Sport : Spielen, siegen, nach Hause fliegen

Glanzlos, aber souverän wie bei der WM löst die deutsche Nationalelf die Pflichtaufgabe in Litauen

NAME

Von Michael Rosentritt

Kaunas. Unter dem schummrigen Licht einer Laterne war man heilfroh, dass alles vorbei war. Auf den ersten Blick waren sie nicht zu erkennen gewesen, die sechs Schattenmänner in ihren dunklen Anzügen. Freudiges Gemurmel drang herüber. Zigarettenqualm stieg auf. Plötzlich lockerte sich die Formation auf, und die üppige Silhouette eines Mannes kam zum Vorschein. Es konnte sich nur um Reiner Calmund handeln, der zur Abordnung des Deutschen Fußball-Bundes gehörte. An seiner Seite drückte Gerhard Mayer-Vorfelder, der DFB-Präsident, erleichtert eine Zigarette in den litauischen Schotter. Geschafft! Die deutsche Nationalmannschaft hatte zum Auftakt der EM-Qualifikation den Rasen des angrenzenden Stadions „S. Darius & S. Girenas“ zu Kaunas mit 2:0 als Sieger verlassen und war ihrer Rolle als Favorit souverän gerecht geworden. Dass so etwas nicht immer klappt, hatten am selben Tag die Schotten bewiesen, die in Toftir gegen die für fußballerische Großtaten bisher nicht bekannten Färöer lediglich ein glückliches 2:2 zu Stande brachten.

Vor dem Zuschauerblock H der benachbarten Turnhalle suchte Rudi Völler passende Worte. Unter dem gewölbten Dach versuchte der Teamchef, den Bogen zu spannen von der aus deutscher Sicht überaus erfolgreichen Weltmeisterschaft in Asien hin zum nächsten Höhepunkt – der Europameisterschaft 2004 in Portugal. „Wir sind wieder wer im Fußball“, sagte Rudi Völler, „aber alles muss neu erarbeitet werden. Vor dem Spiel gegen Litauen haben wir bei null angefangen.“

90 Minuten später ist Deutschland ein kleines Stückchen weiter. „Hier in Litauen werden nicht alle Gruppengegner gewinnen. Schon deswegen bin ich zufrieden. Ich habe ja fast bis zur Besinnungslosigkeit gewarnt, niemanden zu unterschätzen.“ Völlers Worte hatte die Mannschaft verinnerlicht. Nicht besonders originell, wohl aber dominant, selbstbewusst und verlässlich spulte der Favorit sein Pensum herunter. „Wir sind aufgetreten, wie man das von einem Vize-Weltmeister erwartet“, sagte Völler. Sein Team musste nicht mehr tun, Litauen konnte nicht mehr.

Später sprach Litauens Trainer Benjaminas Zelkevicius von einer „harten Prüfung“ für sein Team. Rudi Völler saß neben ihm und nickte freundlich. „Die Länder, die noch etwas hinten dran sind, haben mächtig aufgeholt“, sagte Völler. Und kam plötzlich auf den bemitleidenswerten Berti Vogts zu sprechen, den Trainer der Schotten. „Es tut mir fast schon ein bisschen Leid für ihn“, sagte Völler, aber „auch die Färöer, unser nächster Gegner, haben eine Mannschaft, gegen die man eigentlich nichts gewinnen kann.“ Nur schlagen müsse man sie halt. „Jetzt sind wir Tabellenführer und möchten das auch bleiben“, sagte Völler.

Die deutsche Mannschaft hatte bei der WM in Asien an Format gewonnen und dieses aufs Baltikum hinüberretten können. „Mit breiter Brust“ (Völler), aber nicht leichtsinnig erfüllten Oliver Kahn und Co. die Pflichtaufgabe. „Wer so ein Spiel zu locker angeht, kann schon mal stolpern“, sagte Kapitän Kahn. „Wir haben sie gleich spüren lassen, wer hier als Sieger vom Platz geht“, sagte Völler. Das Führungstor durch Michael Ballack hatte die Balten nachhaltig durcheinander gebracht. Das Einzige, was Völler monierte, war die Chancenauswertung. Miroslav Klose ließ zwei Kopfballchancen ungenutzt. „In besserer Verfassung macht er die locker rein“, sagte Völler. Für den Lauterer, der bei der Weltmeisterschaft gleich fünf Kopfballtore erzielt hatte, war es das siebte Länderspiel ohne Tor in Folge. Und auch seine Sturmpartner Carsten Jancker und Oliver Neuville haben schon mal bessere Tage erlebt. Neuville ringt in Leverkusen noch um Form, und der lange Jancker hat in Italien mit Udinese Calcio noch nicht ein einziges Punktspiel absolviert.

Es ist noch gar nicht so lange her, da hat sich eine deutsche Fußballelf von Gegnern ähnlichen Kalibers anstecken lassen, hat sich sich herunterziehen lassen. Diese Zeiten scheinen vorbei zu sein. „Die Mannschaft muss nicht immer Glanzlichter abliefern“, resümierte Gerhard Mayer-Vorfelder unter dem schummrigen Licht der Laterne, „sie muss nur ordentlich ihrer Arbeit nachgehen.“ Genau das hat sie am Samstag in Kaunas getan.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben