Sport : Spielerische Kälte

Werder Bremen kann beim 0:1 in München nicht an den Erfolg des vergangenen Jahres anknüpfen

Daniel Pontzen[München]

Tim Borowski und ein paar Kollegen trotteten Richtung Bremer Fan-Kurve, sie hoben müde die Arme und klatschten zwei, drei Mal in die Hände. Die mitgereisten Anhänger erwiderten das stumme Ritual, ehe sich eine dumpfe Tristesse über die Nordkurve des Münchner Olympiastadions legte. Ein paar dünne Schneeflocken wehten durch die Luft. Das Szenario wirkte wie ein Negativ dessen, was sich vor fast genau zehn Monaten an selber Stelle abgespielt hatte, die Werderaner hatten sich damals im Wohnzimmer des Rivalen die Meisterschaft gesichert, beinahe beleidigend souverän, ohne Rücksicht auf die Gastgeber. Danach hatte die grün-weiße Gemeinde dort gefeiert, an der Schwelle zur Ekstase.

Gestern, so schien es, mussten die Bremer dafür büßen. „Es wird anders laufen“, hatte der frühere Bremer Claudio Pizarro vor dem Spiel verschwörerisch angekündigt. Er behielt Recht. Mit 1:0 besiegten die Bayern den norddeutschen Kontrahenten, und wenngleich es „sicher kein schönes Spiel war“, wie Siegtorschütze Michael Ballack zugab, so konnten die Gastgeber die aufgekeimten Hoffnungen der Bremer auf eine erfolgreiche Titelverteidigung zerstören. „Jetzt wird es ein Zweikampf, ohne Frage. Sieben Punkte Rückstand sind nur sehr schwierig aufzuholen“, sagte Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge zufrieden.

Schon früh deutete sich an, dass sich der Plan der Bremer, in München eine Aufholjagd zu starten, zersetzen könnte wie der Schnee auf der Rasenheizung. Nach sechs Minuten gingen die Bayern in Führung – zunächst wehrte Andreas Reinke eine harmlose Freistoßflanke nur zum Eckstoß ab; die Hereingabe durch Frings rammte Ballack per Kopf ins Tor, „ohne Gegenwehr“, wie Werders Sportdirektor Klaus Allofs missmutig betonte.

Die Ausgangslage war somit klar, für Bremen hatte das Spiel frühzeitig Finalcharakter, doch in der ersten Halbzeit kam von den Gästen wenig. Ungewohnt halbherzig gingen sie zu Werke. Johan Micoud verweigerte sich stur seiner Spielmacher-Rolle und bewarb sich durch zwei unmotivierte Fouls frühzeitig für einen Platzverweis. Die Bayern-Fans, die die Bremer Spieler bei Eckstößen mit Schneebällen bewarfen (und vom Stadionsprecher mit dem Hinweis gerügt wurden, dies sei kein Schnee, sondern „gefrorenes Eis“), hätten sich ihre Mühe sparen können. Die Münchner Abwehr wurde mit der zögerlichen Bremer Offensive allein fertig. Die beste Torgelegenheit der Gäste in der ersten halben Stunde war ein mäßig platzierter Freistoß von Valerien Ismael aus 30 Metern.

Die Bayern beschränkten sich vor den Kraftproben mit Arsenal und Titelkonkurrent Schalke auf das Wesentliche. „Wir haben wenig Ansehnliches gezeigt“, sagte Bayerns Trainer Felix Magath ohne erkennbares Bedauern; zum einen, weil „Bremen gar nichts anderes zugelassen“ habe, zum anderen, weil „unsere Defensive sehr gut stand und das ein gelungener Test für Arsenal war“.

Die Engländer, dessen war sich auch Magath bewusst, dürften seine Mannen vor größere Probleme stellen, als dies Werder gelang. In der zweiten Halbzeit fand der Meister ebenfalls „nicht die richtigen Mittel“, wie Trainer Thomas Schaaf sagte. Am nächsten kamen die Bremer dem Ausgleich, als es Nelson Valdez nach einem rustikalen Einsteigen Oliver Kahns mit großer Geschicklichkeit gelang, auf den Beinen zu bleiben, anstatt sich fallen zu lassen, was wahrscheinlich zum Elfmeter geführt hätte. „Das war schon gut vom Nelson. Wir können ja keine Schwalben fordern“, sagte Allofs, wenngleich er dem Stürmer eine unsanfte Landung vermutlich nicht eben persönlich übel genommen hätte.

In der Folge beaufsichtigten die Münchner ihre Führung souverän und ließen durch Paolo Guerrero und Roy Makaay gute Chancen aus. Die wahre Hiobsbotschaft aus Münchner Sicht war indes, dass sich Makaay kurz vor dem Abpfiff bei einem Sprint einen Muskelfaserriss zuzog und gegen Arsenal ausfallen wird.

Die Bremer dagegen mussten sich von dem Traum verabschieden, als erster Verein das Double erfolgreich zu verteidigen. Die Erinnerungen an das Olympiastadion dürften ebenfalls getrübt worden sein, es war das letzte Liga-Duell vor dem Umzug der Bayern in die neue Allianz-Arena. Allerdings könnte es bald zu einem Wiedersehen im Pokal kommen. Heute wird das Halbfinale ausgelost. Schaaf hielt ein Mikrofon in der Hand, als Bayerns Pressechef Markus Hörwick daran erinnerte. Der Bremer Trainer schaute in die Runde, doch er sagte nichts. Er wirkte, als könne er sich angenehmere Konstellationen vorstellen.

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