Sport : Spielen nach Zahlen

Trotz vieler Chancen treffen die Eisbären zu selten ins Tor

Claus Vetter

Berlin. Butch Goring war außer Atem. Der Mann, dessen Frisur in den Siebzigerjahren mal als modisch galt, wirkte dabei sympathisch. Er freute sich halt von Herzen, der Trainer der Krefeld Pinguine. 2:1 hatte sein Team bei den Eisbären nach Penaltyschießen triumphiert. Das war eine Überraschung, auch wenn der Meister beim Tabellenführer der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) angetreten war. Bislang nämlich lief es bei den Krefeldern in dieser Saison bescheiden, ganz anders also als bei den Berlinern. Dem Kanadier Goring purzelten abwechselnd deutsche und englische Phrasen aus dem Munde. „Mein Gott, nach diesem aufregenden dritten Drittel“, sagte er. „They shot everything but the kitchen sink.“

Eine beliebte amerikanische Redewendung, die sich nur schwer ins Deutsche übertragen lässt. Goring wollte sagen, dass die Eisbären mit aller Macht aufs Krefelder Tor geschossen hatten, alles dort hin geworfen hätten – abgesehen vom Spülbecken. Ein Scherz, natürlich. Und Pierre Pagé fand ihn sogar lustig. Der Trainer der Eisbären, die heute in Iserlohn antreten, war am Freitag zufrieden. „Wir haben gut gespielt und verloren“, sagte er. „Im dritten Drittel hatten wir elf Chancen und Krefeld nur zwei.“ Das Aufzählen von Torchancen ist in Nordamerika beliebt und scheint es auch in der DEL zu werden. Dass dabei die Zählweise je nach Standpunkt des Betrachters abweicht, ist logisch. In Hamburg überraschte Chris Reynolds, sportlicher Leiter der Freezers, Pagé am Dienstag nach dem 1:0 der Eisbären damit, dass die Freezers 13, die Berliner nur neun Chancen gehabt hätten. „Das hat unser Kotrainer Mike Schmidt genauestens protokolliert“, sagte Reynolds. Selbstverständlich boten Pagés Aufzeichnungen andere Daten. Schade nur, dass Zahlen nichts über die Qualität einer Tormöglichkeit aussagen und allein Tore ein Eishockeyspiel entscheiden.

An sich war doch nichts Tragisches passiert im Sportforum. Mancher fand das beschauliche Spiel sogar gut – etwa der unter den Zuschauern weilende Tom O’Reagan. Der ehemalige Profi der Berlin Capitals ist für ein paar Tage in Deutschland. „Die Spiele in der DEL finde ich interessanter als die meisten Spiele in der NHL“, sagte der in Boston lebende US-Amerikaner. Nun gut, Tom O’Reagan freute sich offensichtlich sehr, mal wieder in Berlin zu sein – tatsächlich haben die Berliner schon Besseres gezeigt als gegen Krefeld, und tatsächlich wird der Fan auch in der nordamerikanischen Profiliga NHL mitunter anspruchsvoller unterhalten als am Freitag im Sportforum.

Trotzdem, für einen der Protagonisten war der Abend von Hohenschönhausen dann doch ein besonderer: Butch Goring. Viel war über die berufliche Zukunft des Krefelder Trainers diskutiert worden. Seit er sein Teams wieder defensiver spielen lässt, scheint es besser zu laufen, in Berlin gab es den zweiten Erfolg in Serie. Goring wollte im Moment des Triumphs nicht über seine Person diskutieren. „Wir wollen die Play-offs erreichen“, sagte er. „Nur das zählt.“ Es hörte sich nicht nach Resignation an. Warum auch. In Berlin hatte der Meister gezeigt, dass mit ihm noch zu rechnen sein wird – alle Zahlenspiele mal außen vorgelassen.

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