Sport : Spieler in der Seifenoper

Das Fußball-Fernsehen fixiert sich auf die Emotionen der Akteure. Längst beeinflussen die Kameras am Seitenrand das Verhalten der Spieler – ihren Jubel, ihr Gehabe bei Auswechslungen. Eine Untersuchung

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Als Toni Kroos am Freitagabend für die deutsche Nationalmannschaft in den Winkel traf, gab es davon zwei Versionen. In der einen verfolgten etwa 70 000 Zuschauer im Kiewer Stadion, wie der bayerische Mittelfeldspieler den Ball gegen die Ukraine aus der Distanz wuchtig ins Tor schoss. In der anderen beobachteten ihn Millionen von Menschen weltweit vor ihren Fernsehern. Sie sahen seinen Schuss in Zeitlupe, in mehreren Wiederholungen und aus unterschiedlichen Perspektiven. Dafür sorgt bei Spielen des DFB-Teams ein riesiges Hightech-Ensemble. Hauptkameras auf den besten Zuschauerplätzen, Chipkameras im Tornetz, ferngesteuerte Krankameras, über dem Spielfeld schwebende Kameras, Schienenkameras auf Ballhöhe. Jede Zuckung der Spieler, und sei sie noch so klein, wird festgehalten.

Und so verändert sich, quasi in Zeitlupe, das Spiel. Die Spieler wissen um ihr großes Publikum, und sie richten ihre Zuckungen mehr und mehr nach ihm aus. Jubel-Choreografien werden schon vor dem Spiel erdacht, Botschaften auf den Trikots oder der Haut platziert – alles für den Moment, in dem alle hinsehen. Eine Steigerung dieses exaltierten Verhaltens gab es zuletzt in der Bundesliga zu sehen, als Bremens Torschütze Wesley jubelnd zur Seitenlinie rannte und mit der Kamera eines Fotografen jene Fans knipste, die ihn gerade bejubelten. Es waren die Fernsehbilder des Wochenendes.

Die Show hat den Sport im Griff. Die Fernsehsender wollen Emotionen transportieren. „Dallas mit Bällen“ haben die Wissenschaftler Barbara O’Connor und Raymond Boyle dieses Prinzip in Anlehnung an die erfolgreiche Fernseh-Seifenoper genannt. Die TV-Macher wollen beim Fußball auch jene Menschen begeistern, die sich eigentlich nicht für Sport interessieren – der Quote wegen, der Werbung wegen. Wie sehr der technische Aufwand auch bei Spielen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gestiegen ist, belegen folgende Zahlen: Das „Wunder von Bern“, den ersten Titelgewinn der DFB- Auswahl 1954 gegen Ungarn, nahmen drei einfache Kameras auf. Als die Mannschaft 1974 in München zum zweiten Mal den Pokal gewann, standen acht der Aufnahmegeräte am Spielfeldrand. Vor einem Jahr in Südafrika wurde jedes Spiel durch 32 Fernsehkameras festgehalten.

Dass es rund um den Rasen zugeht wie beim Dreh eines Hollywood-Films, beeinflusst das Verhalten der Spieler. Die Generation um Schweinsteiger, Özil oder Götze hat sich Showprinzipien angepasst. Schon anhand einiger großer historischer Weltmeisterschaftsspiele ist zu sehen, wie sehr das Geschehen abseits des eigentlichen Spiels zugenommen hat.

Londoner Wembleystadion, 1966, Finale zwischen England und Deutschland. Heute ist dieses Spiel vor allem wegen eines umstrittenen Tores durch Geoff Hurst in der Nachspielzeit bekannt – dem „Wembley-Tor“. Und damals? Spieler beider Nationen recken nach dem Schuss zunächst ihre Arme in die Höhe, um ihre Sicht der Lage zu verdeutlichen. Der vermeintliche Torschütze Hurst geht leicht in die Hocke und wartet einfach auf die Entscheidung des Schiedsrichtergespanns. Es erkennt den Treffer an, die Gastgeber führen 3:2. Drei englische Spieler umarmen Hurst im Strafraum, während drei deutsche Akteure auf Linienrichter Tofik Bachramow zustürmen, um ihn noch umzustimmen – kurz. Nach knapp 50 Sekunden läuft das Spiel wieder. Bei den anderen Toren dauerte es sogar nur etwa 30 Sekunden, bis der Schiedsrichter wieder anpfiff. Die Torschützen sprangen nur einmal im Strafraum in die Luft und ließen sich dann von jeweils drei ihrer Mitspieler herzen.

