Sport : Spielen unter Schock

Eine Party war geplant am 11. September 2001. Schalke war erstmals in der Champions League, in der neuen Arena. Nach den Anschlägen hingen die Schalker vor dem Fernseher – und mussten antreten

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Noch eine Minute. Die Spieler gedenken vor dem Spiel der Opfer der Terroranschläge. Foto: dpa
Noch eine Minute. Die Spieler gedenken vor dem Spiel der Opfer der Terroranschläge. Foto: dpaFoto: picture-alliance / dpa/dpaweb

Gleich soll der Bus zum Stadion abfahren, aber irgendwie können sie sich alle nicht vorstellen, am Abend Fußball zu spielen. Im Mannschaftshotel läuft der Fernseher, und kein Spieler ist mehr auf seinem Zimmer. In der Lobby hören sie, wie Bundeskanzler Gerhard Schröder spricht. Schwer, bewegt und verstört. „Da habe ich noch gedacht, dass wir nicht spielen müssen“, sagt Andreas Möller.

Doch Möller und seine Kollegen vom FC Schalke 04 hoffen vergeblich an diesem 11. September 2001. Das Spiel muss weitergehen, auch wenn keiner spielen will.

Eigentlich hatten sie auf Schalke eine große Party geplant, mit 52 333 Gästen. Gelsenkirchen hat sich seit Wochen auf den großen Abend gefreut. Auf das erste Champions-League-Spiel in der Vereinsgeschichte, und das in der neuen Arena, die erst vor ein paar Wochen eingeweiht worden ist. Im Spiel gegen Panathinaikos Athen soll die europäische Fußballsaison eröffnet werden.

Huub Stevens hat seine Mannschaft in einem Gelsenkirchener Hotel versammelt. Schalkes niederländischer Trainer ist wie immer gut vorbereitet. Stevens hat den sportlichen Gegner analysiert, er hat Spione in fremde Stadien geschickt, und er hat seiner Mannschaft Videos über die Laufwege der Gegenspieler vorgeführt. Doch dann, im Hotel, nur ein paar Stunden vor dem wichtigen Spiel, läuft plötzlich ein ganz anderer Film: Flugzeuge, Hochhäuser, Trümmer, Tote.

Es ist noch nicht die Zeit der Smartphones, der iPhones und Blackberrys. Man wird noch nicht online im Sekundentakt darüber unterrichtet, was gerade auf der ganzen Welt passiert. Im Rückblick wirkt es beinahe archaisch, wie sich am 11. September 2001 Menschentrauben bilden vor Schaufenstern, in denen Fernseher stehen. Die Schalker Spieler sitzen auf ihren Zimmern oder unten in der Hotellobby und verfolgen, was soeben auf der anderen Seite des Atlantiks passiert ist. Zwei Flugzeuge sind ins World Trade Center von New York gerast und ein weiteres ins Pentagon von Washington. Der schwerste Terroranschlag der Geschichte erschüttert die Welt.

Wann muss sich der Sport endgültig zur Nebensache reduzieren? Wann muss er sich zurückziehen aus dem öffentlichen Raum, weil dort kein Platz ist für Vergnügen, Ablenkung, Unbeschwertheit? Warum muss an diesem Abend Fußball gespielt werden?

Der europäische Fußball-Verband Uefa ist zunächst unsicher. Stundenlang diskutieren die Funktionäre, wie man mit den acht angesetzten Begegnungen der Champions League umgehen sollte. Nach der letzten Krisensitzung unter Leitung von Generalsekretär Gerhard Aigner gibt die Uefa eine Erklärung ab: „Die Spiele am Abend sollen wie geplant ausgetragen werden, aber wir werden fortfahren, die Entwicklung zu beobachten.“ Begründet wird die Nicht-Absage mit einem in diesem Augenblick seltsam anmutenden Begriff: der Neutralität des Sports. Einen Tag später wird Aigner seinen Fehler eingestehen. Die für den Mittwoch geplanten Spiele werden abgesagt. Aber da ist es zu spät für Huub Stevens und den FC Schalke 04.

Nach kurzer Schockstarre versucht Huub Stevens zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Er geht von Zimmer zu Zimmer, reißt die Türen auf und befiehlt: „Macht die Fernseher aus! Macht sofort die Dinger aus.“ Die Dinger bleiben an. Der Trainer versucht, gegen die Bilder anzugehen. Er redet auf die Spieler ein, erinnert sie an die verabredete Taktik, appelliert an ihre Disziplin. Alles vergebens. Huub Stevens, der Perfektionist aus Limburg, den sein Kotrainer Holger Gehrke gern als preußischen Holländer bezeichnet – er hat zum ersten Mal in seiner Trainerkarriere die Macht über seine Mannschaft verloren.

