Sport : Spielkultur mit Punktverlusten

Schalke lässt vor dem Derby gegen Dortmund keine Zweifel am jungen Torwart Manuel Neuer aufkommen – auch wenn er mal patzt

Jörg Strohschein[Gelsenkirchen]

Man musste mit Manuel Neuer fast schon Mitleid haben, als er sich aus dem Tornetz befreite. Sein Blick war starr nach vorne gerichtet und seine Schultern hingen schlaff nach unten. Antonio da Silva vom VfB Stuttgart hatte mit einem Freistoßheber aus gut 30 Metern Entfernung den Anschlusstreffer in der Schalker Arena erzielt, und Manuel Neuer wusste, dass er daran nicht unschuldig war. Da saß er nun und für einen Moment schien es, als wolle er vor Scham im Boden versinken. Doch im nächsten Augenblick hatte Neuer sich wieder gefangen und spielte die Partie stoisch zu Ende. Es sind nicht nur die außergewöhnlichen sportlichen Fähigkeiten, die den 21-Jährigen nach nur einer Saison im Schalker Tor in den Kreis der Nationalmannschaft befördert haben. Es ist vor allem seine Gelassenheit, die jegliche Selbstzweifel in Windeseile vertreibt und ihm eine bemerkenswerte Souveränität verleiht. „Man darf nie mit sich hadern“, sagt Neuer. Nicht nur die Arbeit mit einem Mentaltrainer dürfte der Ursprung dieser Sichtweise sein.

Dabei war es nicht seine erste Unzulänglichkeit in der Saison. Der Boulevard war ohnehin bereits recht rüde mit Manuel Neuer umgegangen und hatte ihn „Flutschfinger“ getauft. „Entscheidend ist, dass er weiter seine Linie verfolgt und sich nicht von seinem Weg abbringen lässt. Ich bestärke ihn in seinen Leistungen“, sagt Mirko Slomka. Der Schalker Trainer setzt auch im heutigen Revierderby bei Borussia Dortmund auf Neuer. Eine Entscheidung zugunsten von Ersatzmann Mathias Schober wäre auch gleichbedeutend gewesen mit einem Rückfall in Zeiten, in denen Torhüter mit einem Rückpass kaum mehr anfangen konnten, als den Ball ziellos in die gegnerische Hälfte zu dreschen.

Müsste sich Oliver Kahn heutzutage für einen Torhüterposten bewerben, hätte er es mit seinen limitierten fußballerischen Mitteln wohl schwer gegen die Neuers oder René Adlers (Leverkusen) der modernen Fußballwelt. Die Generation Neuer steht für einen Quantensprung im Torhüterspiel. „Kaum ein Torwart ist in der Spieleröffnung so stark wie er“, sagt Slomka. „Sein Mitspielen oder sein Abfangen der hohen Bälle ist außergewöhnlich“, lobt Torwarttrainer Oliver Reck. Für die größere Spielkultur im Tor müssen Klubs aufgrund der Jugendlichkeit ihrer Torhüter bisweilen mit Punktverlusten bezahlen. Bislang verhindern die Leistungsschwankungen der jungen deutschen Torhüter auch, dass sie als ernsthafte Alternativen zu Jens Lehmann in der Nationalelf angesehen werden. Perspektivisch gesehen werden sie die Torhüter der alten Schule aber verdrängen. Zuletzt wagte Felix Magath diesen Schritt in Wolfsburg, indem er Simon Jentzsch demontierte.

Schon beim Schalker Torhüterwechsel im Herbst 2006, als Neuer den etablierten Frank Rost ablöste, sagte Manager Andreas Müller: „Manuel ist ein junger Spieler, ihm gestehen wir Fehler zu.“ Nach Neuers überragender ersten Saison scheint nun die Zeit gekommen, dieses Versprechen einzulösen. Daran lassen die Schalker Verantwortlichen derzeit keine Zweifel aufkommen. Und DFB-Sportdirektor Mathias Sammer hatte ausgerechnet nach dem Spiel gegen Stuttgart noch einmal auf Neuers Talent hingewiesen: „In zwei, drei Jahren wird er der beste Torhüter der Welt sein.“

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