Spielmanipulation : Wettskandal: An der Schnittstelle

Zwischen Slapstick und Professionalität: Die Regionalliga ist für Betrug am anfälligsten. 18 Spiele stehen dort unter dem Verdacht der Manipulation.

Stefan Hermanns

Berlin - Manchmal sind die großen Emotionen sogar in der Regionalliga zu Hause. Vor ein paar Wochen im Grenzlandstadion von Mönchengladbach: Als Borussias Zweite durch ein Tor in letzter Minute noch das Siegtor gegen Wormatia Worms erzielt, bricht bei den Gästefans endgültig die Wut heraus. An die hundert Wormser haben auf der Tribüne gelärmt, getrommelt und geschrien, als wären sie noch beim großen Fußball, doch jetzt richtet sich der Frust gegen die eigene Mannschaft. Später sucht Torhüter Thorsten Müller den Dialog, er wird beschimpft und nur mit Mühe an einer körperlichen Auseinandersetzung gehindert.

„Die Regionalliga ist ein hartes Brot“, sagt Uwe Erkenbrecher, der Trainer von Rot-Weiss Essen. Frustrierte Traditionsvereine wie der frühere Meister Essen, der Europacupsieger Magdeburg, Hessen Kassel oder Preußen Münster treffen auf aufstrebende Junioren-Nationalspieler, die für die zweiten Teams der Profiklubs spielen, oder neureiche Provinzklubs. Kaum eine Spielklasse im deutschen Fußball ist so heterogen besetzt wie die viertklassige Regionalliga mit den Staffeln Nord, Süd und West. Und keine scheint so stark in den aktuellen Wettskandal verstrickt zu sein. Insgesamt stehen 32 Spiele des deutschen Fußballs unter Verdacht, bei mehr als der Hälfte (18) soll es sich um Begegnungen aus der Regionalliga handeln.

Der West-Regionalligist SC Verl hat in dieser Woche zwei Spieler suspendiert, die mit einem weiteren, der nicht mehr im Verein ist, an Manipulationversuchen beteiligt gewesen sein sollen. Es geht um die beiden letzten Spieltage der vorigen Saison, als der SC Verl gegen Borussia Mönchengladbach und den 1. FC Köln verlieren sollte. „Diese beiden Spiele sind manipuliert worden“, bestätigte Verls 2. Vorsitzender Jochen Scholz am Mittwoch, „in dem ersten Fall ist es nicht gelungen.“

20 000 Euro soll der Betrug den Spielern eingebracht haben – das ist weit mehr, als in der Regionalliga in einem Monat zu verdienen ist. Dass die Regional- und Oberligen besonders gefährdet sind, glaubt auch Theo Zwanziger. „Man will dort professionell arbeiten, aber die wirtschaftlichen Bedingungen sind nicht so wie in der Ersten oder Zweiten Liga“, sagt der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). „Deshalb ist die Anfälligkeit dort generell am größten.“

Sogar der DFB ist sich bewusst, dass die Regionalliga eine schwierige Liga ist, eine Grauzone zwischen großem Sport und Freizeitfußball. 26 der 33Klubs (ohne die Zweitteams der Profiklubs) dieser Saison weisen ein negatives Eigenkapital auf, ihre Verbindlichkeiten betragen im Schnitt 2,2 Millionen Euro. Nach der Ligareform 2008 ist die Liga nur noch viertklassig – die öffentliche Aufmerksamkeit ist nicht mehr so groß ist, es ist schwierig, Sponsoren zu gewinnen, zumal die Spiele nur selten im Fernsehen gezeigt werden. Vielleicht macht auch das die Regionalliga für Betrüger so interessant. Sie ist die höchste Liga, die weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit spielt, auf die man trotzdem wetten kann: Wenn ein Verteidiger vom SC Verl slapstickhaft über den Ball tritt, fällt das im Zweifel keinem auf – weil es nie im Fernsehen zu sehen ist.

„Das ist die absolute Schnittstelle“, sagt Essens Trainer Uwe Erkenbrecher über die Regionalliga. „Die Oberliga darunter ist schon zwei Klassen schlechter.“ In Essen kämpft er mit aller Macht darum, aus der Regionalliga herauszukommen; in Berlin, bei Türkiyemspor, hat er zuletzt mit aller Macht darum gekämpft, in der Regionalliga zu bleiben. Besser lassen sich die Unterschiede kaum illustrieren. Spielt RWE gegen Münster, kommen 10 000 Fans, bei Türkiyemspors letzten Heimspiel gegen Herthas U 23 waren es 211. „Rot Weiss Essen ist ein bisschen was Besonderes“, sagt Erkenbrecher. „Wir haben in dieser Liga nichts zu suchen.“

Wenn er in der vorigen Saison bei Türkiyemspor am Morgen trainiert hat, stand ihm gerade mal der halbe Kader zur Verfügung; der Rest musste arbeiten. In Essen hingegen findet Erkenbrecher Verhältnisse wie in einem Profiklub vor: „Wir haben ein bisschen Geld zur Verfügung – ein bisschen mehr als andere.“ Rot-Weiss Essen verfügt über einen Etat von 6,6 Millionen Euro, beim ZFC Meuselwitz aus Thüringen ist es weniger als ein Viertel. In der vergangenen Saison erhielt jeder Klub 160 000 Euro Fernsehgeld, in dieser sind es nur noch 90 000. Hinzu kommt eine Einmalzahlung des DFB von 30 000 Euro, bestimmt für Jugend und Amateure.

Im Schnitt betragen die Personalkosten pro Klub eine Million Euro. Die Unterschiede aber sind erheblich. Die Spanne bei den Gehältern reicht von 150 Euro im Monat, dem Minimum für Vertragsspieler im DFB, bis zu fünfstelligen Beträgen in einzelnen Fällen – wobei die Traditionsklubs wohl besser zahlen als die Profivereine für ihre Nachwuchsspieler. „Unsere Jungs verdienen nicht das große Geld“, sagt Herthas U-23-Trainer Karsten Heine. Gegen illegale Versuchungen sind sie wahrscheinlich trotzdem eher gefeit als gealterte Profis, die in der vierten Liga noch mal absahnen. Die Nachwuchsspieler haben ihre Karriere noch vor sich.

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