Die Schalker Spieler wehren sich, sie versuchen es jedenfalls. Sie gehen zu ihrem Manager Rudi Assauer. Dieser würde das Spiel absagen, aber er darf nicht. Die Uefa ist Veranstalter, und sie bleibt hart. Zwei Stunden vor dem Spiel rollt der Mannschaftsbus zur Arena.

Es ist eine kurze und doch unendlich lange Fahrt. Keiner ist mit seinen Gedanken beim bevorstehenden Spiel. Der Kotrainer Holger Gehrke erinnert sich an einen Besuch hoch oben auf dem World Trade Center. Ist schon ein Weilchen her, damals hat er noch das Schalker Tor gehütet, ein Beinbruch musste auskuriert werden in einer verlängerten Sommerpause, Gehrke hatte Zeit, sein Beinbruch musste ausheilen. Mein Gott, ein Beinbruch!

Die Schalker Fans haben sich längst verabschiedet von dem Gedanken, an diesem Abend eine Party zu feiern. Und doch kommen sie fast alle ins Stadion. Gemeinsam lassen sich diese Stunden leichter ertragen. Vor- und Rahmenprogramm werden gestrichen. Holger Gehrke erinnert sich an die gedämpfte Klaviermusik, die beim Einlaufen gespielt wird. Er versucht, sich in die Lage der Fans zu versetzen, „die haben sich seit Wochen auf das Spiel gefreut“.

Die Spieler beider Mannschaften laufen ein, unbeholfen versammeln sie sich im Mittelkreis und verschränken die Hände hinter dem Rücken. Der Stadionsprecher verliest einen kurzen Text, in dem den Familien der Opfer das Mitgefühl der beiden Vereine ausgesprochen wird. Danach werden die Aufstellungen der Mannschaften angekündigt – in ruhigem Ton, ohne Jubel. Die Zuschauer applaudieren zögerlich, fast beiläufig. Es gibt eine Schweigeminute.

Dann muss das Spiel beginnen. Ganz leise nur schwingt der traditionelle Schlachtruf „Attacke!“ durch die Arena. Unten auf dem Rasen versuchen die Spieler, ihrer Rolle gerecht zu werden. Doch viele können nicht. Andreas Möller steht völlig neben sich, kein einziger Pass von ihm kommt bei seinen Mitspielern an. Möller ist ein Spieler, über dessen sensiblen Charakter oft und gern gelacht wird. Heute lacht keiner. Nach einer Stunde Spielzeit verlässt Möller den Platz. Einem Reporter sagt er: „Mir wurde bewusst, was heutzutage möglich ist. Wir bewegen uns zwischen Glassplittern. Es kann alles passieren, auch das Unvorstellbare.“

Nicht ein einziges Mal schießen die Schalker an diesem Abend auf das Tor von Panathinaikos. Die Athener gewinnen 2:0, und nach dem Spiel tanzen sie auf dem Rasen. Stevens schaut irritiert zu ihnen hinüber und denkt nur: „Die sind besser mit der Sache umgegangen.“

Nach dem Spiel fährt Stevens zurück ins Hotel. Allein. Frau und Kinder sind weit weg in Eindhoven. Sonst ist Stevens immer gern für sich, allein mit seinem Videorekorder und den unzähligen Fußballbändern, aus denen er sein Wissen schöpft. Es stört ihn nicht, wenn keiner da ist, aber an diesem Abend ist alles anders. „Ich brauchte jemanden zum Reden. Ganz allein zu Hause sitzen und auf den Fernseher gucken, das ging doch nicht, nicht in dieser Nacht.“ Also ruft er zu Hause in Eindhoven an. Eine halbe Stunde dauert das Gespräch mit seiner Frau. Danach schaltet Stevens noch einmal den Fernseher ein und schaut sich die Bilder aus Amerika an. Die Flugzeuge, die Trümmer, die Toten.

Vier Tage später kommen die Lieblingsfeinde von Borussia Dortmund zum Derby nach Gelsenkirchen, und es geschieht, was noch eine Woche zuvor undenkbar gewesen wäre. Hand in Hand stehen Schalker und Dortmunder auf dem Spielfeld. Keiner der sonst so lautstarken Fans wagt die Schweigeminute zu stören.

Doch das Leben geht weiter und mit ihm der Fußball. Schalke gewinnt 1:0. Das Tor schießt Andreas Möller, der sensible Spielmacher, der am 11. September so sichtbar gelitten hat wie kein anderer seiner Kollegen.

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