Verantwortung für die Sicherheit im Stadion trage.

Als einer der Auslöser der Ereignisse von Genua gelten die Straßenschlachten am Rande der Gay-Pride-Parade am Montag in Belgrad. 2009 hatte die klerikal-faschistische Organisation Obraz den Umzug der Schwulen und Lesben noch verhindert. In diesem Jahr war die Polizei zur Stelle und schützte die Veranstaltung. Die Randalierer wichen allerdings auf andere Ziele aus, unter anderem die Parteizentralen der Sozialistischen und der Demokratischen Partei. Neben den Militanten von Obraz waren wohl vor allem Gewalttäter aus dem Fußballmilieu die Täter.

„Offensichtlich will jemand beweisen, dass Serbien weder bereit noch reif für Europa ist“, sagte Slobodan Homen, Staatssekretär im Justizministerium, dem serbischen Sender „B92“. Auch er stellte einen Zusammenhang zwischen den Fußballkrawallen und den Ausschreitungen in Belgrad her. „Nach diesen zwei Vorfällen kann ich sagen, dass diese Hooligans Teil einer organisierten Gruppe mit finanzieller Unterstützung sind.“

Mitgliedern der serbischen Fußball-Delegation war diese Gefahr bewusst. „Dies war kein Angriff auf unser Team, sondern auf unseren Staat“, sagte Verbandspräsident Tomislav Karadzic der „Gazzetta dello Sport“. „Wir hatten Kenntnis davon, dass Teile der serbischen Fans nur mit dem Ziel nach Italien gereist sind, die Partie zu verhindern. Wir haben die italienische Seite davon informiert. Doch geschehen ist nichts.“ Die Polizei erledigte lediglich ihr Routinegeschäft, die Kontrolleure am Stadiontor übersahen das Feuerwerksarsenal der serbischen Hooligans und auch die Zange zum Schneiden. Italiens Trainer Cesare Prandelli hatte deshalb keine Alternative zum Abbruch gesehen: „Als die Scheibe durchbrochen war, die die serbischen Fans von den anderen trennte, hatte ich Angst um die vielen Kinder auf den Rängen.“

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