Aztekenstadion in Mexiko-Stadt, 1986, Finale zwischen Argentinien und Deutschland. Dieses Spiel zeigt, wie sehr die Spieler ihre Jubelzeremonie erweitert haben und wie selbstverständlich die Protagonisten jetzt mit den Kameras umgehen. Als José Luis Brown das 1:0 erzielt, läuft er Richtung Eckfahne, direkt auf eine Kamera zu. Etwa fünf Spieler folgen und umarmen ihn. Brown küsst den Ball und seine eigene Hand. Dass sich die Spielfeldecke als Ort des Jubels etabliert hat, zeigt auch Rudi Völler, der nach seinem Tor zum 2:2 über den Rasen rutscht. In diesem Finale, das Argentinien 3:2 gewinnt, jubeln die Mannschaften fast doppelt so lange wie 1966 – rund eine Minute.

Moses-Mabhida-Stadion in Durban, 2010, Halbfinale zwischen Deutschland und Spanien. Zeitlich hat sich der Torjubel im Vergleich zu 1986 kaum verändert, aber dafür die Qualität des emotionalen Ausdrucks. Die ganze spanische Mannschaft beglückwünscht ihren Torschützen Carles Puyol, immer noch in der Nähe der Eckfahne. Alle Mitspieler umringen ihn, umarmen ihn, schreien.

Aber nicht nur der Torjubel nimmt mehr Raum, Zeit und Emotionalität ein als noch vor 50 Jahren. Selbst Ein- und Auswechslungen werden mittlerweile für die große Öffentlichkeit zelebriert. Wieder ein paar Beispiele:

Münchner Olympiastadion, 1974, Finale zwischen Deutschland und Holland. Das bundesdeutsche Team wechselt gar nicht, Bondscoach Rinus Michels zweimal sehr unspektakulär: René van de Kerkhof kommt in der Pause, in der 68. Spielminute läuft Wilhelmus Rijisbergen vom Feld, während Theo de Jong an der Mittellinie auf ihn wartet. Die beiden schauen sich flüchtig an, nach 13 Sekunden rollt der Ball wieder.

International Stadium Yokohama, 2002, Finale Deutschland - Brasilien. Es läuft die 85. Spielminute, Ronaldinho soll vom Platz. Er zögert, lächelt und macht sich sehr unwillig auf den Weg zur Seitenlinie. Unterwegs tätschelt ein Mitspieler über seine Locken. Endlich beim Einwechselspieler Paulista angekommen, umarmt er ihn und bekreuzigt sich danach. Dann applaudiert er dem Publikum.

Bei Ronaldinho zeichnet sich 2002 schon ab, was acht Jahre später in Südafrika völlig normal ist: Wechsel gehen über einen Spielertausch weit hinaus. Mitspieler berühren einen vom Platz trabenden Akteur stets an Kopf oder Hintern. Auch reagieren die Akteure jetzt fast immer verwundert darauf, dass ausgerechnet sie ihren Platz räumen sollen. Die strenge Etikette verlangt auch das Abklatschen mit Mitspielern und Trainer.

Im Fußball dauert ein Spiel immer noch 90 Minuten – und vielleicht ein paar Minuten mehr, wenn wieder zu viele Auswechslungen zelebriert und manche Verletzungen ausgiebig simuliert worden sind. Das Fernsehen legt nach Spielschluss erst richtig los – mit Analysen, Interviews und mit möglichst vielen Emotionen. Bestes Beispiel bei Weltmeisterschaften ist dafür die Siegerehrung: Im Finale 1966 bekommt der britische Kapitän Bobby Charlton den Pokal schon zwei Minuten nach Spielende von der Queen in die Hände gedrückt. Entsprechend nüchtern-diszipliniert ist auch der Jubel davor: ein paar Umarmungen, ein paar Schulterklopfer, ein paar Handschläge.

Wie anders wirkt dagegen das Bild nach dem WM-Triumph Argentiniens 1986. Die Kameras filmen ganze zwölf Minuten, wie die Spieler feiern, allen voran Diego Maradona in einer gigantischen Jubeltraube. Die unterlegenen deutschen Spieler sind nicht zu sehen. Das ändert sich bei der nächsten WM-Finalniederlage des DFB-Teams 2002. Neben den tanzenden und betenden brasilianischen Weltmeistern kommt auch den Verlierern eine Bedeutung im Fernsehdrama zu. Zum Lieblingsobjekt der Kameras wird der tragische Held Oliver Kahn. Der Torwart wird ausgiebig dabei gefilmt, wie er traurig am Pfosten lehnt, mit einer ausladenden Bewegung seine Handschuhe von sich wirft und von Mitspielern, Gegnern und sogar dem Schiedsrichter getröstet wird. Die Jubel- und Trauerarie dauert 18 Minuten.

Im Regelwerk fordert der DFB von den Spielern: „Jubel darf nicht übertrieben werden.“ Ob das auch beim nächsten Titelgewinn der Nationalmannschaft gilt?

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